Dirk Steffens

Dirk Steffens





Optimismus ist alternativlos

Der ausgebildete Journalist Dirk Steffens ist seit 25 Jahren auf Reisen. Er tut es, um ferne Länder und Tierarten zu erkunden. Seit 2005 steht der 49-Jährige auch vor der Kamera. Zunächst für VOX, seit 2008 für die ZDF-Reihe "Faszination Erde". Steffens, der aus der Nähe von Stade stammt, ist jedoch weitaus mehr als nur "Presenter" seiner Stoffe. Er gilt als einer der umtriebigsten Umwelt-Aktivisten Deutschlands. Der Extrem-Reisende engagiert sich in mehreren Gremien und dreht derzeit einen Dokumentarfilm über eines der größten Menschheitsprobleme, das Artensterben. Am Sonntag, 9. und 23. Juli (jeweils 19.30 Uhr), stehen aber zunächst zwei neue Folgen von "Faszination Erde" auf dem Programm. Dirk Steffens berichtet aus Sri Lanka und Grönland.

teleschau: Herr Steffens, Sie kommen gerade aus Grönland zurück, davor waren Sie auf Sri Lanka. Wird Ihnen das Reisen nicht manchmal zu viel?

Dirk Steffens: Nein, wir machen regulär sechs Sendungen pro Jahr. Dazu dann noch Sonderprojekte. Dafür bin ich bis zu sechs Monate pro Jahr auf Reisen. Das halte ich durch (lacht). Außerdem verbinde ich viele Reisen mit persönlichen Anliegen. Wir berichten oft über Themen, die mir wirklich wichtig sind. Da spürt man so etwas wie Reisestress kaum noch.

teleschau: Sie machen den Job seit 25 Jahren. Wie schwer ist es, immer wieder neue Themen zu finden?

Steffens: Das ist nicht schwer. Die Welt verändert sich ja stetig. Geplant wird "Faszination Erde" von der Wissenschafts-Redaktion des ZDF in München. Die Kollegen dort haben einen guten Überblick, wo auf der Welt gerade spannende Forschung stattfindet. Einmal im Jahr sitzen wir dann zusammen und besprechen die Themen für die nächste Staffel.

teleschau: Was reizt Sie am meisten?

Steffens: Gute Geschichten. Sollte eine ausgegraben werden, fahre ich lieber noch mal nach Südafrika, wo ich schon 20-mal war, als nach Tadschikistan, das ich gar nicht kenne. Am meisten genieße ich Drehs mit wilden Tieren. Gerade jetzt planen wir, im Kongo Bonobos zu filmen. Das sind Zwergschimpansen, sie gelten als die nächsten Verwandten des Menschen im Tierreich. Ich habe sie noch nie gesehen, da erfüllt sich hoffentlich einer meiner großen Lebensträume.

teleschau: Haben Sie noch andere Lebensträume, die Sie in der Sendung verwirklichen wollen?

Steffens: Ja, einer ist in Grönland gerade richtig schön schiefgegangen. Ich wollte unter einem Eisberg tauchen. Um die Strukturen zu sehen, die Mechanismen, die Eisberge schmelzen lassen, aber auch als Erlebnis. Wir hatten Schneestürme, viel Wind - die Aktion wurde zu gefährlich, wir mussten den Plan aufgeben. Bei Expeditionen ist das leider nichts Ungewöhnliches. Die Realität macht den Träumen oft einen Strich durch die Rechnung.

teleschau: Welche großen Träume sind schon erfüllt worden?

Steffens: Ganz viele. Ich war auf dem Eisschild Grönlands und in der Antarktis, bin mit Walen getaucht und vieles mehr. Ich gehe seit 25 Jahren auf diese Expeditionen. Zuerst hinter der Kamera. Nun seit zehn Jahren davor. Anders, als viele anderen Dinge im Leben, nutzt sich so etwas nicht ab. Wenn ich mir ein neues Handy kaufe, bin ich drei Tage begeistert, weil das Ding so viel kann. Danach wird es normal. Wenn ich einem wilden Elefanten begegne oder mit einem Hai tauche, ist es heute noch genauso aufregend und wunderbar wie beim allerersten Mal.

teleschau: Aber warum nutzen sich bestimmte Erfahrungen im Leben ab - und andere nicht?

Steffens: Weil Konsum nicht so befriedigt wie Liebe, in diesem Fall die Liebe zur Natur. Leidenschaft kann man weder kaufen noch lernen. Sie ist einfach da oder eben nicht. Glück im Leben bedeutet für mich, dass man die Gelegenheit bekommt, seiner eigenen Leidenschaft nachzugehen. Dass ich es darf, ist mein großes Glück. Verdient habe ich es mir nicht, es war tatsächlich überwiegend Glück.

teleschau: Können Sie sagen, was Sie an der Begegnung mit Tieren so fasziniert?

Steffens: Ich weiß nur, dass ich dann voll im Moment bin. So wie ein spielendes Kind, das alles um sich herum vergisst. Termine, Pläne, Probleme und Ziele meiner Arbeit spielen in so einem Moment keine Rolle mehr. Ich höre dann auf, ein reflektierender Mensch zu sein. Eine sehr sinnliche Erfahrung, ich fühle mich dann frei.

teleschau: Nutzen sich Landschaften ab - oder bleiben die auf Dauer so faszinierend wie die Begegnung mit Tieren?

Steffens: Auch Landschaften nutzen sich nicht ab, sie wirken nur subtiler. Wir haben ein kleines Ferienhaus in der Nähe der Ostsee, von dort aus guckt man auf einen See. Das mache ich heute noch ebenso gern wie vor einigen Jahren. Obwohl ich das, was ich sehe, bereits gut kenne. Natürlich interagieren Landschaften nicht so intensiv mit uns, wie es Tiere tun. Aber es ist ein Hintergrund, der auf die Seele wirkt.

teleschau: Auf das Meer gucken, wird bekanntlich nie langweilig ...

Steffens: Oder zünden Sie ein Lagerfeuer an und alle Menschen gucken ins Feuer. Am Meer schaut man auf die Wellen. Steht man auf einem Berg, richtet sich der Blick nach unten ins Tal. Das alles ist ein Bedürfnis unserer menschlichen Natur. Und diesem Bedürfnis nachzugeben, ist schön.

teleschau: Warum funktioniert das selbst bei Leuten, die mit Natur nicht so viel am Hut haben?

Steffens: Weil wir biophil sind. Die Menschen sind Teil der Natur, selbst wenn sie sich Mühe geben, die Natur zu ignorieren. Es gibt keinen objektiven Grund, sein Haustier zu lieben. Trotzdem kennen viele Millionen Menschen dieses Gefühl, die ihren Hund, ihre Katze oder ein anderes Haustier lieben. Warum tun wir das? Weil wir ein Bedürfnis haben, mit der Natur im Einklang zu leben. Nicht im esoterischen Sinne, ich bin alles andere als ein Esoteriker, sondern auf ganz bodenständige Art. Wir wollen nicht auf einer Müllhalde leben und sind unglücklich, wenn wir dauerhaft nur von Beton umgeben sind. Weil es allen Menschen so geht, kann man feststellen: Wir sind immer noch Teil der Natur! Wir müssen essen, trinken, schlafen. Wir brauchen Sonnenlicht, sonst sterben wir. Weil es so ist, macht der Aufenthalt in der Natur den Menschen glücklich.

teleschau: Glauben Sie, dass Sie mit Ihren Sendungen etwas bewirken können?

Steffens: Oh ja. Manche Sendungen wirken ganz konkret, weil man auf einen Missstand hinweist. Andere wirken subtiler, weil sie die Welt in ihrer Schönheit zeigen. Ich finde diesen Punkt durchaus interessant. Ich will, dass unsere Filme toll aussehen. Nicht nur, um Eindruck zu schinden und Quote zu machen, sondern auch, weil ich davon überzeugt bin, dass sich Menschen nur dauerhaft für etwas engagieren, für das sie sich auch begeistern können. Wer die Natur über die "Faszination Erde" schätzen lernt, entwickelt auch Interesse daran, etwas für Natur und Umweltschutz zu tun. Zumindest hoffe ich das.

teleschau: Manche kritisieren stark ästhetisierte Naturfilme als Wohlfühl-TV, das vom tatsächlichen Zustand der Welt ablenkt.

Steffens: Es kommt darauf an, was man vorhat. Ich habe auch schon einen Film über Massentierhaltung gemacht, da verbieten sich übertrieben ästhetische Bilder. Momentan arbeite ich mit dem ZDF an einem großen Film über das Artensterben. Ein sehr komplexes Thema, das sich nicht so leicht abbilden lässt. Auch da muss man eine andere Bildsprache finden, zumal das Artensterben eines der wichtigsten Themen unserer Zeit ist.

teleschau: Sie haben mal politischen Journalismus gelernt. War das Bedürfnis, etwas für den Umweltschutz zu tun, Ihre Motivation, Naturfilme zu drehen?

Steffens: Nein, dieser Job hat mich erst zum Umweltschützer gemacht. Ich bin nicht als solcher geboren worden. Wenn man seit einem viertel Jahrhundert durch die Welt fährt, dazu mit Hunderten von Wissenschaftler gesprochen hat, versteht man, dass wir ein großes Problem haben. Wir müssen etwas tun, sonst gehen wir unter.

teleschau: Sind Sie Pessimist oder Optimist, wenn es um die Zukunft dieser schönen Welt geht, die Sie bereisen?

Steffens: Man muss Optimist sein, es gibt keine andere Möglichkeit. Natürlich existieren viele Gründe für Pessimismus. Es gibt auch keine Tierart, die ewig lebt. Warum sollte uns das gelingen? Nur, weil wir Technik haben? Ich weiß nicht, ob das reicht. Die Technik ist ja Fluch und Segen zugleich. Trotzdem besitzen wir Menschen noch ein Alleinstellungsmerkmal. Wir haben nicht nur den Überlebensinstinkt der Tiere, sondern dazu noch unsere Intelligenz. Wir sind uns unserer eigenen Existenz bewusst - und das führt dazu, dass wir die Zukunft planen und zu gestalten.

teleschau: Was sind die größten Probleme, die wir haben?

Steffens: Der Klimawandel und - vielleicht noch wichtiger - das Artensterben. Die Menschheit wird höchstwahrscheinlich beides überleben und nicht aussterben. Die Frage ist nur: Wie lebenswert ist es dann noch hier? Wie grauenvoll werden die Verteilungskämpfe, zum Beispiel die Kriege um das letzte Trinkwasser? Wird es neue Seuchen geben, weil wir die Erde überbevölkern? Wie extrem wird die Nahrungsmittelknappheit?

teleschau: Das klingt, als wäre Ihr Optimismus nur noch Zweckoptimismus?

Steffens: Nein, das nicht. Wir Menschen haben wie gesagt die Fähigkeit, in die Zukunft zu planen. Das unterscheidet uns von den meisten Tieren. Wir können uns, begründet auf Fakten, vorstellen, was übermorgen auf der Erde sein wird. Und wir können, zumindest theoretisch, danach handeln. Auch wenn wir es bislang noch nicht so gut hinbekommen haben.

teleschau: Die Kündigung des Klimaschutz-Abkommens durch die USA muss Sie unendlich deprimieren ...

Steffens: Nicht nur, schließlich ist das Klimaschutz-Abkommen von Paris nach wie vor ein Grund zum Optimismus. Es ist die größte Übereinkunft der menschlichen Gemeinschaft, die es jemals gegeben hat. Fast 200 Staaten haben unterzeichnet, man kann sich das gar nicht genug loben. Dass jetzt ein orangefarbener Irrer aus dem Abkommen aussteigt, ist ein einzelner Rückschlag. Donald Trump kann die Sache zwar verlangsamen, aber nicht aufhalten, weil andere Global Player nun handeln.

teleschau: Wer zum Beispiel?

Steffens: In China sterben täglich 4.000 Menschen an den direkten Folgen von Luftverschmutzung. Ein Missstand, der auch die chinesische Regierung nicht kalt lässt - und sei es nur, weil er die Herrschaft des kommunistischen Regimes gefährdet. Die Luftverschmutzung produziert dort gewaltige gesellschaftliche Unzufriedenheit. Umweltschutz ist nicht nur etwas für gute Menschen, in China spielt sicher auch das Streben nach Machterhalt eine Rolle. Ein Beispiel dafür, dass Umweltschutz alternativlos ist, wenn wir überleben wollen - unabhängig von persönlichen politischen Überzeugungen. Das wird selbst Donald Trump irgendwann erkennen.

Quelle: teleschau - der mediendienst