Bono und The Edge (U2)

Bono und The Edge (U2)





"Man hat eine U-Bahnlinie nach uns benannt!"

Aktuell trommeln U2 mit viel Lust und Leidenschaft für ihre neue Platte "Songs Of Experience". Unter dem Motto "U2 in der U2" absolvierten Bono (57) und The Edge (56) kürzlich sogar einen Überraschungsauftritt in der Berliner U-Bahnlinie U2. Sie schüttelten Fans und ahnungslosen Passanten die Hände und stiegen dann bei der Station Deutsche Oper aus, um dort drei Songs zu spielen. Zuvor erzählten Bono und The Edge im Interview, woran sie bei U-Bahnfahrten denken müssen, wie eine Nahtoderfahrung ihr neues Album beeinflusste und wo man in Dublin am besten Weihnachten feiert. Über die "Paradise Papers" wurde nicht geredet.

"Because We Love U2", steht doppeldeutig an den Zugwagons der U-Bahnlinie U2 geschrieben. Etwa 120 Fans und ein paar Pressevertreter füllen am Mittwochmittag (6. Dezember) den Sonderzug der Berliner Verkehrsbetriebe, der an der Haltestelle Olympiastadion geparkt ist. Viele von ihnen waren schon im Sommer hier, als die irische Rockband vor 70.000 Fans im Rahmen ihrer Tour zum 30. Jubiläum des Albums "The Joshua Tree" aufspielte.

Als U2-Sänger Bono und Gitarrist The Edge an der Haltestelle eintreffen, ist das Gedränge und Handy-Gewimmel groß. Die beiden Musiker stiefeln einmal durch den ganzen Zug, beantworten dabei Fragen und wirken geradezu tiefenentspannt, auch wenn die Veröffentlichung des 14. Studioalbums "Songs Of Experience" von den Enthüllungen rund um die "Paradise Papers" überschattet wird. Bono war aufgrund seiner Beteiligung an einem Einkaufszentrum in Litauen in die Schlagzeilen geraten. Aber dazu will die Band sich in Berlin nicht äußern.

Stattdessen versprüht sie ganz viel Liebe in der Hauptstadt. "Berlin ist einer unserer Lieblingsorte", meint Bono, und man glaubt ihm jedes Wort. "Die Stadt steht für Offenheit gegenüber der Welt und den Menschen, egal, welche Hautfarbe, Religion oder Herkunft sie haben. Berlin ist längst zum Herzen und Kopf Europas geworden." The Edge fügt hinzu: "Und man hat hier extra eine U-Bahnlinie nach uns benannt hat - wir könnten nicht stolzer sein." Gelächter bricht aus.

Was Bono als erstes zum Thema Bahnfahren einfällt? "Einer der ersten Songs, die Elvis Presley aufnahm, handelte von einem Zug. Das Lied heißt 'Mystery Train'", meint der bekennende Fan des King. "Diese Fahrt hier fühlt sich für mich wie eine Elvis-Matinee an. Man erwartet, dass jeden Moment der ganze Zug zu singen anfängt - so wie im Elvis-Film." Später wird tatsächlich im Kollektiv gesungen, als Bono und The Edge mitten auf der Haltestelle Deutsche Oper die Hymne "One" als Liebeserklärung an Berlin anstimmen - das Lied hatten U2 1990 für das Album "Achtung Baby" in den legendären Hansa-Studios aufgenommen.

Am Abend zuvor ist das Szenario noch ein komplett anderes: Bono und The Edge sitzen mit Jetlag in einer Suite im Westen Berlins mit Ausblick auf die Gedächtniskirche und den Weihnachtsmarkt. "Da würde ich nachher gerne mal vorbeischauen", beschließt der U2-Frontmann beim Blick nach unten und prostet mit einem Pils zu. "Ich liebe Weihnachten! In Dublin geht man raus auf die Straßen, macht Musik. Wir Iren wissen einfach, wie man Weihnachten feiert."

Aber so weit ist es ja noch nicht. U2 sind da, um ihr neues Album zu bewerben. Und das klingt mitreißend, vielschichtig, stadiontauglich, hoffnungsvoll und keinesfalls altersmüde. "Songs Of Experience" ist überdies Fortsetzung und Gegenstück zu "Songs Of Innocence" aus dem Jahr 2014. "Eigentlich ist die Phase der Unschuld für eine Band am schönsten", meint The Edge. "Aber es gibt großartige Ausnahmen: Leonard Cohen war eine - er wurde im Laufe seiner Karriere immer tiefsinniger und interessanter. Darum bemühen wir uns auch."

Bono hofft derweil, als weiser Mann irgendwann zur Naivität der Anfangstage von U2 zurückkehren zu können. "Man weiß zu viel über die Welt, wenn man erwachsen wird. 'Songs Of Innocence' und 'Songs Of Experience' sind wie ein Zwiegespräch zwischen dem jungen und dem älteren Ich." Er sei sich aber nicht sicher, was sein jüngeres Ich von seinem jetzigen Ich hielte. "Der junge Bono sieht alles schwarz und weiß und ist viel schonungsloser. Er wirft noch mit Steinen nach dem Feind."

Aber dieser junge, ungestüme Bono ist inzwischen auch Geschichte. Wie schwierig ist es überhaupt, als Rockband mit mehr als 40 Dienstjahren in Würde zu altern? "Ich denke, wir machen unsere Sache ganz gut", findet The Edge. "Klar, da ist viel Häme. Aber wir lassen uns davon nicht beirren. Wir fühlen noch dieselbe Ambition wie damals, als wir anfingen. Wir sind eine Straßengang, die nie erwachsen wurde." Bono fällt ihm lachend ins Wort: "Und solange wir dieses Gefühl aufrechterhalten können, können wir auch noch würdevoll erwachsen werden."

Einige der neuen Songs sind wie Liebesbriefe an Menschen und Orte geschrieben. Ein Dichter hatte Bono den Tipp gegeben, die Texte so zu verfassen, als sei er bereits tot. Das würde den Zeilen eine andere Dringlichkeit verleihen, lautete die Begründung. "Genau vor einem Jahr hatte ich eine Nahtoderfahrung", berichtet Bono. Näheres wolle er sich dazu nicht entlocken lassen. "Aber was ich auch nicht will, ist mir weiterhin vorzumachen, ich wäre als Rockstar unsterblich. Das bin ich nicht, und das habe ich jetzt eingesehen." Es geht viel um Liebe auf "Songs Of Experience". In "Get Out Of Your Own Way" gibt Bono seiner Tochter Tipps gegen den Liebeskummer. "You're The Best Thing About Me" ist den Frauen der U2-Männer gewidmet, "American Soul" den USA.

"Amerika war für uns immer eine Muse", erklärt Bono. "Wir haben das Land durch die Musik entdeckt - Künstler wie Patti Smith, die Ramones, Elvis oder die Beach Boys, deren Songs wir bei unseren ersten Bandproben spielten. Es ist traurig, wie sich das Land gerade verändert und wichtig, dass es zur Toleranz zurückkehrt. Das Amerika, an dem wir interessiert sind, ist jedenfalls das Land, was du siehst, wenn du deine Augen schließt." Das Albumcover für "Songs Of Experience" fotografierte Langzeitkollaborationspartner Anton Corbijn. Darauf sieht man Bonos Sohn Eli und The Edges Tochter Sian mit Militärhelm posieren. "Gibt es ein besseres Bild, um Unschuld und Erfahrung zu symbolisieren?", fragt The Edge. "Und Spaß hatten die beiden auch noch bei dem Shooting."

In den nächsten Wochen werden U2 in den Hitlisten in Amerika, Großbritannien und Deutschland einmal mehr ganz vorne dabei sein. Und die "Experience + Innocence"-Tour, die Anfang Mai in den USA startet, soll danach auch nach Europa kommen. Dass U2 die vergangenen acht Jahre fast konstant auf Tour waren, scheint ohne Schäden an ihnen und ihren Familien vorübergegangen zu sein: "Wenn ich das Haus verlasse, sehe ich manchmal sogar ein Strahlen in den Augen von Ali und den Kindern", grinst Bono. "Meine Frau ist sehr unabhängig. Ich glaube, ihr gefällt es sogar, wenn sie mal eine Pause von mir hat."

Quelle: teleschau - der mediendienst