Overdrive

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Weit vom Stamm

Einige Kunststücke zwischen Himmel und Asphalt bietet der Actionstreifen "Overdrive" durchaus. Abruptes Bremsen und halsbrecherische Wendemanöver schicken so manches Verfolgerauto über die Bande. Die tückisch gewundenen Serpentinenstraßen hoch über Marseille und Nizza erweisen sich verblüffenderweise als ideales Terrain für Finten und abgekartete Kollisionen. Und das Verdeck eines Cabrios gewährt nicht nur Schutz vor Regen, sondern kann, einmal aufgespannt, als Futter für die Turbine dienen und so ein Flugzeug am Starten hindern. Allerdings bewegt sich derlei im Rahmen des Erwartbaren, wenn der Produzent Pierre Morel heißt und Regisseur des ersten "Taken"-Films war. Das Problem ist, dass bis auf weiteres überwiegend Menschen hinterm Steuer sitzen, die Motive für den Temporausch brauchen. Sich auf die ererbte Prominenz von Scott Eastwood zu verlassen, genügt jedenfalls nicht.

Der jüngste Sohn von Clint Eastwood mimt den amerikanischen Autodieb Andrew Foster. Zusammen mit seinem englischen Halbbruder Garrett (Freddie Thorp) klaut er an der Côte d'Azur auf Bestellung Luxusautos - mit dem Schwerpunkt seltene Sammlerstücke, für die Autonarren bei Auktionen Millionen hinblättern. Engel sind natürlich weder die Auftraggeber noch die Geschädigten. Gangster Jacomo Morier (Simon Abkarian) gehört zu Letzteren, ist ziemlich wütend und bringt die beiden jungen Ganoven, die ihm seinen frisch erworbenen Bugatti entwendet haben, kurzerhand in seine Gewalt. Er ist entschlossen, sie über den Haufen zu knallen.

Doch Andrew und Garrett entwinden sich dem sicheren Tod mit einem Angebot, dass Morier nicht ablehnen kann. Sie bieten an, ihm eine traumhafte Ausführung des Ferrari 166 MM aus dem Besitz seines Erzrivalen Max Klemp (Clemens Schick) zu klauen. Für den Bruch stellen Andrew und Garrett ein Team aus Spezialisten zusammen. Mit von der Partie sind auch die Trickdiebinnen Stephanie (Ana de Armas) und Devin (Gaia Weiss), die für Andrew respektive Garrett romantische Gefühle hegen.

"Overdrive" gehört zu jenen Filmen, deren Budget falsch verplant wirkt. Entführungen, Befreiungen, Scharmützel auf Marktplätzen, Verfolgungsjagden in engen Gassen, Prügeleien, junge Damen in Bedrängnis - viel passiert, ohne dass sich wirklich etwas ereignet. Eine Überarbeitung des Drehbuchs durch jemanden wie Robert Mark Kamen, dessen Feder "Karate Kid", "Transporter" oder eben "Taken" zum Leben erweckte und der Action existenziell machen kann, hätte dem Film dringend benötigtes Relief gegeben. So aber reduziert sich die behauptete Liebe der Kerle zu den Motoren auf zerstreute Streicheleinheiten über edle Karosserie, bleibt das Brüdergespann ohne Chemie und den Schäkereien mit den Mädchen fehlt das Britzeln.

Allein Scott Eastwood soll den Film tragen. Aber das schafft er nicht. Er soll ein Gauner-Mastermind verkörpern und kommt doch rüber wie jemand, der nichts kapiert, das komplizierter ist als Max und Moritz. Kameramann Laurent Barès tut ihm keinen Gefallen, wenn er ihn in Posen aufnimmt, in denen man einst seinen Vater aufnahm. Abgesehen davon, dass Scotts mühsam gespielte Lässigkeit geradezu quälend ist, drückt im Gegensatz zu seinem Erzeuger weder sein Augenpaar noch sein Ganzkörperbild etwas aus. Der Apfel fällt eben manchmal sehr weit vom Stamm. Aber wäre Clint Eastwood zum Star geworden, wenn ihm nicht eine hartnäckige Agentin eine Rolle in "Für eine Handvoll Dollar" beschafft hätte? Solchen Zuspruch kann Scott jetzt gut gebrauchen, und das Publikum darf sich "Overdrive" getrost schenken.

Quelle: teleschau - der mediendienst