Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie

Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie





Gefangen im Moment

Pläne zu schmieden und jeden Tag neue Erfahrungen zu sammeln, ist für das menschliche Leben essenziell. Doch so schön es auch sein mag, den Moment zu genießen: Plötzlich für immer in einem bestimmten Zeitraum gefangen zu sein und keine Zukunft mehr zu haben, ist es definitiv nicht. Das wissen Filmfreunde spätestens seit 1993, als Bill Murray in der Komödie "Und täglich grüßt das Murmeltier" ständig am selben Morgen erwachte. Ein ähnliches Schicksal blüht in Ry Russo-Youngs Mystery-Drama "Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie" auch der 17-jährigen Samantha, die ohne Vorwarnung aus ihrem bislang eher unbeschwerten Teenagerdasein gerissen wird.

Der verhängnisvolle Tag beginnt dabei wie immer. Sam (Zoey Deutch) schenkt ihren Eltern nach dem Aufstehen nur wenig Beachtung. Auf dem Weg zur Schule albert sie mit ihren Freundinnen Lindsay (Halston Sage), Ally (Cynthy Wu) und Elody (Medalion Rahimi) herum. Ihren Verehrer Kent (Logan Miller) lässt sie auflaufen. Und in der Mensa machen sich die hippen Girlies über die Außenseiterin Juliet (Elena Kampouris) lustig.

Besonders ist nur das Vorhaben, das Sam am Abend in Angriff nehmen will. Immerhin möchte sie endlich mit ihrem Freund Rob (Kian Lawley) schlafen und ist daher wenig begeistert, als sie von Kent eine Einladung zu einer Hausparty erhält. Gemeinsam mit ihrer Clique taucht sie dann aber doch auf der Feier auf, wo es zu einem Streit mit der überraschenderweise ebenfalls anwesenden Juliet kommt. Als sich die Mädels auf den Heimweg machen, werden sie in einen Autounfall verwickelt, den Sam eigentlich nicht überlebt. Wie durch ein Wunder erwacht sie allerdings kurz darauf am Morgen desselben Tages.

Die Verfilmung des gleichnamigen Jugendbuches von Lauren Oliver - Roman und Adaption heißen im Original übrigens weniger ausufernd "Before I Fall" - gibt sich anfangs wie ein typischer Highschool-Film inklusive der üblichen Klischees und Vereinfachungen. Juliet sieht leider schon optisch wie ein Sonderling aus, Kent ist der Prototyp des netten, aber unscheinbaren Kumpeltyps. Und der blonden Lindsay fällt die Rolle der sexuell erprobten, affektierten Wortführerin zu. Sam und ihre Freundinnen wirken nicht gerade sympathisch, was eine Identifikation zunächst erschwert.

Mit Einsetzen der Zeitschleife dreht sich jedoch langsam der Wind - zumindest im Fall Samanthas, die fortan unterschiedliche Phasen durchläuft. Auf den ersten Schreck folgt der Versuch, den schicksalhaften Kreislauf zu durchbrechen. Im Anschluss breitet sich eine unbändige Wut aus, die sich gegen ihre Umwelt richtet. Besonders dieser Abschnitt hat es in sich, da Sam plötzlich kein Blatt mehr vor den Mund nimmt und den ihr nahestehenden Menschen Dinge ins Gesicht sagt, die sie schon immer loswerden wollte.

Mitreißend ist die Gefühlsachterbahn, die der Film ins Rollen bringt, vor allem wegen Zoey Deutch. Nicht nur in den häufig eingestreuten Nahaufnahmen, auch sonst gelingt es der Kalifornierin vorzüglich, das Schwanken ihrer Figur zwischen Panik, Angst, Frustration und neuer Hoffnung spürbar zu machen. Eine feinfühlige, gleichzeitig aber kraftvolle Performance, die manche Plattitüde übertüncht und den Beweis erbringt, dass die junge Darstellerin viel mehr drauf hat, als sie im letztjährigen Komödiendesaster "Dirty Grandpa" zeigen konnte.

Auch wenn das Teenagerdrama Sams nicht allzu originelle Erkenntnisreise gegen Ende etwas hastig abwickelt, schaut man Deutch gerne zu und ist fast bereit, dem Drehbuch einige Holzhammer-Motive zu verzeihen. Schön wäre es dennoch gewesen, wenn Russo-Young beispielsweise das Thema "Mobbing" etwas differenzierter behandelt hätte.

Quelle: teleschau - der mediendienst