Born to be Blue

Born to be Blue





Lektion: An sich selbst scheitern

Auch wenn man von Jazz keine Ahnung hat, dem eigenwilligen Genre gar ablehnend gegenübersteht - die Namen von einigen Granden der Spielart hat man zumindest mal gehört: Louis Armstrong zum Beispiel, Miles Davis und Dizzy Gillespie. Drei stolze schwarze Männer, musikalisch wie charakterlich grundverschieden. Zeitlebens ein Außenseiter, alleine schon wegen seiner weißen Hautfarbe, doch keineswegs unbedeutender, war Chet Baker. Das Biopic "Born to be Blue", das bereits vergangenes Jahr beim Münchner Filmfest Deutschlandpremiere feierte, kommt dem Trompeter, einem der einfühlsamsten und genialsten aller Zeiten, so nahe, wie es kaum eine Dokumentation schafft.

Das liegt vor allem an Ethan Hawke. Wäre es nötig gewesen, sich für die Rolle die Zähne einschlagen zu lassen, wie es Baker widerfahren ist, Hawke hätte sich vermutlich dazu bereiterklärt. Trompetespielen mit einer 60er-Jahre-Zahnprotese: nur eine der Hürden, die der hier Porträtierte zu bewältigen hatte. Hawke eignet sich Baker regelrecht an, er spricht genauso, ein helles, gedrängtes, schrill-knautischges Säuseln. Er singt wie Baker, schlicht mit der gehauchten Form seiner Sprechstimme. Und er - wenn man es nicht besser wüsste - spielt Trompete wie Chet Baker.

Mehr noch als der Musik widmet sich das Biopic jedoch Bakers traurigem Dasein als Junkie. Es wird in einem Ausmaß ausgebreitet, das Fans in den Jazzclubs der USA und in Europa nur erahnen konnten. Offenbar war er ein Verlierer, der nur mit Heroin glücklich war, und der für sich und für seine Musik regelrecht nach Bestätigung lechzte. In vielen, vielleicht zu vielen Dialogen erörtert der Film akribisch das Wesen des Trompeters, Baker erklärt sich immer wieder selbst. Rettend wirken da die musikalischen Einlagen, egal ob als Hintergrund oder eben wenn die dargestellten Musiker zu den Instrumenten greifen.

Autor und Regisseur Robert Budreau zeigt die Phase in Chet Bakers Leben, in der er sich längst nicht mehr nur auf sein wahnsinniges Talent verlassen konnte, in der schon einige Comebackversuche fehlschlugen. Damals in den 60-ern, in denen einzig sein Name noch etwas ausstrahlte. Musikproduzent Richard Bock (Callum Keith Rennie) verhilft ihm in "Born to be Blue" immer wieder aus der Versenkung, will unter anderem einen Film mit ihm drehen, doch Bakers verkorkstes Leben und sein Starrsinn holen ihn immer wieder ein. Er wolle Miles Davis und Dizzy Gillespie "auffressen", gibt er sich mehrmals kämpferisch. Doch das Biopic zeigt, dass sich Chet Baker stets nur selbst auffraß.

Der "James Dean des Jazz", der "Prince of Cool" wird hier nicht heilig gesprochen, ganz und gar nicht. Doch trotz des teils harten Tobaks, den Bakers Leben liefert, ist "Born to be Blue" ein sanft dahinlaufendes Porträt, das keinen Höhepunkt findet, allerdings auch keinen benötigt. Das betrübliche Ende des Films ist eben nicht mehr streichbar aus der Biografie des Musikers, gleichwohl nimmt es mit. Nicht alles dürfte in Wirklichkeit genau so vonstattengegangen sein. Baker-Hobby-Biografen werden sich daran stören. Doch auch wenn man von Jazz keine Ahnung hat oder ihm gar ablehnend gegenübersteht: Die Liebe zur Person, zur Musik und zur dargestellten Zeit wird niemanden völlig kalt lassen.

Quelle: teleschau - der mediendienst