Voll verschleiert

Voll verschleiert





Der Mann im Tschador

Nein, er kenne leider nicht den Weg zur Moschee, muss Armand (Félix Moati) der älteren Dame gestehen. Sie hat allen Grund, Armand anzusprechen - bei seinem Aufzug: Mit hoher Stimme zu sprechen, fällt ihm leicht, das Gehen hingegen schwer. Als er sich hektisch abwendet, tritt er auf den Saum seines Gewandes, taumelt vor ein herannahendes Auto. Es hätte ihn fast überfahren. "Wenn du sterben willst, geh' nach Syrien", ruft der Mann am Steuer. Armand bewegt sich in seinem Tschador auf einem schmalen Grat zwischen Bedrohung und Skurrilität - so wie der ganze Film "Voll verschleiert" es tut. Regisseurin Sou Abadi gelingt es in ihrem Debütspielfilm, eine klamaukige Idee in zwerchfellerschöpfende Situationskomik umzumünzen und so sanfte Aufklärung für religiöse Eiferer zu betreiben.

Armand sieht keine andere Wahl, als sich zu verschleiern, wenn er seine Freundin Leila (Camélia Jordana) zu Gesicht bekommen will. Beide studieren an der Elitehochschule für politische Wissenschaften in Paris. Beide erhalten die Chance, in drei Wochen ein Praktikum bei der UNO in New York zu machen. Da kehrt Leilas Bruder Mahmoud (William Lebghil) aus dem Jemen zurück. Er hat sich zu einem strenggläubigen Muslim - oder was er dafür hält - verwandelt, der seiner Schwester jeglichen Umgang mit Armand verbietet, sie zu Hause einsperrt, bis sie "auf den rechten Pfad" einschwenkt.

Um Leila weiter treffen und körperlich lieben zu können, verwandelt sich Armand mithilfe muslimischer Mitstudenten und viel Lektüre über den Islam in "Scheherazade": Eine voll verschleierte junge Frau, die angeblich von einem muslimischen Verein geschickt wurde, damit sie Leila religiös unterweist und ihrerseits mehr über die französische Kultur erfährt. Die List gelingt - und zwar mehr, als dem Paar recht sein kann. Denn Mahmoud entbrennt in Leidenschaft für die fromme Scheherazade und drängt darauf, sie heiraten zu dürfen.

"Voll verschleiert" hat seine Härten. Einmal erzählt Armands Mutter (Anna Alvaro), iranischer Herkunft und wie ihr Mann vollkommen in Frankreich assimiliert, wie ihre Freundin im Jahre 1981 in Teheran Opfer eines entstellenden Säureattentats geworden ist. Die Handkamera zittert mit, wenn Mahmoud seine Schwester packt und schüttelt, die Familienfotos zerreißt und ihren Pass verbrennt. "Voll verschleiert" weiß genau um die brutale Realität - aber auch, dass sie sich vielleicht nur mit Humor entschärfen lässt. Dessen Bote ist der unerkannte junge Mann im Tschador.

Armands Verkleidung löst irrwitzige Turbulenzen aus, die alle Beteiligten unfreiwillig eine (neue) Position zur Religion einnehmen lässt: Armand wird aufgrund des französischen Verschleierungsverbots zum Verfolgten im Alltag - nicht zuletzt vor seiner eigenen Mutter, die im Bus von der 'Frau' ihr gegenüber verlangt, das Unterdrückungssymbol abzulegen! Gleichzeitig hat er Gelegenheit, Mahmoud mit dessen vermeintlich eigenen 'Waffen', den Worten des Propheten, zu zähmen. Leila wird durch Armands aufopferungsreichen Beistand stärker und lernt, ihrem Bruder die Widersprüche seiner Haltung aufzuzeigen. Und der fängt an zuzuhören und lässt die Axt auf den Knien ruhen, statt damit weiter die Tür zu Leilas Zimmer einzuschlagen.

Quelle: teleschau - der mediendienst