Maximilian Brückner

Maximilian Brückner





"Hey, das sieht verdammt gut aus!"

Es ist bezeichnend für die deutsche Serien-Kultur. Eine Gruppe Kreativer, sie kommt gerade von der Filmhochschule, schafft im Rahmen eines Nachwuchswettbewerbs die mit interessanteste deutsche TV-Serie der letzten Jahre. In "Hindafing" (ab Dienstag, 16. Mai, 20.15 Uhr, Bayerisches Fernsehen) spielt der ehemalige Saarbrücker "Tatort"-Kommissar Maximilian Brückner einen jungen Dorfbürgermeister, dem alle Felle davon schwimmen. Selten hat man solch einen irren Trip im deutschen Fernsehen verfolgen dürfen. Angesiedelt zwischen Thriller und Satire, gepaart mit einer fast dokumentarischen Beobachtungsgabe - auch Maximilian Brückner ist spürbar begeistert. Der 38-Jährige, verheiratet, aber noch kinderlos, spricht mit Leidenschaft über die Serie "Hindafing", die einen exponierten Sendeplatz im Ersten verdient hätte.

teleschau: Herr Brückner, wie entsteht eine so innovative Serie wie "Hindafing"?

Maximilian Brückner: In diesem Fall war sie das Ergebnis einer Ausschreibung vom Bayerischen Rundfunk. Die Macher von "Hindafing" sind ganz jung. Sie kommen frisch von der Filmhochschule. Ich war mit 38 fast der Älteste bei diesem Projekt.

teleschau: Wie sind Sie mit dem Stoff in Berührung gekommen?

Brückner: Ich wurde gefragt (lacht). Damals war so eine Geschichte in den Medien - von einem Bürgermeister, der sich Crystal Meth reingepfiffen hatte. Gleichzeitig gab es kaum ein größeres Thema als die Flüchtlingsproblematik. Das Buch war damals nur ein Teaser, es war noch lange nicht fertig. Die Bedingungen waren wie bei einem Studentenfilm. Trotzdem dachte ich, das kann man mal machen. Als ich die ersten gedrehten Szenen sah, wusste ich: Hey, das sieht verdammt gut aus!

teleschau: Das heißt, "Hindafing" hat diesen Wettbewerb des Bayerischen Rundfunks gewonnen?

Brückner: Nein, die haben beim BR schnell die Qualität des Ganzen erkannt, es aus dem Wettbewerb herausgenommen und es finanziell ausgestattet. Sechs Drehbücher sind so entstanden.

teleschau: Warum unterscheidet sich dieser Stoff von anderen deutschen Serien?

Brückner: Es ist diese unglaubliche Mischung aus Humor und Boshaftigkeit. Das ist wie bei Molière. Es bringt dich zum Lachen, dadurch geht der Kopf auf. Und dann kommt der Mann mit Hammer und Nagel - und schlägt das Ding ganz tief rein.

teleschau: Man könnte "Hindafing" auch als Mischung aus Gerhard Polt und "Breaking Bad" bezeichnen. Was halten Sie davon?

Brückner: Damit kann ich durchaus etwas anfangen. Polt schafft es ja, einfache Leute extrem sauber und detailreich zu zeichnen. Und er braucht nur kurze Szenen dafür. Dazu kommt eine Handlung mit Drogen, Wahnsinn und Kriminalität. Wir sind eine Generation, die mit "Fargo" oder "Breaking Bad" sozialisiert wurde. Natürlich findet man solche Stoffe gut. Andererseits bringt es nichts, etwas nachzumachen. Hier ist es gelungen, etwas ganz Eigenes zu kreieren.

teleschau: Sie meinen, die Kreuzung eines intelligenten, bösen US-Thrillers mit der genauen Beobachtung der bayerischen Landbevölkerung?

Brückner: Ich finde gar nicht, dass die Serie so wahnsinnig bayerisch oder ländlich ist. Es geht um Menschen, die alle auf ihren Vorteil bedacht sind. Egal ob Bürgermeister, Metzger oder Flüchtling. Jeder versucht, aus seinem Leben das Beste herauszuschlagen. Dabei zuzusehen, offenbart eine gewisse Tragik. Es geht um das große Hamsterrad des Lebens. Aber das Personal, das da strampelt, gibt es überall.

teleschau: In Regionalkrimis oder anderen Formaten, die eine bestimmte Gegend als Kulisse nutzen, sehen diese Schauplätze immer besonders schön und stimmungsvoll aus. Ihr oberbayerisches Dorf kommt dagegen ziemlich reizlos daher ...

Brückner: Genau. Es war uns wichtig, diesen Mythos der Lieblichkeit zu zerstören. Schöne Naturbilder hätten von der Handlung abgelenkt. "Hindafing" betont die Langeweile, das Austauschbare, aber auch Globalisierte der Provinz. Nicht umsonst geht es um ein geplantes Einkaufszentrum namens "Donau Village".

teleschau: Sind Sie froh mittlerweile, kein "Tatort"-Kommissar mehr zu sein? Immerhin haben Sie nun mehr Zeit für Projekte wie dieses.

Brückner: Ich bin dem "Tatort" vor allem dankbar. Die Rolle gab mir einen Bekanntheitsschub, über den sich jeder Schauspieler in Deutschland freut. Von meiner Seite sind da keine negativen Gefühle. Ich finde jetzt in der Tat mehr Zeit für spannende Projekte. So spiele ich auch wieder Theater, zur Zeit "Baumeister Solness" von Henrik Ibsen am Volkstheater in München.

teleschau: Sie leben wie Ihre Hauptfigur, der Bürgermeister von "Hindafing", in der oberbayerischen Provinz. Man hat den Eindruck, dass Sie oft bayerische Rollen spielen. Weil sie ein überzeugter Heimatliebender sind?

Brückner: Letztes Jahr drehte ich "Luther" fürs ZDF, das läuft im Herbst. Und dann noch "Tannbach" in Tschechien, da war ich viel unterwegs. Insofern freue ich mich immer, wenn etwas vor der Haustür angeboten wird. Gut muss es natürlich sein. Als Schauspieler ist es wichtig, regelmäßig die eigene Komfortzone zu verlassen und sich Dingen zu stellen, die man nicht einfach mit Routine wegwuppt. Nur so bleibt der Beruf spannend und man selbst auf einem guten Niveau.

teleschau: Sie waren selbst mal lokalpolitisch aktiv, stimmt das?

Brückner: Nein, es wäre übertrieben, dies zu behaupten. Ich war mal für einige Monate im Gemeinderat meiner alten Kommune. Einfach, weil ich dort groß geworden bin. Damals dachte ich, ich gebe dem Dorf etwas zurück, indem ich mich für mehr Mülltonnen oder ähnlich praktische Dinge engagiere (lacht). Dann aber bin ich umgezogen.

teleschau: Sie konnten also keine eigenen Erfahrungen aus der Politik in die Serie einbringen?

Brückner: Nein, aber darum ging es auch kaum. Ich glaube, in viereinhalb Stunden Serie haben wir zwei kurze Sitzungen des Gemeinderats im Drehbuch. "Hindafing" ist die irre Geschichte eines Mannes, der zufällig Bürgermeister auf dem Land ist. Es ist keine Serie über die Ränkespiele der Lokalpolitik.

teleschau: Trotzdem wird viel vom Gemauschel erzählt, dem Prinzip vom Geben und Nehmen, mit dem auf dem Land doch vor allem Politik gemacht wird ...

Brückner: Es geht immer um einen Kompromiss der Interessen. Ich finde, dass Politiker in der öffentlichen Wahrnehmung oftmals viel zu schlecht wegkommen. Denn viele machen schon einen ordentlichen Job, und sie werden trotzdem dafür angefeindet.

teleschau: Würden Sie es noch mal in der Politik versuchen wollen?

Brückner: Nein, ich kann mir das nicht vorstellen. Auch weil ich zu gerne Schauspieler bin.

teleschau: Nahmen Sie sich beim Spielen einen bestimmten Politiker zum Vorbild?

Brückner: Man schafft ja so nichts Eigenes. Keine Figur, die lebt. Es wäre dann eher eine Parodie. Das schlimmste, was mir hätte passieren können, wäre, dass mein Bürgermeister alle, die zusehen, an einen bekannten Politiker erinnert (lacht).

teleschau: Sind die Menschen in der Wirklichkeit so böse, wie "Hindafing" sie macht?

Brückner: Satire lebt vom Überspitzen. Natürlich wird alles ein bisschen überhöht. Trotzdem stimmt es, dass jeder Mensch auf seinen Vorteil bedacht ist. Das ist ja auch nicht verwerflich, die Natur funktioniert so. Es ist halt die Frage, mit welchen Mitteln man seine Ziele verfolgt.

teleschau: Klassisch gute Menschen gibt es in der Serie nur sehr wenige. Der schwule Pfarrer fällt einem ein ...

Brückner: Ja, das ist eine schöne Idee des Drehbuchs. Das einzige normale, nette Pärchen in der Serie, ist ein homosexuelles Paar aus zwei katholischen Geistlichen. Dagegen leben jene, die offiziell als normal gelten, durch und durch in kranken Beziehungen.

teleschau: Letztendlich ist "Hindafing" also eine deprimierende Serie, weil sie an einem hässlichen Ort von bösen Menschen erzählt?

Brückner: Nein, die Serie ist sehr unterhaltsam - auch weil es an allen Ecken und Enden des Bösen kräftig menschelt. Wir sind nicht "House of Cards", wo das Böse kalt und berechnend daherkommt. Das ist für mich eine deprimierte, wenn auch brillante Serie. Allein, weil es ein Geniestreich ist, dass Zuschauer mit einer Hauptfigur fiebern, die kalt und völlig empathielos ist. Das muss man erst mal schaffen. Wir dagegen zeigen Menschen, die man so ähnlich aus dem echten Leben kennt. Und denen man gerne zuschaut.

Quelle: teleschau - der mediendienst