Christian Friedel

Christian Friedel





Schon wieder Adi Dassler?

Blöd gelaufen, könnte man sagen. Ein Jahr nach "Duell der Brüder", einem RTL-Biopic über die Gründer und später verfeindeten Brüder hinter Adidas und Puma, kommt die zweiteilige ARD-Version des Stoffs: "Die Dasslers - Pioniere, Brüder und Rivalen" (Freitag, 14. April, und Samstag, 15. April, jeweils 20.15 Uhr, ARD). Entwickelt und gedreht wurden die beiden Filme etwa zeitgleich. Vor allem der zweite Teil des öffentlich-rechtlichen Angebotes wirft jedoch ein neues Licht auf die späten 60-er und 70-er, als Markenkult, Kommerz und Schmiergeldzahlungen im Sport Einzug hielten. Nachdem Ken Duken bei RTL Turnschuhtüftler Adi Dassler gab, ist es bei der ARD Christian Friedel. Christian ... wer? Erstaunlicherweise ist der 38-Jährige vielen Zuschauern noch unbekannt. Und das, obwohl der in Dresden lebende Schauspieler in einem der besten deutschsprachigen Filme der letzten Jahrzehnte die Hauptrolle spielte ("Das weiße Band") und als einer der interessantesten Bühnenstars hierzulande gilt.

teleschau: Lange Zeit kannte man sie nur als renommierten Bühnenschauspieler. Mittlerweile drehen Sie immer mehr, wie es scheint ...

Christian Friedel: Das stimmt. Am Theater bin ich mittlerweile nicht mehr fest, sondern nur noch als Gast. Dennoch ist mir die Arbeit dort wichtig, Theater ist für mich die Grundlage der Schauspielerei. Ich tanke dort auch auf. Neben den Filmen mache ich außerdem noch viel Musik, mit meiner Band Woods of Birnam. Man sagt mir immer, ich stünde meiner eigenen Karriere im Weg, wenn ich so viele Sachen mache. Andererseits brauche ich diesen Ausgleich für mein persönliches Glücksgefühl.

teleschau: Hat es Vorteile, dass viele Menschen Sie bislang nicht auf der Straße erkennen?

Friedel: Ja, durchaus. Neben der Anonymität sorgt es dafür, dass man mir sehr unterschiedliche Rollen anbietet. Weil ich eben nicht so ein fixiertes Image habe. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal einen derart sportbegeisterten Menschen wie Adi Dassler spielen darf. Im Gegensatz zu Ken Duken bin ich nämlich eher unsportlich. So einen tollen Körper habe ich nämlich nicht (lacht).

teleschau: Weshalb hat man trotzdem in Ihnen Adi Dassler gesehen?

Friedel: Vielleicht, weil ich das Geheimnis dieser Figur, das Nerdige, aber auch das Introvertierte verkörpern kann. Ich fand es aber auch toll, mir mit meinem Personal Trainer Disziplinen der Leichtathletik zu erarbeiten. Und dann habe ich auch noch eine verkürzte Schumacher-Ausbildung genossen, habe sozusagen selbst Schuhe geklopft.

teleschau: Wie viele Stunden haben Sie sich mit der Schuhmacherei beschäftigt?

Friedel: Ich glaube, insgesamt war es eine Woche. Ich war einige Male bei einem ganz tollen Schuhmacher in Dresden. Habe Leder geschnitten, überzogen und so weiter. Ich könnte zwar immer noch keinen Schuh herstellen, es war mir aber wichtig, dass zumindest die Handgriffe authentisch wirken.

teleschau: Und wie war das mit dem Sport? Haben Sie da etwas für sich entdeckt?

Friedel: Durchaus! Ich war so angetan, dass ich es übertrieb und mir eine üble Muskelverletzung zugezogen habe. Kurz vor Drehbeginn natürlich, das war ein wunderbares Timing! Ich bekomme jetzt noch körperliche Schmerzen, wenn ich daran denke. Gleich am Anfang drehten wir ein Fußballspiel - als ich quasi kaum laufen konnte. Bei jeder Bewegung zogen mir unglaubliche Schmerzen die Beine hoch. Ich hoffe nur, das Ganze sieht aufgrund exzellenter Schnitttechnik im Film nicht völlig bescheuert aus. Selbst, wenn es sich so anfühlte (lacht).

teleschau: Was hatten Sie denn zuvor trainiert?

Friedel: Ich fing an mit Ausdauer. Dann habe ich mich auf die Technik bei Sprints und Weitsprung konzentriert. Es gibt Videos von Adi Dassler, wie er mit seinen Kinder Weit- und Hochsprung übte. Das waren schöne, hilfreiche Quellen.

teleschau: Vor diesem Filmprojekt machten Sie nicht so viel Sport?

Friedel: Ich bewege mich sehr gerne. Leider ist meine stärkste Disziplin der schnelle Gang zum Kühlschrank, um mir ein Stück Schokolade zu holen.

teleschau: Haben Sie den RTL-Film über die Dassler-Brüder gesehen?

Friedel: Ich habe versucht, mir den anzusehen - aber es ging nicht. Was kein qualitatives Urteil sein soll. Ich war damals einfach so tief drin in den Biografien und den Figuren, dass es seltsam für mich war, dabei zuzusehen, was andere Leute aus dem Stoff gemacht haben.

teleschau: Wie kann so etwas passieren, dass sich zwei große TV-Filme quasi zeitgleich mit demselben Stoff beschäftigen?

Friedel: Ich weiß nicht, aber dieses Phänomen verfolgt mich. Als ich "Elser" drehte, gab es ebenfalls noch ein anderes Filmprojekt, dass diese Geschichte erzählen wollte. Ich wundere mich nur, dass "Das weiße Band" nicht auch noch mal parallel mit anderen Schauspielerin verfilmt wurde (lacht).

teleschau: Zurück zu den Dasslers. Was sagen Sie Menschen, die schon den RTL-Film gesehen haben, warum sie sich nun auch die ARD-Version ansehen sollten?

Friedel: Ich bin da natürlich parteiisch und finde unseren Film viel besser. Nein, im Ernst. Beide Filme sind vom Ansatz her klassische Biopics, aber in Sachen Bewertung und Recherche wohl unterschiedlich. Letzteres bestätigten uns die Familienmitglieder, die unser Drehbuch besser recherchiert fanden. Ich hatte das Glück, mit Sigrid, der Tochter Adi Dasslers, und einem Enkel sprechen zu können. Die haben uns exklusiven Zugang zu privatem Material gegeben, damit wir unseren Ansatz noch verfeinern konnten.

teleschau: Ihr Film ist auf jeden Fall schon mal länger.

Friedel: Natürlich, in einem Zweiteiler kann man mehr erzählen. Der zweiten Lebenshälfte der Dasslers wird bei uns definitiv viel mehr Zeit eingeräumt. In diese Phase fällt auch der Aufstieg der Marken, Images und Schmiergelder im Sport. Das alles nahm in den späten 60-ern und 70-ern seinen Anfang. Adidas und Puma mischten da kräftig mit.

teleschau: Haben Sie herausgefunden, ob sich Adi und Rudi Dassler vor ihrem Tod noch einmal trafen?

Friedel: Darüber gibt es unterschiedliche Theorien, aber keiner weiß es so genau. Auch die Filme belassen es im Unklaren. Natürlich ist es eine faszinierende Legende, dass man nicht weiß, ob zwei verfeindete Brüder, die vom gleichen fränkischen Dorf aus zwei Weltkonzerne lenkten, über Jahrzehnte bis zum Tod nicht wiedergesehen haben. Andererseits ist das auch eine ungeheuer traurige Geschichte.

teleschau: Was hat Sie an Adi Dassler am meisten fasziniert?

Friedel: Mit welcher Begeisterung er sein Leben lebte. Seine Tochter bestätigte mir, dass ihn die Leidenschaft für Sport und Schuhe ihn bis ins hohe Alter angetrieben hat. Auch dass ihm Qualität immer wichtiger war als Quantität. Adi Dassler hat durchaus darunter gelitten, dass sein eigenes Geschäft immer kommerzieller wurde, dass es immer mehr um Massenproduktion ging. Es war sicher auch einer der frühen Streitpunkte mit seinem Bruder, der eher vom Verkaufen kam.

teleschau: Sie stellen Adi Dassler anders als Ken Duken im RTL-Film als sehr schüchternen Menschen dar.

Friedel: Der er wohl auch war. Ein fast manischer Tüftler, der sehr zurückgezogen lebte. Im höheren Alter wurde er dann immer zugänglicher. Ein Familienmensch war Adi Dassler immer. In seinen späten Jahren lud er dann aber auch ganze Mannschaften zu sich nach Haus ein. Es war ihm immer wichtig, Sportler persönlich zu betreuen. Er wollte Mensch, Fuß und Schuh gemeinsam sehen, um das Optimum aus seinem Werk herauszuholen.

teleschau: Sie schwärmen ein bisschen. Vermissen wir jene alten Industriekapitäne, denen Qualität noch wichtiger war als Kommerz? Fabrikanten aus jener Zeit, als Produkte nicht kurz nach der Garantiezeit ihren Geist aufgaben ...

Friedel: Das kann durchaus sein. Was fasziniert, ist auf jeden Fall die Tatsache, dass Adi Dassler ein Pionier war. Heute gibt es fast nur noch Erweiterungen, "more of the same". Dassler stellte als erster leichte Schuhe für den Sport her. Schuhe, die exakt an das angepasst waren, was man in seiner Disziplin leisten wollte.

teleschau: Wie der RTL-Film erzählt auch Ihrer ambivalent und ein wenig offen vom Verhältnis der Dassler zum Nationalsozialismus.

Friedel: Ich glaube, weil es ein tatsächlich ambivalentes Verhältnis war. Die Dasslers waren von ihrer Gesinnung her keine Nazis. Trotzdem kann man ihnen vorwerfen, dass sie in die Partei eingetreten sind und kooperiert haben, um ihr Produkt nach vorne zu bringen. Adi Dassler hat sich aber auch in Gefahr begeben. Weil er dem schwarzen US-Top-Athleten Jesse Owens seine "deutschen" Schuhe gab. Die Dasslers waren sicher keine politischen Visionäre oder Kämpfer, aber - wie gesagt - auch keine Faschisten.

Quelle: teleschau - der mediendienst