Vladimir Burlakov

Vladimir Burlakov





"Offiziell bin ich Atheist"

Erst spielte er einen osteuropäischen Kriminellen, dann einen schöngeistigen Russenmafioso und schließlich einen mutmaßlichen Sexualstraftäter - der russischstämmige Vladimir Burlakov ist der Mann für zwielichtige oder zumindest verdächtige Charaktere. Aber er kann auch Romanze - nur ganz anders: Sein schwerwiegendstes Vergehen in der romantischen ARD-Komödie "Verliebt in Amsterdam" (Freitag, 28. April, 20.15 Uhr): Der von Burlakov dargestellte Max Baumann lässt seine Verlobte vor dem Traualtar stehen und flieht nach Amsterdam, wo er sich Hals über Kopf in die flippige Niederländerin Sophie (Bracha van Doesburgh) verliebt. Im Interview spricht der 30-Jährige über sein Spießerpotenzial, die Erfahrungen als Flüchtlingskind und über Reinkarnation.

teleschau: Sie spielen in "Verliebt in Amsterdam" einen ordnungsliebenden Rechtsanwalt, dessen Leben durch die Liebe auf den Kopf gestellt wird. Wieviel Spießer steckt eigentlich in Ihnen?

Vladimir Burlakov: Mehr als man denken könnte. Auch ich besitze einen Handstaubsauger und finde ihn superpraktisch.

teleschau: Den holen Sie raus, um die Krümel im Bett zu entfernen?

Burlakov: Nein, im Bett wird bei mir gar nicht gegessen.

teleschau: Die Probleme bei Max nehmen Fahrt auf, als seine Eltern unangekündigt in der Tür stehen und sich bei ihm einquartieren. Sie wohnen selbst weit weg von Ihrer Münchner Familie in Berlin, wie ist das Verhältnis?

Burlakov: Ich telefoniere viel mit meiner Mutter und meiner Zwillingsschwester. Wenn ich Sehnsucht nach ihnen habe, fahre ich hin und wir gehen schön essen.

teleschau: Aber die Verwandtschaft schläft dann nicht in Ihrem Bett, wenn sie zu Besuch kommt?

Burlakov: Nein, da fängt es schon an mit den Unterschieden. Max tut viele Dinge, um zu gefallen. Ich bin eigenständiger, habe mehr meinen eigenen Kopf. Meine Familie steht hinter mir, wenn dem nicht so wäre, würde ich mich ihrem Willen dennoch nicht beugen, dafür bin ich zu sehr Rebell.

teleschau: Wie sah der Abnabelungsprozess bei Ihnen aus?

Burlakov: Mit Beginn des Schauspielstudiums habe ich gemerkt, dass ich nicht mehr zu Hause wohnen kann. Damals hat sich mein Leben nur noch um mich selbst gedreht. Das klingt jetzt erst mal negativ. Ist es aber nicht nur. Ich denke, es gehört zum Findungsprozess eines Schauspielers dazu, herauszufinden, wer man ist und was einem wichtig ist. Das war wohl der Punkt, an dem die Abnabelung ganz nebenbei passiert ist.

teleschau: Was haben Sie auf Ihrem Selbstfindungstrip über sich erfahren?

Burlakov: Etwa dass ich, vor allem wenn es um die Kunst geht, meinen Willen durchsetzen muss. Außer man diskutiert so lange, bis entweder ich den Regisseur oder wen auch immer überzeugt habe oder umgekehrt.

teleschau: Haben Sie sich durch diese Haltung Wege verbaut?

Burlakov: Das kann man im Nachhinein schwer sagen. Es ist gut möglich. Ich habe schon Rollenangebote abgelehnt, wo andere meinten: Das kannst du nicht machen, diesem Produzenten abzusagen. Und ich dachte mir: Doch, kann ich. Wenn ich nicht hinter einer Figur beziehungsweise einem Drehbuch stehe, kann ich es nicht spielen.

teleschau: Wobei so eine Auseinandersetzung ja durchaus fruchtbar sein kann ...

Burlakov: Richtig, das gehört zum künstlerischen Prozess dazu. Wenn immer alles glatt läuft, man sich überhaupt nicht reibt und auch mal anschreit, finde ich das langweilig.

teleschau: Woher glauben Sie kommt Ihre Vorliebe für hitzige Debatten?

Burlakov: Das ist wahrscheinlich der Russe in mir. Es ist mir öfters passiert, dass ich gefragt wurde, warum ich denn so böse und aufgebracht wäre, dabei habe ich für mein Gefühl ganz normal diskutiert. Manche Leute streiten sich ja gar nicht oder nur ganz leise, das liegt mir nicht. Wenn, dann richtig. Man hat sich ja trotzdem lieb.

teleschau: Die Flucht ist ein weiterer Aspekt des Films. Max lässt seine Braut vor dem Altar stehen und zieht kurzentschlossen nach Amsterdam. Wäre so eine Hauruck-Aktion für Sie denkbar?

Burlakov: Ja, die habe ich auch schon hinter mir. Auf dem Rückweg von Dreharbeiten in Marokko sind die Kollegen alle zusammen nach Berlin gereist. Ich saß allein am Flughafen von Casablanca und musste über Paris nach München fliegen. Am nächsten Tag habe ich meine Münchner Wohnung gekündigt und bin in die Hauptstadt gezogen.

teleschau: Warum Berlin, wegen den Kollegen?

Burlakov: Auch. Berlin ist nun mal die Stadt für Film in Deutschland, überhaupt für Künstler, da passiert viel. Unabhängig davon ist es meine Stadt. Weil mich die Energie und die Vielfalt der Menschen wie magisch anziehen. Nach einem Dreh, etwa jenem in Amsterdam, komme ich gern zurück nach Hause. Ich fahre dann mit dem Fahrrad durch die Straßen, und es ist großartig. Vielleicht war ich im früheren Leben ja der Bürgermeister von Berlin.

teleschau: Ernsthaft, glauben Sie an Reinkarnation?

Burlakov: Offiziell bin ich Atheist. In Wahrheit schwankt meine Meinung. Manchmal glaube ich an so was. Dann gibt es wieder Phasen, da halte ich das für kompletten Humbug. Leute glauben ohnehin immer nur an das, was ihnen Kraft gibt. Insofern halte ich das für eine gute Sache. Und selbst ich denke mir hin und wieder: Liebes Universum, bitte hilf mir.

teleschau: Wie fanden Sie Amsterdam?

Burlakov: Toll. Die Innenstadt ist so schön, das ist fast unwirklich. Wie im Märchen. Vom Gefühl her könnte ich dort gut wohnen. Man braucht jedoch richtig viel Geld, Amsterdam ist extrem teuer.

teleschau: Bei Ihrer Entschlussfreudigkeit ...

Burlakov: Der Umzug nach Berlin war eine Ausnahme. Grundsätzlich bin ich ein Gewohnheitstier. Wenn ich ein Stamm-Lokal habe, will ich nur dort hingehen und habe überhaupt keine Lust auf Abwechslung. Aber wenn ich mich einmal überwinde, ein neues Lokal auszuprobieren und es gefällt mir, wird es mein neues Lieblings-Restaurant.

teleschau: Gab's andere große Entscheidungen in Ihrem Leben?

Burlakov: Eigentlich nicht. Die Entscheidung von Moskau nach Deutschland zu gehen, habe nicht ich getroffen, sondern meine Mutter. Ich war erst neun.

teleschau: Wie schwer war dieser Schritt aus der Sicht des Kindes?

Burlakov: Gar nicht. Solange wir als Familie zusammen waren, war das in Ordnung für mich. Ansonsten war es die klassische Geschichte einer Flüchtlingsfamilie, die mittellos nach Deutschland kommt. Zunächst haben wir ein halbes Jahr lang alle zusammen in einem Zimmer im Asylbewerberheim gewohnt.

teleschau: Was war der Grund für Ihre Familie, die Heimat zu verlassen?

Burlakov: Meine Mutter war überzeugt davon, dass wir in Deutschland eine bessere Zukunft haben würden. Aufgrund der politischen und wirtschaftlichen Situation in Moskau damals. Die Armee war ein weiteres Motiv. Man wollte auf keinen Fall, dass ich zum Militärdienst eingezogen werde. Das russische Militär ist der Horror.

teleschau: Wie sehr hat Sie dieses Kapitel Ihrer Biografie geprägt?

Burlakov: Manchmal sitze ich schon da und denke: Krass, mit neun Jahren hast du kein Wort Deutsch gesprochen, trotzdem hast du studiert und machst jetzt Filme und spielst Theater in einer Sprache, die nicht deine Muttersprache ist. Ich weiß nicht, ob in Russland alles so glatt gelaufen wäre. Keine Ahnung, ob ich überhaupt Schauspieler geworden wäre. Wobei den Berufswunsch hatte ich schon vorher.

teleschau: Woher kam der?

Burlakov: Ich bin hinter der Theaterbühne aufgewachsen. Meine Mutter war Kostümbildnerin, mein Vater Sänger, meine Schwester ist Maskenbildnerin. Ich bin in einer Künstlerfamilie groß geworden, die Richtung war früh klar.

teleschau: Und heute, fühlen Sie sich mehr als Russe oder als Deutscher?

Burlakov: Ich bin beides. Aber mitunter denke ich schon: Das ist typisch Deutsch, das geht gar nicht.

teleschau: Wann denn zum Beispiel?

Burlakov: Wenn ich beobachte, wie am Nachbartisch eine Rechnung geteilt wird oder eine Frau sie begleicht, kann ich das nur schwer ertragen. Wenn man mit einer Frau essen geht, egal wie das Verhältnis oder was der Anlass ist, bezahlt man als Mann. Das sitzt ganz tief in mir drin.

Quelle: teleschau - der mediendienst