Felicitas Woll

Felicitas Woll





Warnung vor den Cyber-Nerds

Die Rolle des Mädchens "Lolle", das es von der Provinz nach Berlin verschlägt, hat Felicitas Woll bekannt gemacht. Seit dem Sitcom-Erfolg "Berlin, Berlin" ist mehr als ein Jahrzehnt vergangen, der Rummel um die Erfolgsserie ist Geschichte, aber Felicitas Woll ist immer noch eine gefragte Schauspielerin. Nun verkörpert die 37-Jährige im Drama "Nackt. Das Netz vergisst nie." (Dienstag, 4. April, 20.15 Uhr, SAT.1) die verzweifelte Mutter einer Heranwachsenden, die Opfer von Cybermobbing wird. Wir haben mit der Schauspielerin über die Gefahren des Netzes gesprochen, aber auch die Frage geklärt, weshalb sie bei Dreharbeiten mitunter einen imaginären Taucheranzug trägt und warum sie für einen permanenten Stromausfall gewappnet wäre.

teleschau: Sie spielen in "Nackt. Das Netz vergisst nie." die Mutter einer 16-Jährigen, von der Nacktbilder im Internet auftauchen. Wie geht die Frau damit um?

Felicitas Woll: Erst unbedarft, fast schon naiv. Sie will die Urheber finden und zum Löschen des Bildes bringen oder zum Stilllegen der Website, einer Racheseite für Ex-Partner. Aber das Ganze nimmt Dimensionen an, mit denen sie nicht gerechnet hat.

teleschau: Der Betreiber wird letztlich in einer kleinen Kammer aufgespürt ...

Woll: Es ist erschreckend, wieviel Macht diese Menschen haben, die eigentlich komplette Loser sind. Nerds, die sich in ihren Kämmerchen verstecken und das Leben von Fremden ruinieren, weil sie keine Aufgabe im Leben und große Langeweile haben.

teleschau: Hat Sie das erschreckt?

Woll: Ja, während der Arbeit an diesem Film habe ich erst begriffen, was das Internet auch bedeutet, welche Seite es da noch gibt. Es war eine neue Welt für mich.

teleschau: Hat es für Sie dadurch ein Umdenken gegeben, eine Änderung Ihres Nutzungsverhaltens?

Woll: Nein, ich war vorher schon vorsichtig.

teleschau: Was heißt das konkret?

Woll: Ich habe eine Fanseite auf Facebook und nutze Instagram, aber ich bin nicht besonders aktiv. Ich bin niemand, der jeden Tag 30 Bilder von sich online stellt, um so viele Likes wie möglich zu ergattern. Was ich gar nicht verstehen kann, sind Eltern, die ihre Kleinkinder im Internet präsentieren. Die haben gar keine Chance, sich dagegen zu wehren, und wenn sie später mal einen Job suchen, kursieren Fotos, auf denen sie auf dem Töpfchen sitzen.

teleschau: Wie der Filmtitel schon sagt: "Das Netz vergisst nie" ...

Woll: Ich stelle mir das immer als riesiges Spinnennetz vor, wo alle Informationen, Bilder, Sätze, Wörter festkleben und jeder ständig und für alle Zeiten darauf zugreifen kann.

teleschau: Aber Sie haben persönlich keine schlechten Erfahrungen mit dem Netz gemacht?

Woll: Nein. Maximal kommt es vor, dass unter Filmrezensionen Kommentare erscheinen, die nicht so nett sind, einen Film verreißen oder meine Leistung kritisieren. Wobei Kritik ist nicht das Problem. Man muss lernen, das nicht persönlich zu nehmen. Ich entscheide schließlich selbst, wann ich den Computer an- und wann ich ihn wieder ausmache.

teleschau: Wie sehr hat Sie das Thema "Cybermobbing" gereizt?

Woll: Es ist für mich reizvoll, einen Film zu machen, der eine Botschaft hat. Es gibt mir die Möglichkeit, die Verantwortung, die ich durch meinen Beruf habe, wahrzunehmen. Ich möchte den Menschen zu Hause in ihren Wohnzimmern Geschichten erzählen, die sie zum Nachdenken bringen. Das macht mich glücklicher, als wenn ich nur eine nette Story erzähle. Ich mag Rollen, die intensiv sind und an die Substanz gehen.

teleschau: Verlangt Ihnen so eine Figur mehr ab?

Woll: Auf jeden Fall. In diesem Fall bin ich vier Wochen lang zu Charlotte geworden und hatte pausenlos meine Film-Tochter im Kopf. Ich habe mich gefragt, wie ein Mädel in ihrem Alter mit so einer Situation klarkommt, ob sie sich etwas antut. Das hat mich nicht losgelassen. Ich mag es, den Konflikt zu spüren. Nach dem Dreh nehme ich einen Teil davon mit, in Form von neuen Erkenntnissen.

teleschau: Sie bleiben die ganze Zeit in der Rolle?

Woll: Genau. Ich lege den Charakter abends in der Garderobe nicht ab, wohne auch nicht zuhause, sondern im Hotel. Ich bin jemand, der komplett aufmacht und die Figur absorbiert - und auch als diese Frau durch die Gegend läuft.

teleschau: Was haben Sie als Charlotte abseits des Sets erlebt?

Woll: Mir ist vor allem aufgefallen, dass alle Leute immerzu mit ihren Handys zugange sind. Wenn man das eigene Telefon in der Tasche lässt und bewusst durch die Gegend läuft, sieht man erst, dass alle ständig nur auf ihre Smartphones starren.

teleschau: Sie haben mal erzählt, dass Sie bei der Arbeit einen imaginären Taucheranzug tragen, um schlechte Energien abzuhalten. Wie kamen Sie auf die Idee?

Woll: Das ist lange her. Ich war 19 Jahre alt und habe bei einem "Tatort" mitgespielt, der eine ziemlich heftige Vergewaltigungs-Szene beinhaltete. Ein Bekannter hat mir damals geraten, vor der Szene in einen imaginären Taucheranzug zu steigen, die Kapuze überzuziehen und den Reißverschluss zuzumachen, sodass meine Seele geschützt bleibt. Im schlimmsten Fall könnte ich sonst bei Dreharbeiten, die mir sehr nahegehen, das Gefühl haben, es wäre mir tatsächlich passiert.

teleschau: Tragen Sie das Teil heute noch?

Woll: Ja, ich habe ihn immer griffbereit. Meinen Körper verleihe ich an die Figur, die ich spiele, meine Seele beschütze ich.

teleschau: Apropos Schutz. Sie selbst haben eine elfjährige Tochter. Wie gehen Sie bei ihr mit der Causa Internet um?

Woll: Es fängt gerade an, Thema zu werden. Es gibt Mitschüler, die haben YouTube-Channels und Instagram-Profile, ich bin bei meiner Tochter eher zögerlich. Sie hat als eine der letzten in ihrem Freundeskreis kein eigenes Handy. Inzwischen geht es bei den Teenagern meist nur darum, von den anderen Likes für Postings zu bekommen. Wenn ich das mitkriege, denke ich mir oft: Ihr solltet doch draußen sein, spielen, auf den Baum klettern, eine Höhle bauen.

teleschau: Wie stark nutzen Sie persönlich Ihr Smartphone?

Woll: Ich gucke häufig auf mein Telefon, schaue wieviel Uhr es ist, welche Termine ich habe, das Smartphone ist auch mein ständiger Begleiter. Zudem bin ich keine Zeitungsleserin, wenn, dann informiere ich mich übers Internet, ich mache das aber dosiert.

teleschau: Werden Sie von Fans mit Selfie-Wünschen bombardiert?

Woll: Nein. Ich bin froh, dass es zu "Berlin, Berlin"-Zeiten noch keine Selfies gab, da wäre das sicher der Fall gewesen. Inzwischen ist es entspannt, ich kann durch die Stadt gehen und werde wochenlang nicht angesprochen. Manchmal begegne ich Menschen, die mich fragen: "Du, haben wir nicht miteinander studiert?" Ansonsten ist so ein Foto schnell gemacht, ich habe da kein Problem mit. Ich finde so etwas gehört zu meinem Beruf dazu.

teleschau: Als Kontrapunkt zum Technikwahn sollen Sie in Ihrer Kindheit jahrelang ohne Elektrizität gelebt haben ...

Woll: Meine Mutter wollte sehen, wie das funktioniert. Der Elektriker hat geguckt wie ein Pferd, als er uns den Hahn zudrehte. Es ist ein befreiendes Gefühl für mich zu wissen: Sollte jemals der Strom wegbleiben, gibt es keinen Grund zur Panik. Ich habe gute Erinnerungen an diese Zeit. Wie viel schöner ist es doch, bei Kerzenschein ein Buch zu lesen, als ständig vor dem PC oder am Handy zu hängen.

Quelle: teleschau - der mediendienst