Herbert Feuerstein

Herbert Feuerstein





Weglachen ist sein Rezept

"Ich wüsste nicht, was es an mir zu feiern gibt!" - Der Satz gilt an den runden Geburtstagen des Komikers, Autors und Journalisten Herbert Feuerstein, 1937 geboren in Zell am See, aufgewachsen in Salzburg, in schöner Regelmäßigkeit. Immerhin: Diesmal nahm der 50. Geburtstag "seines" Satire-Magazins "MAD" die Feuerstein-Feiern bereits vorweg. Feuerstein, der am 15. Juni sein 80. Lebensjahr vollendet, war 20 Jahre lang Chefredakteur der deutschen MAD-Ausgabe. Er nennt das "sein Lebenswerk". Der "Peng!"-Comicpreis, den er beim Münchner Comic-Festival Ende Mai erhielt, bekommt nun seinen Platz neben Grimme-Preis und Bambi. Mit der Late-Night-Show "Schmidteinander" wurde Feuerstein in den 90er-Jahren an der Seite von Harald Schmidt berühmt. Die Show lief 50-mal, erst bein WDR, dann im Ersten. Bauchfernsehen vom Feinsten - einfallsreich, frisch, innovativ.

"Ich war mir lange nicht sicher, ob die Sendung ein Fluch oder Segen war", sagte er, erstaunlich genug, später im Interview. "Ich hatte mit Fernsehen die meiste Zeit meines Lebens nichts am Hut und bin dann eher zufällig reingeschlittert. Ich hatte das gefühl, ich gehöre da nicht hin."

Feuerstein, der Ideengeber und Hauptautor der Sendung ließ sich als Harald Schmidts Side-Kick vom Meister auf der Studiobühne vor Publikum verprügeln, machte tiefstenfalls die Kanonenkugel, höchstenfalls den "Superstein" in Strumpfhosen, musste Hauptstädte raten, trug auf Schmidts Kommando Statistiken vor. Im Sketchen waren sie zusammen großartig, auch als Siegfried und Roy. Feuerstein verstand sich, wie er sagte, "als involvierter Zuschauer, nie als Unterhalter". Und setzt gern noch eins drauf: "Ich bin zum Glück wieder aus dem Ganzen herausgekommen. Was daran liegt, dass ich erst mit über 50 reingekommen bin. Keiner, der mit unter 30 ins Fernsehen kommt, kommt heil wieder raus."

Alle Genialität half nicht darüber hinweg, dass ein Teil der Presse "Schmidteinander" als "Abendunterhaltung für Verwahrloste" zu verunglimpfen unternahm. Nach dem Wechsel ins Erste hielt man dann nur noch ein Jahr lang, bis zum Dezember 1994, durch. Feuerstein, der sich selbst nicht dem Massenmedium Fernsehen "zugehörig" fühlte, machte später noch die Zwölf-Stunden-Sendung "Feuersteins Nacht", hatte Gastauftritte in der "Wochenshow" und war Team-Mitglied in der Nauauflage der Rateshow "Was bin ich?" bei kabel eins. Lieber war ihm das Theater. 70-mal gab er den Frosch in der Fledermaus, spielte den Teufel im Berliner "Jedermann" und gar Gott in Brecht / Weills "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny".

In Vergessenheit geriet der nunmehr 80-Jährige (was man kaum glauben kann) aber auch beim Fernsehpublikum nie. Die Gastauftritte, Geburtstagssendungen und Homestorys, wie zuletzt "Krause kommt", mit Pierre M. Krause, sorgen für andauernde Präsenz. Er weiß das und nutzt seine Populatiät für seine Live-Auftritte als kundiger Klassik-Moderator in allerlei Philharmonien. Im Gespräch betreibt er ein geniales Mimikry. Er bleibt immer der leicht näselnde Feuerstein ("Nö") und erzählt alte Geschichten wie neu. Ein ewiges Kind, dass sich über seine "MAD"-Heftchen noch immer diebisch freuen kann. Der "ewig Elfjährige" (Feuerstein über sich selbst) kann dann etwa von einem Heftchen schwelgen, das äußerlich wie ein Schulbuch aussah: "Damit konnten die Schüler ihre Lehrer täuschen. Das war toll."

Man darf sich aber auch wieder einmal der so genannten "Watschen-Affäre" erinnern. Feuersteins Karriere begann nämlich mit dem Rauswurf am Salzburger Mozarteum, wo er Musik studierte und als Kritiker Mitschüler gnadenlos verriss. Als ihn die daraufhin ohrfeigten und er sich beim Direktor beschwerte, wurde ihm der Abgang nahegelegt. Es war feuersteins Glück. Er wurde weltmännisch, zog nach Wien, später nach New York, heiratete immerhin drei Mal. Seine derzeitige Frau, tätig im Quiz-Bereich, ist etwa halb so alt wie er. Inzwischen sind mehrere Bücher über das eigene Leben geschrieben, das er stets als immerwährenden Kampf gegen Depression und Dunkelheit beschreibt. "Hinter mir steht immer der Sensenmann. Ich weiß nicht, ob man ihn sieht", so sagt er. Der Satz ist keineswegs ironisch gemeint.

Sein Rezept gegen die Schwermut heißt: "Weglachen!" Einfach weglachen, den Trump und das ganze Elend dieser Welt. Und ein bisschen auch verdrängen. Die Eltern seien beide arge Nazis gewesen, so erinnerte sich bei einem Salzburg-Ausflug zum 75. Einer Aussprache mit dem Vater, einst Fahrdienstleiter bei der Eisenbahn in Zell am See, ging er aus dem Weg. Die Peinlichkeit wollte er sich ersparen. Er wollte sich "einfach nicht anhören, dass Hitler früher auch Autobahnen gebaut hat und letzten Endes gut im Herzen war". Inzwischen hat er mit dem Vater längst seinen Frieden gemacht. Doch die Zeit des Kriegsendes ist ihm gut im Gedächtnis geblieben, die "beklemmende Schwarmangst" bis die Sirene ertönte, die besagte: "Jetzt sind die Amerikaner da!" Ein Zeitalter ging zu Ende, doch beim Achtjährigen war das Ende des Zeitalters an das Ende der Welt geknüpft und an die Vorstellung: "Wenn der Krieg aus ist, ist alles aus."

Am 18.06., um 0.15 Uhr, wiederholt das WDR-Fernsehen den Film "Herr Feuerstein wird 75, und Herr Pastewka feiert ihn". Der außergewöhnliche Journalist, Kabarettist, Entertainer und Musiker zeigte dem wesentlich jüngeren Comedystar, wie und wo er wurde, was er ist.

Quelle: teleschau - der mediendienst