Jessica Chastain

Jessica Chastain





"Männliche Schauspieler werden so etwas nicht gefragt!"

Es ist eine eindrucksvolle Blitzkarriere, die Jessica Chastain da hingelegt hat: 2010 war die hübsche Kalifornierin quasi noch eine Unbekannte. Doch seit sie 2011 in "The Tree of Life" neben Superstar Brad Pitt spielte, wurde sie mit über 70 Filmpreisen ausgezeichnet und für 100 weitere nominiert - für ihre Rollen in "The Help" und "Zero Dark Thirty" sogar für zwei Oscars. Auch in ihrem neuen Film, dem Thriller "Die Erfindung der Wahrheit", glänzt der Rotschopf einmal mehr mit einer preisverdächtigen Performance. Ab 7. Juli ist sie darin als knallharte Washingtoner Lobbyistin zu sehen. Beim Interview in Paris ist ihre Erscheinung ebenso perfekt wie die ihrer Hauptfigur Elizabeth Sloane: Auf hohen Hacken begrüßt Chastain die Journalisten. Dabei sind ihre Gesichtszüge wesentlich weicher, und wenn sie lacht, dann ist die mutmaßlich 40-Jährige einfach umwerfend.

Neuer Film, neues Spiel. Und wieder einmal geht es um Politik. Der aktuelle Bezug ist offenkundig, erst recht in der Trump-Ära, wo im Oval Office einer der reichsten Männer der Welt agiert, der es mit mehr eher dubiosen Methoden und knallhartem Geschäftssinn erst zu Wohlstand und dann ins Weiße Haus geschafft hat. All das zum Missfallen von Jessica Chastain, die am Tag von Trumps Amtseinweihung mit ihrer Familie direkt vom Set auf die Straße gegangen ist, um zu demonstrieren.

Die Dreharbeiten zu "Die Erfindung der Wahrheit" haben ihr die Augen geöffnet: "Vorher war ich naiver. Mir war nicht klar, in welchem Maße Geld in der Politik eine Rolle spielt. Ich habe mich mit einem Senator unterhalten, der mir sagte, dass er jeden Tag zu drei Geldgebern ginge. Ist das der Job eines Politikers - Geld einzusammeln?", empört sich die Clinton-Unterstützerin. "Wenn ich denke, was man mit diesem Geld alles machen könnte! Lebensmittel für die Armen bezahlen und eine bessere gesundheitliche Versorgung für Frauen!"

Aus ihrer Meinung macht die wortgewandte, politisch interessierte Jessica Chastain kein Geheimnis. Weshalb sie regelmäßig auf den sozialen Medien postet: "Zum Beispiel hat sich die Sterberate bei Frauen in den USA verdoppelt, weil bestimmte Gesundheitsprogramme gestrichen wurden. Wenn ich so etwas poste, bekomme ich sehr viele negative Reaktionen, meistens von sehr konservativen Männern." Auch mit ihrer Forderung nach strengeren Waffengesetzen dürfte sie sich in bestimmten Kreisen wenige Freunde machen: "Als kleines Mädchen bin ich immer zum Schießen gegangen, wir haben dann auf Blechdosen geballert. Insofern habe ich kein Problem damit, wenn jemand eine Waffe besitzt, um zu jagen oder sich zu verteidigen", erklärt die Tochter einer Köchin. "Aber ich habe ein Problem damit, wenn Leute, die psychisch krank sind, eine Waffe haben."

Insofern teilt sie durchaus die Meinung ihrer Filmfigur, die gegen die Interessen der Waffenindustrie vorgeht - mit einer Verbissenheit, die der diesjährigen Cannes-Jurorin unheimlich ist: "Ich selbst möchte niemals dahin kommen, dass ich meine Freude am Leben verliere." Dass sie dennoch, ohne größere Opfer zu bringen, so erfolgreich ist, überrascht die Durchstarterin selbst ...

Von der Theaterbühne schaffte sie den Sprung auf die internationalen Kinoleinwände mit millionenschweren Produktionen. Das Leben muss sich für die zarte Chastain, die als Studentin mit geliehenem Geld und Rucksack durch Europa gereist ist, jetzt ziemlich anders anfühlen: "Absolut! 2011 kam einer meiner ersten Filme raus, jeder Tag war damals ein Schock für mich, weil Schauspieler, die ich bis dahin bewundert hatte, auf mich zukamen, um mit mir zu sprechen", gesteht sie. "Ich erinnere mich noch, wie Gary Oldman mit mir geredet hat. Und ich dachte: 'Wow, Gary Oldman hat mich auf der Leinwand gesehen!' Dass all diese Menschen, mit denen ich in meinen Träumen immer arbeiten wollte, mich hatten spielen sehen, das war der Wahnsinn!"

Ein bisschen zumindest erinnert die Erfolgsgeschichte der Jessica Chastain, wenn man so will, auch an Aschenputtel, die auf einmal in das Scheinwerferlicht der Weltöffentlichkeit tritt. "Nicht wirklich, denn Cinderella musste darauf warten, dass etwas passiert, dass ihr jemand den richtigen Schuh anzieht. Und in meinem Fall war ich ja aktiv dabei, mein Leben in die Hand zu nehmen. Ich sage mal, ich hatte quasi die Wanderschuhe schon an."

Inzwischen hat Chastain ihre eigene Produktionsfirma, Freckle Films, und "vielleicht werde ich sogar Regie führen". Doch eigentlich will sie ja einen Gang runterschalten: "Ich muss besser darin werden, mir Zeit für mich zu nehmen", gesteht Jessica Chastain, die sich gern zu viele Projekte aufhäuft, "weil ich eben so ein neugieriger Mensch bin und dazu lernen möchte. Aber dann merkt man auf einmal, man hat überhaupt keine Zeit mehr, um zur Ruhe zu kommen und nichts zu tun." Acht weitere Filmprojekte listet die Branchenplattform IMDb für sie allein in den nächsten zwei Jahren, darunter ein Ingrid-Bergman-Biopic und der nächste "X-Men"-Film "Dark Phoenix".

Dabei soll Jessica Chastain, die ihr Geburtsdatum geheim hält, Ende März 40 geworden sein - in einer Branche, in der Altern unerwünscht ist. Auf die Frage, ob sie sich darüber Gedanken macht, reagiert der Hollywoodstar fast etwas ungehalten: "Daran denke ich nicht. Ich denke eher, dass Frauen und Männer endlich gleichberechtigt sein sollten. Männliche Schauspieler werden so etwas nicht gefragt, und ich mag nicht einmal darauf antworten, weil ich das Gefühl habe, dass ich mich mit einer Antwort den Frauen keinen Gefallen tue. Eine solche Frage entwertet uns." Ok, verstanden, falsche Frage.

Von dieser einen Situation abgesehen, ist die Amerikanerin wirklich ein Musterbeispiel an Höflichkeit und Bodenständigkeit. Kein Klotzen, keine Allüren, keine Arroganz wie bei manch anderen Kollegen. Wie ihr das gelungen ist? "Ich denke, es hat damit zu tun, dass ich mich mit dem Filmbusiness nicht weiter beschäftige. Ich gehe zu den Partys nur, wenn ich muss. Als ich den Golden Globe gewonnen habe, waren alle gekommen, um mit mir zu feiern, aber ich war am Ende nur 15 Minuten da. Ich stehe einfach nicht gerne im Mittelpunkt", erklärt Chastain. "Vielleicht sind Leute, die das mögen, etwas abweisender, weil man sich ja irgendwie abgrenzen muss. Ich musste mich nie schützen, weil ich nie etwas von mir preisgegeben habe. Ich rede auch nicht in irgendwelchen Klatschmagazinen über meine Beziehungen, ich behalte das alles für mich."

Natürlich ist die Presse dennoch dahintergekommen, dass die Schauspielerin kürzlich ihren Verlobten Gian Luca Passi de Preposulo geheiratet hat. Der Italiener stammt aus einer lombardischen Adelsfamilie, insofern darf sich Jessica Chastain fortan offiziell "Contessa Passi de Preposulo" nennen. Jetzt ist sie also auch noch Gräfin. Wenn das mal kein Märchen im Stile Hollywoods ist.

Quelle: teleschau - der mediendienst