Die versunkene Stadt Z

Die versunkene Stadt Z





Besessen im Dschungel

Zu dumm, dass man sich die Verwandtschaft nicht aussuchen kann. Denn mit dem falschen Familienstammbaum wird man schnell mal in den Dschungel geschickt. Dort landet Anfang des 20. Jahrhunderts zumindest der von "Sons of Anarchy"-Star Charlie Hunnam gespielte britische Soldat und Kartograph Percy Fawcett, den Regisseur James Gray in seinem Abenteuerepos "Die versunkene Stadt Z" porträtiert. Fawcett hat aufgrund seiner Herkunft keine Chance auf eine Offizierslaufbahn in der Army, könnte sich aber mit einer Forschungsmission Ruhm und Ehre verdienen. Besessen vom Drang nach Anerkennung verrennt sich Fawcett im Urwald Boliviens und der betulich inszenierte Film in einem Dickicht aus guten Absichten.

Sittenporträt der englischen Gesellschaft, Kolonialisierungskritik, Psychogramm eines besessenen Forschers, Dschungelabenteuer: Wäre "Die versunkene Stadt Z" ein Floß, würde es wegen Überladung wahrscheinlich kentern. Zumindest ist die Verfilmung des gleichnamigen Sachbuch-Bestsellers von David Grann schwer steuerbar, auch wenn er handwerklich solide inszeniert wurde.

Aber es gibt eben diesen einen Moment in "Die versunkene Stadt Z", der zusammenfasst, was dem Film fehlt: Mitten im Dschungel hat ein Plantagenbesitzer eine Oper errichtet. Fawcett sieht sich während seiner ersten Reise in den Dschungel die Aufführung an, und man hofft, dass sich Regisseur James Gray endlich ein Herz fasst und dem Wahnsinn eine Bühne bietet. Denn wahnwitzig ist es schon, was sich Fawcett vorgenommen hat. Doch Gray scheint Angst zu haben vor seinem persönlichen "Fitzcarraldo" und lässt Fawcett einfach weiterfahren und dessen Urwaldtrip zu einer ziemlich braven und ziemlich zähen Kinoangelegenheit werden.

Also erfüllt Fawcett zusammen mit seinem Kompagnon Henry Costin (Robert Pattinson) pflichtbewusst den Auftrag der Royal Geographical Society, die den Offizier zur Landvermessung in das Grenzgebiet zwischen Bolivien und Brasilien geschickt hatte. Fawcett ist fasziniert vom Dschungel, obwohl er eigentlich gar nicht nach Südamerika wollte. Seine Karriere zu Hause ist ins Stocken geraten. Für eine höhere Karriere in der Army brauchte man zu jener Zeit den richtigen Familienstammbaum.

Während Fawcetts Frau (Sienna Miller) und ihr Baby in England auf seine Rückkehr warten, entdeckt der Forscher im Urwald eine Handvoll Tonscherben: Für Fawcett der Beweis, dass es dort einst eine hochentwickelte Kultur gegeben haben muss, und der Beginn einer Obsession, die ihn zeitlebens nicht mehr loslässt. Im hochnäsigen England will freilich niemand glauben, dass die indigenen "Wilden" im Dschungel zur Zivilisation fähig gewesen sind.

Fawcett lässt sich von der Ignoranz seiner Zeitgenossen nicht beirren. Er wird noch zweimal in den Dschungel fahren, zwischendurch die Gräuel des Ersten Weltkriegs erleben, mit seiner Frau über Emanzipation streiten, sich von seinen Kindern entfremden und die Forschungsethik des frühen 20. Jahrhunderts in Frage stellen.

Fawcett hält große Reden vor der Royal Geographic Society und im Schützengraben, überkommt Rückschläge und überlebt Attacken. Gray überhöht den Entdecker zu einem vom Schicksal getriebenen Helden, verrät aber nicht, warum er immer wieder Grenzen überschreiten muss, und verpasst es, die Figur greifbar, die inneren Kämpfe eines Mannes, der in seiner Vision gefangen ist, erfahrbar zu machen.

Quelle: teleschau - der mediendienst