Anna Schudt

Anna Schudt





"Der Mann ist der wichtigste Termin im Kalender!"

Wir alle kennen die quietschfidele Ulknudel Gaby Köster. Und wir kennen die raue Ruhrpott-"Tatort"-Kommissarin Martina Bönisch, die von Anna Schudt gespielt wird. Gegensätzlicher könnten die Damen kaum sein. Deshalb war nicht nur Anna Schudt sehr erstaunt, als man ihr die Hauptrolle in der Verfilmung von Gaby Kösters Schicksalsroman "Ein Schnupfen hätte auch gereicht" anbot. Doch die in Konstanz geborene Schauspielerin nahm die Herausforderung an, die nicht nur Kölsch lernen beinhaltete, sondern auch das genaue Studium von Schlaganfallfolgen. Wie schwer das der 43-Jährigen fiel, ob die Rolle ihr Leben veränderte und wie sie ihre Beziehung zu Schauspielkollege Moritz Führmann frisch hält, verrät sie im Interview, in dem sie auch auf die Frage antwortet, ob sie sich nach fünf Jahren im "Tatort" schon zu langweilen beginnt ... - Der nächste Fall, der um viereinhalb Monate verschobene "Tatort: Sturm", wird am Ostermontag, 17. April, 20.15 Uhr, im Ersten ausgestrahlt. Ein Schnupfen hätte auch gereicht" ist am bereits am Karfreitag, 14. April, 20.15 Uhr, bei RTL zu sehen. Es wird fraglos ein ganz besonderes Osterfest für die Schauspielerin Anna Schudt.

teleschau: Was war Ihre erste Reaktion, als man Ihnen die Rolle der Gaby Köster anbot?

Anna Schudt: Ich kann doch gar kein Kölsch! Aber dann begann ich, mich mit der Rolle zu beschäftigen, und war schnell Feuer und Flamme! Denn es ist eine große Herausforderung, jemanden darzustellen, den es tatsächlich gibt, und an dem man dann gemessen wird.

teleschau: Ihnen gefiel diese außergewöhnliche Konstellation?

Schudt: In dem Film gab es so viele Aufgaben, die es zu meistern galt, und die ich noch nicht kannte: Kölsch sprechen, einen Comedian spielen, eine Person darstellen, die jeder kennt, halbseitig gelähmt sein und Sprachstörungen zu haben - all das lässt sich nicht einfach aus dem Ärmel schütteln. Deshalb entschied ich: Das würde ich gerne wagen!

teleschau: Sind Sie generell risikobereit?

Schudt: Ja, weil ich mich sehr schnell langweile. Mir fällt es schwer, es mir in meiner Komfortzone bequem zu machen.

teleschau: Wie haben Sie sich auf die Rolle Gaby Köster vorbereitet?

Schudt: Ich hatte unheimlich viele Helfer beim Film, die mir bei den Puzzlestücken geholfen haben: Ein Physiotherapeut hat mir zum Beispiel die Phasen nach einem Schlaganfall erklärt. Und ich hatte intensives Sprachtraining. Denn gerade bei Gaby Köster ist die Sprache auch Ausdruck ihrer Persönlichkeit.

teleschau: Was war das Schwierigste?

Schudt: Die Reflexe unter Kontrolle zu halten. Wenn du gesund bist und alles funktioniert, ist es nicht leicht, Körperteile einfach abzustellen. Man denkt: "Ach, dann lass ich halt den Arm hängen", aber dem ist nicht so.

teleschau: Hat Gaby Köster Ihnen auch bei den Vorbereitungen geholfen?

Schudt: Ja, wir haben uns mehrmals getroffen, und sie hat mir wirklich alle Fragen beantwortet. Einmal habe ich ihr gesimst: "Kannst du mir bitte ein Video von dir schicken, wie du rauchst?" Ich hatte es vergessen, und dann schickte mir ihr Sohn ein Video, an dem ich mich orientieren konnte.

teleschau: Haben Sie bei den Treffen auch eine andere Seite von Gaby Köster kennengelernt, die nicht zu Späßen aufgelegt ist?

Schudt: Wir haben viel zusammen gekichert, aber sie ließ mich auch sehr tief in ihre dunklen Momente blicken - schließlich geht es in dem Film ja hauptsächlich um Gabys anstrengende Krankengeschichte. Ich war sehr berührt, von dem was sie erzählt hat: ihre Einsamkeit, ihre Verzweiflung, aber da ist eben eben auch ihr Humor und die unglaubliche Power! Sie hat nie gefragt: "Warum hat es mich getroffen?" Stattdessen hat sie die Flucht nach vorne ergriffen und gekämpft!

teleschau: Sie wollen sagen, Gaby Köster hat nie gejammert?

Schudt: 95 Prozent von Gaby Köster sehen keinen Sinn im Jammern. Sie sieht das eher so: Es gibt das Problem, und damit muss ich umgehen, am besten mit gewissem Abstand und Humor - so schwer das auch manchmal fällt! Die restlichen fünf Prozent sind natürlich angestrengt, verzweifelt und haben keine Lust mehr auf Physiotherapie - was ja nur menschlich ist!

teleschau: Haben die Dreharbeiten dazu geführt, dass Sie das Leben nun mehr zu schätzen wissen und achtsamer sind?

Schudt: Seit der Beschäftigung mit dieser körperlichen Versehrtheit bin ich 100 Prozent dankbarer dafür, dass ich morgens meine beiden Beine aus dem Bett schwingen, aufstehen und meine Kinder mit beiden Armen umarmen kann. Diese Achtsamkeit und das Bewusstsein, dass alles funktioniert und man es möglichst pflegen muss, damit es so bleibt, sind sehr stark gewachsen. Das sagt Gaby Köster ja jetzt auch: Sie ärgert sich, dass sie das vor dem Schlaganfall nicht so getan hat. Am schlimmsten ist, wenn die Erkenntnis zu spät kommt und man körperliche Schäden nicht mehr rückgängig machen kann. Dann sitzt man in der Jauchegrube!

teleschau: Was tun Sie für Ihre Gesundheit?

Schudt: Ich lebe generell gesund, versuche genügend Schlaf zu bekommen und alles in Maßen zu machen und auf meinen Körper zu hören. Asketisch durchs Leben zu gehen, macht für mich keinen Sinn. Man muss auch genießen oder manchmal über die Stränge schlagen. Übertrieben auf seinen Körper achten sollte man auch nicht, denn Hypochondrie macht nur krank!

teleschau: Es gibt in "Ein Schnupfen hätte auch gereicht" einen Nebenhandlungsstrang rund um Gaby Kösters Physiotherapeutin, deren Mann nicht damit klarkommt, dass die Frau Hauptverdienerin ist. Ist das immer noch ein Thema, dass die Rollenverteilung bloß nicht aus dem Gleichgewicht gerät?

Schudt: Naja, die Frauen sind überall gleich auf oder drüber, und den Männern wurde die Vormachtstellung genommen. Fast alles, was sein genetisches Programm ist, wurde ad acta gelegt. Deshalb denke ich, dass wir aufpassen müssen, dass man die Männer nicht vollkommen zurückstellt! Man muss ihnen Platz und Gewicht geben, sonst klappt es nicht. Aber es gibt ja zum Glück genügend Männer, die fortschrittlich denken.

teleschau: Gehört Ihr Mann auch dazu, oder lässt er sich dafür feiern, wenn er einmal im Monat die Pfannen spült?

Schudt: Also, da würde ich schmallippig werden, wenn mein Mann sich fürs Abspülen feiern ließe, aber Gottseidank habe ich ein fortschrittlicheres Modell zu Hause. (lacht) Mein Mann packt mit an. Wenn ich drehe, übernimmt er sogar wochenlang alles ganz alleine und macht das großartig. Wichtig ist, dass es eine gleichmäßige Verteilung gibt. Vielleicht will einer nicht gerne abspülen, aber macht dafür das Auto von innen sauber, das die Kinder mal wieder vollgekleckert haben.

teleschau: Wie hält man die Beziehung am Laufen mit zwei Kindern und Fulltime-Job?

Schudt: Es ist nicht einfach, aber meine Devise lautet: Der wichtigste Termin im Kalender ist der Mann. Ohne Bezug zum Partner ist auch der Familienzusammenhalt schwierig. Man muss spannend bleiben - für sich selbst und für den Partner. Man darf nicht in die Falle tappen, zu denken: "Ich weiß ja sowieso, wie er ist und was er denkt!" Der andere muss ein Mysterium bleiben - und dafür muss man aktiv etwas tun.

teleschau: Zum Beispiel?

Schudt: Dass er sich fragt: "Was trägt sie wohl heute drunter?" (lacht) Dann klappt es auch mit der Romantik und dem Sex. Man muss den anderen immer wieder mit neuen Augen angucken und sich im Idealfall auch immer wieder neu in ihn verlieben können.

teleschau: Gehören dazu auch romantische Verabredungen statt Alltagsbegegnungen am Küchentisch?

Schudt: Unbedingt! Man muss sich ab und zu auch mal ein Kindermädchen gönnen und zwar nicht nur, um die Kinder während Arbeitsterminen betreuen zu lassen, sondern auch um uns als Paar Momente der Zweisamkeit zu bescheren, die nur uns gehören.

teleschau: Die Beziehung verändert sich, wenn Kinder ins Spiel kommen?

Schudt: Natürlich. Die Männer fühlen sich zum Beispiel zurückgewiesen von der Frau. Aber man muss auch die Frau verstehen, die sagt: Den ganzen Tag habe ich Körperkontakt mit dem Baby, dann ist es manchmal zu viel, wenn der Mann dann auch noch an einem klebt. Dann ist Kommunikation ganz wichtig.

teleschau: Was ist noch wichtig?

Schudt: Einsamkeit gehört auch zur Zweisamkeit. Man muss nicht immer alles teilen. Vor allem, wenn man zusammen lebt und sich zwangsläufig über den Weg läuft, dann denkt man irgendwann: "Ach, der ist ja eh da! Warum soll ich mich mit ihm verabreden?" Gespräche am Küchentisch sind aber nicht dasselbe wie eine Verabredung im Restaurant bei einem Glas Wein. Wenn man über das Leben spricht und erfährt, was gerade im anderen vorgeht.

teleschau: Zu Hause trägt man ja auch eher Jogginghose .

Schudt: Genau! Oder irgendwas, was absolut nicht anregend ist. (lacht)

teleschau: Sie haben lange in München gelebt: Was verbindet die Dortmunder "Tatort"-Kommissarin mit der Stadt?

Schudt: Ganz viel! München ist immer noch meine Heimat. Ich zog mit 17 Jahren hin und habe dort fast 20 Jahre gelebt - und zwar wahnsinnig gerne. Alles, was mein Leben geprägt hat, fand dort statt: Schauspielschule, erstes Engagement In München habe ich so viele ausgetretene Pfade und Freunde. Ich liebe sowohl die Stadt als auch das Umland.

teleschau: Jetzt wohnen Sie im Rheinland: Die Menschen dort sollen ja offener sein als die Münchener

Schudt: Stimmt, die Rheinländer sind anders! Die Münchener sind tatsächlich nicht so zugänglich. Die Rheinländer quatschen mehr und es ist leichter mit ihnen in Kontakt zu treten.

teleschau: Sind Sie noch oft in München?

Schudt: München ist mein Zufluchtsort! Wenn ich mal alles satt habe und nicht zu Hause sein will, fahre ich gerne nach München, um Freunde zu besuchen. In Düsseldorf gehe ich gern an den Rhein, um durchzuatmen. Aber Stille und Wasser sind hier schwerer zu finden als in Bayern.

eleschau: Sie sagten, dass Sie sich schnell langweilen. Steht dann nach fünf Jahren Dortmunder "Tatort" und dem Fortgang von Kollege Konarske etwa auch bald Ihr Abschied an?

Schudt: Nein. Wenn ich mich langweilte, wäre ich weg. Aber das ist nicht der Fall. Ich beschäftige mich auch nicht mit dem Gedanken, so lange in mir drin nichts klingelt.

Quelle: teleschau - der mediendienst