Die Verführten

Die Verführten





Lost in Virginia

Unter dem Titel "A Painted Devil" veröffentlichte Thomas P. Cullinan 1966 einen Roman, der zur Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs spielt. Actionspezialist Don Siegel ("Dirty Harry") nahm sich des mit Schauermotiven gespickten Stoffes an und brachte fünf Jahre später den bizarren, kontrovers diskutierten Südstaaten-Thriller "Betrogen" in die Kinos, in dem Clint Eastwood als verletzter Soldat den Bewohnerinnen eines abgelegenen Internates schöne Augen macht, was ungeahnte Konsequenzen hat. Mit "Die Verführten" legt Sofia Coppola ("The Bling Ring") nun eine Neuinterpretation der Geschichte vor, bei der sie - ähnlich wie im Roman - die weibliche Perspektive in den Mittelpunkt stellt.

Virginia, 1864: Drei Jahre nach Ausbruch des Sezessionskrieges findet die kleine Amy (Oona Laurence), die in einem Mädchenpensionat lebt, beim Pilzesammeln den verwundeten Soldaten John McBurney (Colin Farrell). Sie bringt ihn zum Internat, das von Martha Farnsworth (Nicole Kidman) geführt wird. Die Schulleiterin ist zunächst wenig begeistert über Amys Handeln und will den feindlichen Nordstaatler eigentlich sofort an die heimische Armee ausliefern. Nach kurzem Zögern entschließt sie sich jedoch, ihn fürs Erste gesund zu pflegen.

Wie sich schon bald zeigt, bringt die Anwesenheit eines Mannes das wohlgeordnete Zusammenleben der Frauen zunehmend aus dem Gleichgewicht, da nicht nur Martha und die junge Lehrerin Edwina (Kirsten Dunst), sondern auch die Schülerinnen, besonders Alicia (Elle Fanning), Gefallen am neuen Mitbewohner finden.

Vergleicht man Don Siegels Version mit Coppolas Adaption, fällt vor allem die anders dargestellte Rolle des Soldaten auf. "Betrogen" zeigt den von Eastwood verkörperten Protagonisten unverhohlen als manipulativen Lügner, der mit schwülstigen Liebesbekenntnissen und körperlichen Annäherungen nicht einmal vor den minderjährigen Mädchen Halt macht. Dem Macho ist jedes Mittel recht, um aus seiner verletzungsbedingten Passivität auszubrechen und die eigene Haut zu retten. Farrells McBurney hingegen verhält sich deutlich gemäßigter, setzt auf dosierte Schmeicheleien und wirkt zuweilen gar nicht so sehr wie ein gefährlicher Eindringling.

Eine diffuse Anspannung liegt dennoch in der Luft des beengten Schauplatzes, den Kameramann Philippe Le Sourd ("The Grandmaster") oft nur in Ausschnitten einfängt. Große Überblicksaufnahmen fehlen. Stattdessen taucht der Zuschauer in einen verwunschen anmutenden Südstaaten-Mikrokosmos ein, den das Kriegstreiben immer mal wieder indirekt heimsucht. Rauchschwaden am Himmel, donnernde Kanonenschläge und Besuche vorbeireitender Soldatentrupps erinnern die Frauen daran, dass sie in unruhigen Zeiten leben und einer ständigen Bedrohung ausgesetzt sind. Ein Dasein, das alles andere als einfach zu ertragen ist, wie Edwina an einer Stelle offen zugibt. Gesteigert wird das Gefühl der Beklemmung und Ungewissheit durch die ausgewaschenen Farben und die häufig nur spärlich erleuchteten Räume, in denen die Figuren ihren alltäglichen Routinen - etwa dem Unterricht und Abendgebeten - nachgehen.

Anfangs verraten in erster Linie kleine Gesten und Blicke, dass McBurneys Ankunft das Gefüge durcheinanderwirbelt und die sexuell repressive Atmosphäre langsam aufheizt. Greifbar wird das wachsende Konkurrenzdenken, das Buhlen um die Gunst des attraktiven Soldaten in einer amüsanten Essensszene, bei der sich die Mädchen mit Komplimenten regelrecht zu überbieten versuchen. Auch wenn sich Konflikte hier und anderswo abzeichnen, erscheint der Moment der Eskalation in "Betrogen" etwas natürlicher, da die wenig vorteilhafte Darstellung des männlichen Gastes den Ausbruch gezielt vorbereitet. Gleichwohl schnellt angesichts der dramatischen Entwicklungen auch bei Coppola im letzten Drittel die Spannungskurve spürbar nach oben, was einige hochintensive Szenen mit sich bringt.

Zweifellos muss man die in Cannes ausgezeichnete Regisseurin dafür loben, dass sie in ihrem schön fotografierten und sorgsam ausgestatteten Historien-Thriller die weibliche Perspektive favorisiert. Und doch hätte sie die Internatsbewohnerinnen mit etwas mehr Hintergründen versehen können. Don Siegel schenkte ihnen in seiner Variante interessanterweise einige Flashbacks und innere Monologe, die zwar manchmal plump daherkamen, zuweilen aber auch eine irritierend-verstörende Wirkung entfalteten. Bedauerlich ist in jedem Fall, dass Sofia Coppola die Figur der Sklavin Hallie aus der Geschichte entfernt hat. Immerhin reißt der Eastwood-Film über sie das damalige Rassen- und Herrschaftsverhältnis an.

Quelle: teleschau - der mediendienst