Verleugnung

Verleugnung





Beweisen Sie den Holocaust!

"Verleugnung" ist in doppelter Hinsicht erschreckend. Zum einen ist es schier unvorstellbar, dass die US-amerikanische Historikerin Deborah Lipstadt vor 17 Jahren vor einem britischen Gericht beweisen musste, dass es den Holocaust gegeben hat. Zum anderen gibt es diese bedrohlich aktuellen Bezüge: Fake-News, Geschichtsverfälschung, zu Fakten erhobene Meinungen gehören zum (medialen) Ton unserer Zeit, in der Leute wie Björn Höcke, Marine LePen, Geert Wilders, Viktor Orbán und Donald Trump vorgeben wollen, was wahr sein darf. Es ist eine große Verantwortung, der sich Regisseur Mick Jackson stellt. Mit einem ausgezeichneten, sehr respektvollen Drehbuch und den von Rachel Weisz, Tom Wilkinson und Timothy Spall angeführten hervorragenden Darstellern wird sein aufwühlendes Gerichtsdrama "Verleugnung" dieser Verantwortung gerecht - trotz Schwächen in der Inszenierung.

Regisseur Mick Jackson, aus dem Kino vor allem durch die Whitney-Houston-Schmonzette "Bodyguard" bekannt, gilt in der britischen TV-Landschaft als guter Handwerker. Dementsprechend routiniert fällt seine Inszenierung aus: Ästhetisch und erzählerisch wirkt "Verleugnung" etwas zu karg für die Kinoleinwand, was im Prinzip aber nur den Blick schärft für das Wesentliche. Und das ist der Umgang mit der historischen Wahrheit und die Frage, wer über sie bestimmen darf.

Die US-Professorin Deborah Lipstadt (Rachel Weisz) hatte den britischen Historiker David Irving (Timothy Spall) in ihrem Buch "Betrifft: Leugner des Holocaust" (1994) als ebensolchen überführt und analysiert, wie Irving und andere Holocaust-Leugner historische Fakten verdrehen und Beweise manipulieren. Irving reichte daraufhin 1996 vor dem High Court of Justice in London eine Verleumdungsklage an: Nach britischem Recht muss die Beklagte beweisen, dass ihre Behauptungen wahr sind.

In der Konsequenz bedeutet das: Lipstadt musste im Prozess Anfang 2000 dem Gericht den Beweis liefern, dass der Holocaust tatsächlich stattgefunden hat. Lipstadt nahm diesen Kampf an, auch wenn sie sich nicht bewusst war, was da auf sie zukommen würde: ein kompliziertes britisches Rechtssystem, jahrelange, penible Vorbereitung mit ihren Anwälten Richard Rampton (Tom Wilkinson) und Anthony Julius (Andrew Scott) und vor allem ein stetes Ringen zwischen ihrem Unrechtsbewusstsein und juristischen Notwendigkeiten.

In seinem Drehbuch verzichtete David Hare ("Der Vorleser", "The Hours") ganz bewusst auf emotionalisierende Schwarzweiß-Malerei. Die Spannung kommt aus den Dialogen: zwischen Lipstadt und ihren Verteidigern und vor Gericht. Hare hält sich dabei an Fakten und Beweise, die in den offiziellen Prozessakten einsehbar sind. Dialoge vor Gericht etwa wurden wörtlich übernommen.

Dadurch umgeht "Verleugnung" auch einer etwaigen Versuchung, David Irving vorzuführen. Das ist gar nicht nötig: Jeder kann sich über den skurrilen Mann, den der großartige Timothy Spall menscheln lässt, selbst ein Bild machen und vermuten, was in ihm vorging. Hare und Jackson sind nicht vermessen, seine Persönlichkeit zu deuten. Sie zeigen ihn einfach, wie er ist.

Trotzdem ergreift der Film Partei, allein durch seine Aufklärungsarbeit. Es ist schrecklich, mitansehen zu müssen, wie die Anwälte aus der Notwendigkeit heraus, den Prozess gewinnen zu müssen, den Holocaust in seine forensischen Bestandteile zerlegen. Sehr gut zu sehen ist das in einer Auschwitzszene, die Jackson sehr distanziert und kühl ins Bild setzt: Das Grauen ist überall spürbar, aber Lipstadts Anwalt vermisst das Lager, scheinbar völlig gefühllos. Er braucht vor Gericht Beweise, dass Irving existierende Fakten verdreht hat, um seine Meinung zu plausibilisieren und als wissenschaftliche Erkenntnis verkaufen zu können.

Am Konflikt zwischen Herz und Verstand zerbricht Lipstadt fasst. Sie muss hart mit ihrem Verlangen kämpfen, selbst in den Zeugenstand zu treten, Sie hätte Irving nur zu gerne die Meinung gesagt: weil jeder Mensch lautstark für die Wahrheit eintreten sollte. Doch ihre Anwälte raten ihr immer wieder ab. Gefühle machen angreifbar, und so bringt Lipstadt ihr ganz persönliches Opfer im Prozess: Es ist gewissermaßen die zweite Verleugnung im Film, und sie erinnert daran, dass es sich für die Wahrheit zu kämpfen lohnt. Egal wie schwierig das ist. Denn wer erlaubt, dass die Wahrheit nach opportunem Gutdünken in Zweifel gestellt wird, hat immer verloren.

Quelle: teleschau - der mediendienst