Désirée Nosbusch

Désirée Nosbusch





Die Comebackerin

Nein, das ist keiner jener bemitleidenswerten Comeback-Versuche eines Promis von gestern. Désirée Nosbusch, in den 80-ern eine der meist verfolgten, ebenso vielbeschäftigten wie kritisch beäugten TV-Persönlichkeiten Deutschlands, ist zurück im Geschäft. Die 52-jährige Luxemburgerin, einst das Fräulein Sauber der deutschen TV- und Gala-Unterhaltung, feiert ein Schauspiel-Comeback in einer ZDF-Miniserie von Christian Schwochow ("Der Turm"), sie produziert Kinofilme mit Weltstars wie Isabelle Huppert oder moderiert - mit beeindruckendem Gespür für Menschen - eines der ungewöhnlichsten neuen TV-Formate. In "The Story of my Life" (ab Dienstag, 11. April, 20.15 Uhr, VOX) stellt sich ein prominentes Paar intimen Fragen über Liebe und das Leben. Als Katalysator für deren Offenbarung fungieren aufwendige Altersmasken, die die Gäste 20 beziehungsweise 40 Jahre älter machen. Zum ersten Talk kommen Boris und Lilly Becker - ein überraschender Glücksfall.

teleschau: Ihr Liebes-Talk mit Altersmasken funktioniert nur, wenn das interviewte Paar so offen und ehrlich ist wie Boris und Lilly Becker. Aber kann man so etwas planen?

Désirée Nosbusch: Nein, das kann man nicht. In der Tat ist jede Folge anders. Es gibt Paare, die sind wie Lilly und Boris sehr authentisch und offen vor der Kamera. Das kann man einfach laufen lassen! Bei anderen musste ich mehr initiieren oder auch mal um die Ecke fragen. Ich wollte niemanden vorführen oder mich als Voyeur betätigen. Wichtig war, dass mir alle vertrauten. Nur so kann man - mit Glück - die besondere Atmosphäre herstellen, die das Format ausmacht.

teleschau: Haben Sie sich selbst mal eine Altersmaske auflegen lassen?

Désirée Nosbusch: Nein, das klappte bisher aus Zeitgründen nicht. Sollte das Format weitergehen, will ich das aber auf jeden Fall nachholen. Eine Altersmaske in dieser Qualität ist sehr aufwendig. Es gibt nur wenige Spezialisten, die das auf diesem Niveau beherrschen. Im Falle von Lilly und Boris hatten wir ein Team aus London. Viele dieser Maskenbildner haben Erfahrung mit großen Hollywood-Produktionen. Dazu sitzt man für eine Verwandlung mindestens vier Stunden auf deren Stuhl.

teleschau: Und was macht so eine Altersmaske mit einem?

Désirée Nosbusch: Man stellt sich Fragen. Wer bin ich? Was habe ich geschafft? Was will ich noch mit meinem Leben? Selbst Gedanken, wie man einmal beerdigt werden will, kommen da auf. Boris und Lilly diskutieren sehr ernsthaft über diese Dinge. Man spürt, dass da jemand im Kopf tatsächlich beim eigenen Ende ist.

teleschau: Haben Sie einen vergleichbaren Effekt schon mal selbst erlebt?

Désirée Nosbusch: Ja, ebenfalls durch eine Maske. Ich habe gerade für eine sechsteilige ZDF-Serie über die Finanzwelt mit Christian Schwochow gedreht. Da spielte ich eine Bankerin, die älter ist als ich. Und die auch anders aussieht. Ich hatte tatsächlich Probleme, mich im Spiegel zu betrachten, denn die Verwandlung ging mir schon sehr nahe.

teleschau: Weil man die eigene Vergänglichkeit erfährt?

Désirée Nosbusch: Ich hatte weniger Angst vor dem Alter. Es sind eher andere Dinge. Ich sehe auf einmal meinen Vater. Da sind diese hängenden Backen und ich denke erschrocken: Das ist er! Aus einem anderen Blickwinkel oder in einer anderen Maske sehe ich dann plötzlich meine Oma in mir. Gute Altersmasken beruhen auf ernsthaften Berechnungen. Man muss Fotos seiner Eltern und Großeltern mitbringen. Bei Altersmasken dieser Qualität ist ein Stück Realismus am Wirken. Der berührt tief und erschreckt einen aber manchmal auch.

teleschau: Kennen Sie das Format "Kessler ist ..."?

Désirée Nosbusch: Ja, eine tolle Sendung! Da wäre ich gern mal Gast!

teleschau: Michael Kessler verwandelt sich dafür in einem aufwendigen Maskenprozess in sein Gegenüber. Der Gast wird danach quasi von seinem Spiegelbild befragt. Auch das verunsichert und berührt Kesslers zutiefst. Warum tritt dieser Effekt ein?

Désirée Nosbusch: Wenn jemand etwas in dir erkennt und dir quasi einen Spiegel vorhält, berührt das zwangsläufig. Ich glaube, es gibt wenige Dinge, die uns im Leben mehr verunsichern. Was natürlich auch eine große Chance ist, etwas Tiefgreifendes über sich zu lernen. Erkannt zu werden, hat immer etwas mit Wunden zu tun. Wunden, die man vielleicht verdrängt hat.

teleschau: Und das Alter ist eine Wunde. Zumindest eine kommende Wunde ...

Désirée Nosbusch: Ja, man wird durch diesen Prozess sehr offenporig. Was auch deshalb interessant ist, weil es in unserem Beruf meist darum geht, ein bestimmtes Bild aufrechtzuerhalten. Man muss immer jung bleiben, stets gut aussehen und so weiter. Dazu kommen die Verhaltensregister. Jeder Promi weiß, was man von ihm erwartet. Welche Karte er spielen muss. All diese Dinge funktionieren jedoch nicht in "The Story of my Life". Jeder steht völlig ohne Register da, das macht es so interessant.

teleschau: Sie kennen Boris Becker seit gemeinsamen Teenagertagen. Sie und er sind beide in der Öffentlichkeit groß geworden. Wie sehr haben Sie darunter gelitten?

Désirée Nosbusch: Ich habe tatsächlich eine besondere Beziehung zu Boris, weil wir uns oft über dieses Thema unterhalten haben. Bei ihm ist es natürlich noch mal eine andere Kiste. Er ist ein Weltstar, den man überall zu jeder Zeit erkannte. Ich habe einen großen Teil meines Lebens in privater Anonymität verbracht. Erst war ich in New York, später bin ich der Liebe wegen nach Los Angeles gezogen, wo ich bis vor kurzem gelebt habe. Dass ich so lange im Ausland war, ist jedoch nicht nur biografischer Zufall. Ich habe als junges Mädchen sehr gelitten. Es wurden Dinge über mich geschrieben, die mich sehr verletzten.

teleschau: Nämlich?

Désirée Nosbusch: Wenn man der Presse von damals Glauben schenkte, war ich altklug, frech, aufmüpfig und respektlos. So habe ich mich aber nie empfunden. Wenn man sehr jung ist und eine erwachsene Außenwelt behauptet, besser zu wissen, wer man ist, als man selbst, kann das enorm verunsichern. Mir ging es jedenfalls so. Ich litt sehr viele Jahre unter diesem Problem. Natürlich wurde das mit dem Älterwerden besser.

teleschau: Hat auch Boris am Unterschied zwischen Image und Selbstbild gelitten?

Désirée Nosbusch: Ich denke, ja! Boris ist ein ganz anderer Mensch als der, zu dem man ihn vor allem in Deutschland gemacht hat. Ein sehr reflektierter, liebevoller und tiefsinniger Mensch. Ich freue mich, dass man ihn in "The Story of my Life" endlich mal auf eine Weise kennenlernt, wie ich ihn immer gesehen habe.

teleschau: Woher kommt die Diskrepanz zwischen öffentlicher Wahrnehmung und wirklichem Charakter?

Désirée Nosbusch: Ich denke, da muss man sich jeden Fall, jede öffentliche Figur einzeln betrachten. Bei mir war es so, dass ich irgendwann bewusst provozieren wollte. Dass ich mit diesen falschen Images gespielt habe. Es war auch eine Art jugendlicher Trotz. Nach dem Motto: Ihr seht mich wirklich so? Also gebe ich euch diesen Mist.

teleschau: Haben Sie ein Beispiel?

Désirée Nosbusch: Zum Beispiel, dass ich 1982 einen Film namens "Der Fan" gedreht habe. Bis dahin war ich immer das fünfsprachige, in Gala-Klamotte gekleidete, saubere Wunderkind des deutschen Fernsehens. Nun spielte ich nackt in einem Film über Gewalt und sexuelle Obsession. Ich habe den Film gemacht, weil ich provozieren wollte.

teleschau: Wie lange hatten Sie das Gefühl, gegen etwas kämpfen zu müssen?

Désirée Nosbusch: Ich glaube, bis ich etwa 40 war. Bis dahin fühlte ich mich immer wieder in einer Rechtfertigungsrolle. Irgendwann schaffte ich es, mich davon zu lösen. Ich hörte auf, mich für mein Leben und meine Entscheidungen zu entschuldigen. Bis dahin war es ein weiter Weg. Ich vermute, bei Boris gab es ähnliche Prozesse. Nur, dass es da um noch mehr Aufmerksamkeit und um wesentlich mehr Geld ging. In der Öffentlichkeit groß zu werden, ist nicht einfach. Das ist auch der Grund, warum die meisten Kinderstars später untergehen.

teleschau: Geht es Ihnen heute besser als damals?

Désirée Nosbusch: Ja, ganz klar! Die frühen Jahre waren Teil meines Weges, deshalb möchte ich sie nicht missen. Aber - wirklich gut ging es mir die meiste Zeit nicht. Heute passen innen und außen bei mir zusammen. Da war lange Zeit nicht so.

teleschau: Würden Sie sagen, dass Sie früher eine unsichere Persönlichkeit waren?

Désirée Nosbusch: Ich war nie von Selbstwertgefühl übergossen. Ich bin ein chronisch zweifelnder Mensch, auch heute noch. Dennoch habe ich in einem langen Prozess gelernt, mit mir in Einklang zu leben.

teleschau: Was machen Sie heute?

Désirée Nosbusch: Ich lebe wieder in Luxemburg, meine Kinder sind erwachsen. Meine Tochter studiert in New York, mein Sohn ist Musiker und viel auf Tour. Wir versuchen, uns regelmäßig in Los Angeles zu treffen und unsere Ferien dort zu verbringen. In Luxemburg leben noch meine Mutter und mein Bruder. Seit fünf Jahren habe ich dort meine eigene Film-Produktionsfirma. Im Sommer startet mein erster selbst produzierter Kinofilm, "Souvenir" mit Isabelle Huppert. Außerdem arbeite ich wieder regelmäßig als Schauspielerin. Nicht nur in der Schwochow-Serie, sondern auch am Theater. Wir haben da mittlerweile eine tolle Szene im kleinen Luxemburg.

teleschau: Es läuft also gut ...

Désirée Nosbusch: Ja, ich habe den Eindruck, dass ich gerade für härtere Zeiten belohnt werde. Es gab Phasen zwischendurch, da lief nicht viel - das muss ich zugeben. Da hat man schon überlegt, mit was man demnächst seine Miete zahlen soll. Na klar, jetzt müssen all die schönen Projekte, in denen ich stecke, auch erst mal Erfolg haben. Aber wissen Sie, selbst wenn "The Story of my Life" ein TV-Flop würde - ich wäre trotzdem verdammt stolz auf das, was wir da geschafft haben.

Quelle: teleschau - der mediendienst