Maria Simon

Maria Simon





"Ich stehe für die Liebe"

Sie sei immer wieder erstaunt, sagt die Schauspielerin Maria Simon, "dass ich dadurch zu einem interessanten Menschen werde, weil man mich im Fernsehen sieht. Ich musste mir überlegen, für was ich stehe." Im tiefschürfenden Interview merkt man nun, dass sie sich dazu in der Tat viele originelle Gedanken gemacht. Sie spricht offen über Ängste und Geister, über das Dasein als Mensch und ihre neue Rolle. Im ZDF-Drama "Im Tunnel" (Montag, 24. April, 20.15 Uhr) spielt sie eine Frau, die an einer Schizophrenie erkrankt, ausgelöst durch den plötzlichen Tod des Bruders. Viele kennen Maria Simon, die bürgerlich Maria Lade heißt, seit sie mit Ex-"Tatort"-Kommissar Bernd Michael Lade verheiratet ist, als Ermittlerin aus dem "Polizeiruf 110" - bereits am Sonntag, 14. Mai (20.15 Uhr, ARD), wartet unter dem Titel "Muttertag" der nächste Krimi-Einsatz auf die 1976 in Leipzig geborene Schauspielerin. Sie wuchs in der ehemaligen DDR auf, folgte 1990 den Eltern nach New York, um anschließend ins wiedervereinigte Berlin zurückzukehren, wo die Familie mit vier Kindern in Pankow lebt. 2016 Jahr wurde Simon mit der Goldene Kamera in der Kategorie Beste deutsche Schauspielerin für ihre Rolle in "Silvia S. - Blinde Wut" ausgezeichnet.

teleschau: Frau Simon, wie fühlt man sich in eine paranoid-halluzinatorische Schizophrenie hinein, unter der Ihre Figur Maren Adam im ZDF-Drama "Im Tunnel" leidet?

Maria Simon: Als Schauspielerin erinnere ich ähnliche Zustände oder Ängste. Ich mache mir erst mal ein Bild, was in einer solchen Situation überhaupt abgehen könnte, was sich bewegt und wohin. Ein großer Teil der Arbeit findet nicht vor der Kamera statt, sondern im eigenen Leben mit der eigenen Persönlichkeit.

teleschau: Was meinen Sie?

Simon: Ich stelle mir sehr persönlich Fragen, die sich andere Menschen nicht stellen würden. Weil sie vielleicht keine Zeit und keinen Raum dafür haben. Oder weil sie Angst haben. Ich setze mich mit diesen Themen tagtäglich auseinander. Deswegen sind mir bestimmte Ängste oder Zustände nicht fremd. Ich kann mir dazu etwas basteln. Am Ausgangspunkt frage ich mich, wo ich mich selbst finden kann.

teleschau: Kennen Sie denn solche Erkrankungen?

Simon: Ich durfte mit einer Frau sprechen, die in einer solchen Situation war, die Verfolgungsängste und auch einen Wahnzustand aufgebaut hat, in dem sie die Kontrolle verlor. Generell sehe ich in meiner Arbeit solche medizinischen Begriffe und Krankheiten kritisch. Ich setze die sofort in Anführungsstriche und frage, was das genau bedeutet.

teleschau: Ängste kennen wir alle. Oft geht es um Abweichungen und die Frage, was denn der Normalzustand ist und wer den definiert. Auf welche Ängste haben Sie zurückgegriffen?

Simon: Überzeugungen, Sichtweisen oder Konstruktionen mit denen wir programmiert wurden, muss man unbedingt infrage stellen. Als Mutter von vier Kindern habe ich unheimlich viel Potenzial für Ängste. Von der Angst, dass Elektrosmog einen Tumor verursachen könnte, weil die Kinder zu oft vorm Computer und in dieser Wolke sitzen. Die Angst, dass sie schlecht und ungesund essen, wenn ich sie nicht bekoche. Die Angst, dass die wahnsinnigen Autos sie überfahren könnten ...

teleschau: Kinder entwickeln selbst Ängste, die sich nicht erklären lassen. Alle Kinder haben Angst vor Monstern und Gespenstern, die gibt es nicht ...

Simon: Ich hatte als Kind eine Erfahrung, da habe ich einen Geist gesehen. Also kein Gespenst, sondern einen Geist: Da kam eine andere, und die hat mit mir gesprochen. Vor dieser Begegnung hatte ich lange Angst. Das wurde mir natürlich abgesprochen. Ich kann aber nicht sagen, dass das nicht in unserer Welt passiert ist und nicht existiert. Vielleicht ja doch. Ich glaube, wir sehen nur einen Bruchteil von dem, was alles ist.

teleschau: Ihre Antwort beinhaltet, dass wir Dinge nicht sehen, aber wahrnehmen, hören, fühlen oder auch spüren. Was denken Sie, sehen wir nicht?

Simon: Zu spüren ist wichtig, denn dann sind wir frei von Meinungen. Vielleicht ist das ein Zen-Zustand, etwas Leeres. Man kann das üben. Wir sind telepathische Wesen, haben das aber total verlernt. Klar wird oft über einen geschmunzelt, wenn man so etwas sagt. Aber ich finde, so lange wir in dieser Gesellschaft leben, essen, ein Dach über dem Kopf haben und uns über das Wetter beklagen können - und nicht über Bomben, die auf uns geworfen werden, gilt es auszuloten, was es bedeutet, Mensch zu sein.

teleschau: Was macht uns Menschen denn aus?

Simon: In erster Linie die Liebe. Der freie Wille, sich entscheiden zu können - wenigstens in der Situation, in der wir uns befinden. Wir sind beschenkt, es gibt keine existenziellen Bedrohungen, also könnten wir den freien Willen einfacher nutzen und doch fällt es uns schwer in diesem Augenblick zu sagen: Ich bin glücklich, ich habe keine Zweifel. Ich entscheide mich für die Liebe und das Positive. Genauso könnte ich mich für die Angst entscheiden. Ängstlich würde ich mich hinterfragen, ob ich hier Mist erzähle, was die Leute wohl von mir denken, ob ich deshalb meinen Job verliere und so weiter. Ich kann in jedem Moment wählen, wie ich meine Realität wahrnehme. Das ist auch das Thema von "Im Tunnel". Wie nimmt diese Frau die Realität und die Bedrohung wahr. Sie gerät da rein und kann sich nicht selbst betrachten. Plötzlich bröckelt ihre Realität.

teleschau: Auch Realitäten verändern sich, oder?

Simon: Wir leben in der dritten oder vierten Generation ohne Krieg und können uns selbst mehr wahrnehmen. Wenn ich meinen großen Sohn sehe, der ist 19. Was der schon alles kapiert, das ist der Wahnsinn. Dafür musste ich 30 Jahre werden, um mich freizuschaufeln. Der profitiert, weil er beobachten darf, wie seine Eltern sich entwickeln.

teleschau: Lässt sich das so sagen, dass er zehn Jahre voraus ist?

Simon: Er ist auf jedem Fall mit einem großen Selbstvertrauen ausgestattet. Das beobachte ich bei seinen Leuten voller Erstaunen und finde es gut. Das liegt am Umgang, den wir mit den Kindern pflegen. Das ist nicht immer bequem, weil der auch viel Raum für die Kinder lässt. Die werden nicht kategorisch als Kinder abgeschoben. Daraus entsteht ein Spagat, weil man keine Macht ausüben will, aber Autorität sein muss. Da findet ein ganz anderer Austausch statt, und davon profitieren die total. Ich verunsichere ihn nicht.

teleschau: Ist Verunsicherung denn so schlecht? Hilft es einem nicht auch, verunsichert zu werden?

Simon: Die Frage ist, wie weit und wie tief machst du das, wie unbegleitet. Man kann vor Lob zurückschrecken, weil man denkt, bei inflationärem Lob denkt er sonst was von sich. Aber nein, ich lobe die ständig. Die bekommen von mir Liebe, Liebe, Liebe. Klar muss man auch Dinge ansprechen.

teleschau: US-Präsident Donald Trump verunsichert zum Beispiel gerade weite Teile der Welt ...

Simon: Ich habe keine Ahnung, wofür jemand wie Trump steht. Viele sagen, der ist böse. Für mich ist das eine Figur, die auftaucht wie viele andere! Was bringt er mit sich? Die Leute bewegen sich wegen ihm, tauschen sich aus und machen sich klar, wofür sie selbst stehen. Diese Bewegung ist gut.

teleschau: Was macht das mit uns?

Simon: Du musst entscheiden, ob du Angst hast, gegen jemanden gehst oder reflektierst, wofür du stehst. In dieser undurchschaubaren Welt ist für mich die Lösung, erst mal nach innen zu gehen und zu fragen, wer bin ich und wofür stehe ich. Gerade als öffentliche Person frage ich mich: Was bringe ich in diese Welt? Dazu stehe ich dann möglichst friedlich und unaufgeregt. Selbst wenn ich wütend oder zornig werde, ist das erst mal nicht schlimm. Das bringt Kraft mit sich, aber man muss die Kraft umwandeln in Energie.

teleschau: Anstatt die Wut an sich selbst oder jemandem auszulassen geht es also darum, die in Energie zu verwandeln?

Simon: Genau, sonst wird es zum Problem und ungesund. Das löst Krankheiten aus, oder du bist ausgelaugt, weil du keine Perspektive siehst. Ich denke aber immer, dieses Leben, was wir hier leben, diese vielleicht 80 Jahre, die sind ein Fliegenschiss, wenn man das Ganze betrachtet. Ich weiß nicht, wann ich gehen muss, aber gerade jetzt kann ich das als schönen Moment wahrnehmen. Das klingt alles nach Eso-Tante, aber ich finde wichtig, dass wir das miteinander spüren.

teleschau: Wie man Realitäten wahrnimmt, ist auch kontextabhängig. Kürzlich wurde SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz mit 100 Prozent zum Parteivorsitzenden gewählt. Ein Triumph, wie die berichtende Presse bestätigt. Kommt es in Nordkorea zu einer 100 Prozent-Wahl, würde das Kopfschütteln auslösen ...

Simon: Ja, genau. Er ist ein Politiker. Da muss man sehr gut lügen können. Schauspielern sagt man nach, sie könnten gut lügen. Mir sieht man das sofort an, ich werde rot. Wer die Wahrheit sehen will, darf keine Meinung haben. Wir leben mit der linken, logischen Hirnhälfte, während die rechte, die andere Informationen sammelt, verkümmert. Wenn ich solche Abstimmungen sehe, glaube ich keinem, nicht einem. Ich beschäftige mit dieser Inszenierung auch gar nicht.

teleschau: Gehen Sie also auch nicht wählen?

Simon: Nein. Ich glaube nicht daran.

teleschau: Woran glauben Sie?

Simon: Ich erhalte mir das Intuitive, der Körper reagiert doch. Bekomme ich Schmerzen in der Schulter, frage ich mich, woher das kommt. Ich will nicht, dass der Körper krank wird. Ich muss zuallererst für meine Kinder eine gesunde Mutter und Frau sein.

teleschau: Selbst das ist doch ein Druck, oder?

Simon: Da steht die Frage dahinter, welchen Sinn gibst du deinem Leben in diesem Augenblick. Je nervöser es da draußen, um mich herum, wird, desto ruhiger muss ich werden. Alles sind Konstruktionen und Gedanken, wenn die kommen, lasse ich die ziehen, denn ich lebe in diesem Augenblick. Das ist eine irre Übung, die hält mich gesund. Ich merke, wenn ich denke, dass ich krank werde, habe ich schnell eine Erkältung. Das entsteht in unserem Kopf, anhand unserer alten Überzeugungen, Meinungen und Sichtweisen. Es ist sehr schwer das loszulassen.

teleschau: Konditionieren uns unsere Leben?

Simon: Voll, ich finde, wir sollten uns gemeinsam auf den Weg machen und erkennen, dass wir energetische Wesen sind. All das, was viele als Zeug abtun, verdient oft eine Betrachtung. Es ist wichtig, in bestimmten Dingen umzudenken, ehe alles implodiert.

teleschau: Sie nehmen sich als Person des öffentlichen Lebens wahr. Welche Pflichten leiten Sie daraus für sich ab?

Simon: Interviews zu führen zum Beispiel, das ist Teil meines Jobs, und den musste ich erlernen und mich auch fragen, wie ich den für mich nutze. Schauspielerin sein, bedeutet für mich, Geschichten zu erzählen und nicht, mich mitzuteilen. Ich als Person stehe da im Hintergrund der Geschichte. Ich spüre eine große Verantwortung für meine Rollen und Figuren, weil das einfach sechs bis sieben Millionen Menschen schauen. Ich bin immer wieder erstaunt, dass ich dadurch zu einem interessanten Menschen werde, weil man mich im Fernsehen sieht. Ich musste mir überlegen, für was ich stehe.

teleschau: Also wofür?

Simon: In erster Linie stehe ich für die Liebe. Liebe, die sich nicht auf irgendeinen oder irgendwas bezieht, sondern auf das Leben und uns Menschen.

Quelle: teleschau - der mediendienst