Maria Dragus

Maria Dragus





Mobbing unter Segeln

Der Fall Jenny Böken gehörte zu den tragischen Nachrichten des Jahres 2008. Als Sanitätsoffizier-Anwärterin der Deutschen Marine ging die 18-Jährige nachts vor Norderney über Bord. Ihre Leiche wurde elf Tage später gefunden. Als man mehr über den Fall erfuhr, machten Geschichten von Mobbing und großem, lang andauernden Leid der Kadettin die Runde. Auch wenn die Bundeswehr das Ereignis als "tragischen Unfall" ad acta gelegt hat, inspirierte es Grimmepreisträger Raymond Ley ("Eine mörderische Entscheidung") und dessen Frau Hannah zum fiktionalen Fernsehfilm "Tod einer Kadettin" (Mittwoch, 5. April, 20.15 Uhr, ARD), der die Geschichte Bökens unter dem Tarnnamen Lilly Borchert aufgreift. Die deutsch-rumänische Schauspielerin Maria Dragus (Deutscher Filmpreis 2010 für "Das weiße Band"), Jahrgang 1994, spielt die sperrige Hauptfigur mit großer Intensität.

teleschau: Kannten Sie den Fall Jenny Böken, bevor sie die verstorbene "Gorch Fock"-Kadettin spielen sollten?

Maria Dragus: Nein. Sie starb 2008, da war ich 13 Jahre alt. Mein Einstieg in den Fall war tatsächlich das Drehbuch, das zwar von Jenny Bökens Schicksal inspiriert ist, die Begebenheiten allerdings nicht eins zu eins abbildet.

teleschau: Fanden Sie es schwierig, eine reale Figur zu spielen, die jung und tragisch gestorben ist? Deren Hinterbliebene so einen Film ja auch ansehen ...

Maria Dragus: Ja, diesen Aspekt empfand ich als schwierig. Ich empfinde es immer als Herausforderung Figuren zu spielen, die noch leben oder erst kürzlich verstorben sind. Man trägt in diesem Fall eine besondere Verantwortung. Ich kannte jedoch andere Film von Raymond und Hannah Ley. Daher wusste ich, dass sie sehr ernsthaft und sorgfältig mit solchen Stoffen umgehen.

teleschau: Der Tod von Jenny Böken ist nach wie vor ungeklärt. War es Selbstmord, ein Unfall, vielleicht sogar Mord? Wie tief sind Sie in die Recherche eingestiegen?

Maria Dragus: Ich hatte den Luxus, mich voll auf das Schauspiel konzentrieren zu können, weil ich mit den Leys zwei sehr vertrauenswürdige Rechercheure und Filmemacher an meiner Seite wusste. Hannah und Raymond haben den ganzen Fall noch einmal sehr genau betrachtet und viele Menschen aus dem Umfeld der Toten getroffen. Ich konnte mich also auf sehr fundierte Informationen stützen.

teleschau: Dass heißt, sie haben sich rein ans Drehbuch gehalten?

Maria Dragus: Ja, das Drehbuch war die fiktionale Vision von Raymond und Hannah Ley. Wir spielen im Film ja auch die verschiedenen Möglichkeiten des Todes meiner Figur durch. Natürlich habe ich mit Raymond während der Arbeit noch viel über die Hintergründe zugrunde liegenden Geschichte gesprochen. Er wusste aufgrund der Recherche sehr viel über den realen Fall. Zur Figurenentwicklung waren aber nur die Emotionen wichtig, die im Drehbuch vorgegeben waren.

teleschau: Der Film erzählt den Mobbing-Fall einer Marine-Kadettin an Bord eines Segelschiffes. Haben Sie sich auf die besondere Atmosphäre eines solchen Settings vorbereitet?

Maria Dragus: Bevor wir anfingen zu drehen, verbrachten wir drei Tage auf einem Ausbildungsschiff der polnischen Marine. Wir sind ein Stück mit denen gefahren, um die Abläufe auf einem solchen Segelschiff aus der Nähe kennenzulernen. Es war auch das Schiff, auf dem wir später drehten.

teleschau: Wie empfanden Sie die Situation auf dem Schiff?

Maria Dragus: Für junge, unerfahrene Leute ist es schon eine Extremsituation. Es gibt keinen Handy-Empfang, kein Internet. Man ist rund um die Uhr auf einem Schiff, das schaukelt. Man kann ständig damit rechnen, dass gleich etwas Dringendes zu tun ist. Ein Segelschiff ist harte, körperliche Arbeit. Da muss man auch mal nachts raus, weil sich das Wetter geändert hat und die Segel anders gesetzt werden müssen. Abschalten kann man da selten.

teleschau: Hinzu kamen für Jenny Böken Stressfaktoren wie Druck von der Gruppe und den Ausbildern. Wer den Film sieht, wundert sich fast, dass nicht mehr junge Leute an Bord die Nerven verlieren - oder?

Maria Dragus: Jede Situation ist so hart, wie man sie sich selber macht. Meine Figur geht leider mit sehr schlechten Voraussetzungen an Bord. Sie hat körperliche Probleme, die das Leben und die Arbeit auf einem solchen Schiff enorm erschweren. Gleichzeitig ist da dieser enorme Ehrgeiz, etwas zu schaffen, wofür man einfach nicht gemacht ist.

teleschau: Die Kadettin isoliert sich von der Gruppe und wird von ihr gemobbt. Was war zuerst da: die Isolation oder das Mobbing?

Maria Dragus: So was ist immer schwer zu beurteilen. Es finden Prozesse zwischen der Gemobbten und der Gruppe statt, die laufen zum Teil gleichzeitig ab. Auf jeden Fall ist es nicht gerade einfach, eine Situation wie die beschriebene auf so einem Schul-Segelschiff zu überstehen, wenn man nicht die Unterstützung der Gruppe hat.

teleschau: Wenn man in den realen Fall Jenny Böken einsteigt, ist man erschrocken darüber, wie unbeliebt dieses Mädchen bei vielen seiner Kameraden war. Sieht man Ihre Darstellung, kommt die Figur jedoch nicht unsympathisch rüber. Lässt sich dieser Widerspruch auflösen?

Maria Dragus: Meine Figur ist sehr autark. Die macht allen sofort klar: Ich ziehe hier mein eigenes Ding durch, das provoziert natürlich. Sie ist jemand, die nichts darauf gibt, was die anderen sagen. Und doch versucht sie, in die Gruppe hineinzukommen. Ich selbst bin im Internat aufgewachsen und kenne die Situation, wenn viele verschiedene Charaktere auf engem Raum zusammentreffen. Auf einem Schiff ist das natürlich noch ein bisschen extremer, es braucht eine Weile sich zurechtzufinden.

teleschau: Woher weiß man, dass Jenny Böken gemobbt wurde?

Maria Dragus: Es gibt ein Tagebuch, das sie führte. Auch wenn es eine Art offizielles Dienst-Tagebuch ist, in dass sie da schrieb, erfährt man, dass sie von den anderen Kadetten viel Ablehnung erfuhr. Auch Hannah und Raymond Leys Recherche im familiären Umfeld ergab, dass viele Leute sie als ein bisschen nervig empfanden - aber nicht per se unsympathisch. Für mich war die Gefühlslage meiner Figur relativ klar. Sie ist verzweifelt und deshalb verschlossen. Nicht unsympathisch, aber keineswegs konform mit den Normen der Gruppe.

teleschau: Was war denn das Nervige an ihr?

Maria Dragus: Die anderen Kadetten beschreiben das. Ihre Witze wären schlecht gewesen und völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Gleichzeitig behauptete die Kadettin oft, alles zu wissen, obwohl das nicht zutraf. Mit den Vorgesetzten sah sie sich auf Augenhöhe, was natürlich in einem hierarchischem System wie der Marine nicht funktioniert.

teleschau: Kann man aus diesem Fall etwas über Mobbing-Strukturen lernen, um ähnliche Fälle zu verhindern?

Maria Dragus: Es fällt schwer, diese Frage zu beantworten. Ich selbst denke immer, man muss ein gutes Selbstwertgefühl haben. Dann kann man sich auch von der Gruppe distanzieren, sollte man in ihr Fadenkreuz geraten. Im Falle unserer Figur ist es leider so, dass niemand sie davor schützt, sich in eine Situation zu begeben, für die sie weder körperlich noch psychisch geeignet ist. Aber voraussehen, wie es ausgeht, kann man natürlich vorher nie. In diesem Fall ist das besonders tragisch!

teleschau: Haben auch die Eltern jene enormen Schwierigkeiten unterschätzt, die ihre Tochter an Bord haben würde?

Maria Dragus: Eltern wollen ja immer das Beste für ihr Kind. Und wenn jemand einen so starken Wunsch äußert, ist es sicher nicht der erste Gedanke diesen abzuwehren. Es geht dabei schließlich um die Zukunft einer eigenständigen Person. Außerdem kann man sicher vorher nicht wissen, wie die Situation auf einem Militärschiff tatsächlich aussieht.

Quelle: teleschau - der mediendienst