Andrea Sawatzki und Regina Ziegler

Andrea Sawatzki und Regina Ziegler





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Aufgeregt gibt man sich bei den Zieglers nicht mehr. Im Berliner Büro der legendären Produktionsfirma, idyllisch gelegen zwischen See und urbanem Flair, empfängt die Grande Dame des deutschen Filmgeschäfts samt wuscheligem Hund zum Gespräch bei Kaffee und Plätzchen. Wenige Tage zuvor beging Regina Ziegler den 44. Jahrestag ihres Unternehmens Ziegler Film; die Entspanntheit ist entsprechend redlich: Beweisen muss die 73-Jährige nichts mehr. Mitgebracht hat sie an diesem Nachmittag eine weitere charismatische Rothaarige: Ihre Freundin, Nachbarin und Kollegin Andrea Sawatzki, die mit "Von Erholung war nie die Rede" (Donnerstag, 25. Mai, 20.15 Uhr, ZDF) nun schon ihren zweiten Familienroman verfilmte - als Autorin und Hauptdarstellerin. Mit ihrer Produzentin plaudert die 54-Jährige über das Fernsehen, über Frauenrollen und darüber, warum Angela Merkel auch in diesem Jahr wieder die richtige Wahl ist.

teleschau: In der zweiten Romanverfilmung verschlägt es Familie Bundschuh nach Mallorca - Stichwort Erholung: Frau Ziegler, erholt man sich nach so einer Produktion eigentlich erst, wenn der Film gelaufen ist?

Regina Ziegler: Die Spannung wächst natürlich bei mir, je näher der Ausstrahlungstermin rückt. Für mich ist das Aufregendste aber der Morgen nach der Ausstrahlung. Ich bin da so gespannt, dass ich schon kurz nach acht auf das Quotenbarometer auf meinem Handy schaue - dabei weiß ich, die Quote kommt frühestens zehn vor halb neun. Ich kann das aber nicht lassen - schließlich will ich die Erste sein, die die Quote weiß (lacht).

teleschau: Damit Sie sie nicht von Dritten erfahren?

Ziegler: Vor allem, damit ich die Beteiligten anrufen kann, bevor sie es wissen. Es ist ein schönes Gefühl zu sagen: Wir sind Quotensieger!

teleschau: Und Ihre Nachbarin Andrea Sawatzki erfährt das als Erste?

Andrea Sawatzki: Das wird direkt über den Zaun gerufen! (lacht)

teleschau: Entstand so auch die Zusammenarbeit für die Bundschuh-Filme?

Ziegler: Als Andrea mir von ihrem Plan, eine Roman-Komödie zu schreiben, erzählt hat, habe ich ich mich direkt bei ihr angemeldet. Sie kam gar nicht in die Verlegenheit, den Stoff woanders anzubieten. Ich hab einfach gesagt: "Ich will!" Was sollte sie da machen? Da musste sie "ja" sagen! (lacht). Ich hatte das Privileg, das Manuskript "Tief durchatmen die Familie kommt" lesen zu dürfen, als es noch nicht einmal beim Verlag war. Abends lag es in meinem Briefkasten und morgens um sieben, als Andrea mit den Hunden vorbeiging, hab ich sie abgepasst und gesagt: Das machen wir!

Sawatzki: Für mich war das die schönste Lösung, sich das Skript schon im Garten rüberzureichen.

teleschau: Inzwischen ist schon eine dritte Umsetzung in Planung. Wollen sie mögliche kommende Teile mit Blick aufs TV-Publikum produzieren?

Ziegler: Andrea ist die Autorin. Ihre Ideen sind so gut, dass ich beim Lesen nicht über die Quote nachdenke. Das Potenzial für ein breites Publikum steckt ohnehin in den Geschichten. Der Wiedererkennungseffekt bei der eigenen Familie ist groß.

Sawatzki: Die meisten Figuren haben lebende Vorbilder. Die habe ich zusammengesammelt - aus Erzählungen, Begegnungen. Für den Schauspielberuf beobachte und belausche ich gern Menschen, das ist unerlässlich. In Zügen, an Bahnhöfen, im Flugzeug - das ist Kino live. Bei den Lesungen sagen die Leute aus dem Publikum oft: Also, meine Familie ist genauso!

teleschau: Waren Familienstoffe deshalb auch im Fernsehen oft erfolgreich?

Ziegler: Durchaus. Schauen Sie sich "Dallas" oder die "Familie Hesselbach" an. Familie war im deutschen TV immer populär. Das funktioniert und ist immer eine Bank.

teleschau: Ein wenig scheinen die großen Familiengeschichten aber inzwischen verdrängt ...

Ziegler: Im Moment gibt es doch sehr viele Krimis; ich produziere ja auch selbst einige, etwa "Kommissarin Heller". Es gab eine Zeit, da war das Melodram eines der wichtigsten Genres, etwa für den Montagabend im ZDF. Das ändert sich natürlich durch den Zeitgeist und die Zuschauerwünsche. Und Krimis haben derzeit einen Lauf.

teleschau: Glauben Sie, diese Art von gewohntem Sehverhalten ändert sich gerade durch den Erfolg der Streamingdienste auch hierzulande?

Ziegler: Natürlich haben mittlerweile Netflix, Amazon und Sky Einfluss auf den Zuschauer. Nehmen Sie historische Geschichten: "Weissensee" läuft bei Netflix hervorragend. Der Netflix-Chef sprach mich bei den Filmfestspielen an, dass er die vierte Staffel, die wir momentan drehen, zeigen möchte. Mit dieser Situation von neuen Plattformen muss ich als Produzentin natürlich auch umgehen und stelle mich gern der Herausforderung.

teleschau: Für Sie also eher ein zusätzlicher Absatzmarkt als ein potenzielles Tummelbecken für große Konkurrenz?

Ziegler: Wenn du Angst vor Konkurrenz hast, kannst du dich nur ins stille Kämmerlein zurückziehen. Ich schaue über den eigenen Tellerrand und springe dann.

teleschau: Gehen Sie entsprechend aktiv auf die Streamingdienste zu?

Ziegler: Ja. Im Mai bin ich zum Beispiel für acht Tage in Los Angeles zu den "May Screenings" und habe dort auch Termine mit Entscheidern. Da kann ich nur sagen, ich klopf schon mal auf Holz (lacht).

teleschau: Verraten Sie uns, worum es dabei geht?

Ziegler: Nein, nein (lacht). Das mit dem Verraten ist immer schwierig. Es gibt Produzenten, die mehr versprechen als halten. Wenn man ein Riesenprojekt wie "Der Weiße Hai" verspricht und dann kommt nicht mal eine "Sardine", dann finde ich das peinlich. Ich kündige meine Projekte an, wenn die Tinte trocken ist. Dann gibt es auch keine enttäuschten Erwartungen.

teleschau: Sie bleiben Ihrer Strategie also auch in Zeiten der Medienrevolution treu?

Ziegler: Das Ganze ist doch auch spannend. Als ich vor 44 Jahren als Produzentin anfing, gab es nur ARD und ZDF. In Berlin existierte schon mal gar nichts - weil der Sender Freies Berlin, bei dem ich als Produktionsassistentin tätig war, überhaupt kein Geld für Auftragsproduktionen hatte und alles selber produzierte. Meine ersten Produktionen habe ich daher für den WDR gemacht. Ein paar Jahre später durfte ich auch beim ZDF ein Stück vom Kuchen abbeißen.

teleschau: Damals standen dem Fernsehen die größten Jahre noch bevor. Besitzen Sie denn heutzutage einen Fernseher, Frau Sawatzki?

Sawatzki: Wir haben zwar einen Fernseher, aber der hat so einige Macken. Der funktioniert manchmal nicht, daher ist das kompliziert. Aber wenn, dann schauen wir in der Mediathek, weil wir abends grundsätzlich mit den Kindern abendessen. Wir unterhalten uns als Familie sehr gern und haben regen Austausch. Das ist meist zu der Zeit, in der die Filme im Fernsehen laufen.

teleschau: Der klassische Familienabend vor dem Fernseher ist ja schon lange passé.

Sawatzki: Das gibt es bei uns auch nicht mehr. Als Kind habe ich das sehr geliebt: Die langen Freitag- und Samstagabende vor dem Fernsehapparat - da liefen dann "Aktenzeichen XY" oder "Am laufenden Band".

Ziegler: Dieses Gemeinschaftserlebnis Fernsehen hat sich schon sehr verändert. Meistens sieht jeder für sich allein.

teleschau: Und die jüngere Generation scheint sich vom TV fast gänzlich abzuwenden. Kann man die überhaupt noch abholen?

Ziegler: Man muss sich Mühe geben. Vieles liegt natürlich am Umgang der jungen Generation mit iPad und Computer. Das junge Publikum orientiert sich nicht mehr an Programmzeitschriften - der Weg zu den Jungen führt über YouTube und Facebook.

teleschau: Sind Sie persönlich in den sozialen Medien aktiv, Frau Sawatzki?

Sawatzki: Nein - das darf man heute fast gar nicht sagen. Meine Söhne wollten mich immer auf Instagram locken. Das bringt mich zu sehr durcheinander. Ich bin da eher altmodisch, es lenkt mich ab.

teleschau: Machten Sie schlechte Erfahrungen?

Sawatzki: Ja, und oft hatte ich merkwürdige Menschen auf meiner Seite mit sehr merkwürdigen Ansichten - das wird mir zu viel, jedesmal zu reagieren.

Ziegler: Die Frau schreibt nebenher schließlich viele Romane, gibt Lesungen und spielt Rollen! (lacht). Alles analog!

teleschau: Apropos: Derlei frei arbeitende Frauen waren im Unterhaltungsgeschäft nicht immer eine Selbstverständlichkeit ...

Ziegler: Ich glaube, die Frauen haben inzwischen das nötige Selbstbewusstsein. Inzwischen haben wir alle unser "Nice Ladies Network" - was die Männer schon länger haben. Diese Schraube kann man zumindest in Europa nicht mehr zurückdrehen.

teleschau: Lieber Solidarität als Quote also?

Ziegler: Quotierungen für Frauen im Film habe ich nie verstanden. Für uns war das immer selbstverständlich. Tanja Ziegler und ich haben pausenlos mit Regisseurinnen gearbeitet. Um das Geschlecht ging es dabei nicht, sondern immer um die Qualifikation.

teleschau: Dennoch: Es ist noch nicht allzu lang her, dass es hieß, Frauen ab einem gewissen Alter werden als Schauspielerinnen gar nicht mehr gecastet ...

Sawatzki: Mir kam das früher schon nicht so vor. Es kann aber sein, dass ich die reiferen Frauen im Fernsehen damals nur als wesentlich älter wahrgenommen habe (lacht). Diese Panik vor dem Älterwerden von Schauspielerinnen - also: Kriegt man mit 50 noch eine Rolle? - gibt es inzwischen nicht mehr so. Es existieren mittlerweile sehr viele Zuschauerinnen in unserem Alter, die gerne auch mal einer Gleichaltrigen zuschauen.

teleschau: Die kommenden Jahre bereiten Ihnen also keine Angst?

Sawatzki: Was das Älterwerden angeht, bin ich sehr ruhig. Auch das wird akzeptiert sein, da sind wir auf einem guten Weg.

teleschau: Glauben Sie, dass Frauen wie Sie in dieser Hinsicht als role models betrachtet werden?

Sawatzki: Bei den Lesungen merke ich das schon manchmal. Man ist unter seinesgleichen. Man hat ähnliches erlebt, hat dieselben Sehnsüchte. Da entsteht eine Art Zusammengehörigkeitsgefühl, auch ein Gefühl der Stärke.

teleschau: Half dieses Gefühl auch, sich als Frauen im Filmgeschäft durchzusetzen?

Sawatzki: In jedem Fall habe ich persönlich schon immer mit sehr vielen Frauen zusammengearbeitet. Ich war selbst "Tatort"-Kommissarin, meine Produzentin war weiblich, die Regisseurin meiner ersten größeren Rolle vor 30 Jahren war auch eine Frau. Wenn die Qualität stimmt, kann man uns Frauen nicht am Erfolg hindern.

Ziegler: Als ich mich 1973 selbstständig gemacht habe, gab es noch keine Produzentinnen. Ich war die einzige. Und doch gab es auch Männer, wie etwa Uli Schamoni, die mich als der Silberstreif am Produzentenhimmel bezeichnet haben. Ich habe auch damals sehr viel Akzeptanz erfahren.

teleschau: Aber Sie mussten sich doch sicher auch durchkämpfen?

Ziegler: Ja, und wie. Ich fühlte mich wie die Meerjungfrau im Haifischbecken, zum Beispiel wenn ich zu Produzentenfesten selbst am Steuer unseres orangefarbenen VW-Busses Herbie sitzend im Abendkleid angerauscht kam. Und da standen dann die teuren Limousinen der männlichen Kollegen mit ihren Fahrern. Ich hab immer gedacht: Hauptsache, ich komm' an (lacht).

teleschau: Angekommen sind Sie inzwischen schon längst ...

Ziegler: Natürlich haben sich auch die Umstände verändert. Wir haben eine Kanzlerin, von der ich auch glaube, dass sie Kanzlerin bleibt. Wir haben Intendantinnen, Direktorinnen. Auch in der Wirtschaft hat sich einiges getan; im Bankensektor waren früher Frauen an der Spitze undenkbar. Ich glaube, viele Frauen haben inzwischen so ein Standing - das geben wir nicht mehr auf.

teleschau: Was Frau Merkel angeht, haben Sie sich vor der Bundestagswahl vor vier Jahren aktiv für ihre Wiederwahl eingesetzt. Engagieren Sie sich auch im Wahljahr 2017?

Ziegler: Ich finde, dass Angela Merkel eine unglaubliche Lebensleistung vollbringt. Sie hat auch über Deutschland hinaus viel erreicht. Ihre Positionierung gegenüber ihren männlichen Kollegen etwa finde ich stark und sehr beeindruckend. Ich habe keine Parteizugehörigkeit - aber weil ich von Angela Merkel überzeugt bin, stehe ich zu ihr.

Sawatzki: Ich halte mich prinzipiell in politischen Dingen eher zurück. Aber für Angela Merkel stehe ich hundertprozentig.

Ziegler: Wir waren ja letztes Jahr am 8. März, dem Weltfrauentag, gemeinsam bei "Blumen für die Kanzlerin". Das ist auch ein Zeichen der Anerkennung ihrer Arbeit. Sie bringt sich voll ein, gestattet sich selbst keinen Luxus. In Deutschland wird die Leistung einer Frau nicht immer gewürdigt. Ich gebe die Hoffnung aber nicht auf.

Quelle: teleschau - der mediendienst