Eli Wasserscheid

Eli Wasserscheid





Der Wahrheit auf der Spur

Das nennt man wohl ein echtes Heimspiel: Die aus Bamberg stammende Schauspielerin Eli Wasserscheid gehört neben Fabian Hinrichs und Dagmar Manzel zur Stammbesetzung des erstmals 2015 ausgestrahlten Franken-"Tatorts". Bereits ihr dritter Fall führt Kommissarin Wanda Goldwasser und das Ermittlerteam nun in die Heimatstadt der 38-Jährigen. Der Krimi "Tatort: Am Ende geht man nackt"(Sonntag, 9. April, 20.15 Uhr, ARD) spielt in der pittoresken 73.000-Einwohner-Stadt an der Regnitz, wo Eli Wasserscheid jeder Winkel vertraut ist. Natürlich schwärmt die in München lebende Schauspielerin im Interview von den für sie einmaligen Drehbedingungen, sie preist ihre Heimat und feiert ganz bestimmt verdientermaßen Land und Leute ab. Dieser "Tatort" jedoch ist alles andere als die vielleicht vermutete Wohlfühlware der Marke "Provinzkrimi". Der dritte Franken-"Tatort" erzählt vom Ankommen als Flüchtling in Deutschland und setzt sich mit dem Alltag in einem Übergangsheim auseinander. Der Stoff ist hart, emotional und brisant. Auch darüber ist zu reden ...

teleschau: Erinnern Sie sich noch an den Moment, als Sie erfuhren, dass Sie im neuen "Franken-Tatort"-Team als Kommissarin dabei sind?

Eli Wasserscheid: Ja, ganz genau. Ich reckte die Faust in die Luft, habe laut "ja" gebrüllt und mich wahnsinnig gefreut. Ich musste bei dem Angebot keine Sekunde überlegen!

teleschau: Was hat sich mit der "Tatort"-Rolle für Sie verändert?

Wasserscheid: Einiges! Gewöhnungsbedürftig war vor allem der Rummel, der um uns war. Ich komme vom Theater, da gibt es selten solche Hypes. - Auf einmal saß ich vor Journalisten und gab Interviews als Fernsehkommissarin. Ich habe ein bisschen gebraucht, um mich daran zu gewöhnen. Alles in allem war es ein großer Schritt für mich in ein neues Level.

teleschau: Als 2012 erstmals die Nachricht die Runde machte, dass der BR ein "Tatort"- Ermittlerteam für Ober-, Unter- und Mittelfranken installiert, war das Interesse sofort riesengroß. Hat Sie die geballte Euphorie der Nordbayern überrascht?

Wasserscheid: Nein, mir war klar, dass sich Franken über diese neue "Tatort"-Wahrnehmung freuen wird. Die fühlten sich ein bisschen unterrepräsentiert. Ich finde, die Menschen, die tolle Landschaft und all die höchst unterschiedlichen Atmosphären und Orte von Coburg bis Nürnberg sind es einfach wert, erzählt zu werden.

teleschau: Und dann das: ein "Tatort"-Dreh in Bamberg!

Wasserscheid: Ja, da wurde uns schon viel Interesse, oder sagen wir ruhig: Enthusiasmus entgegengebracht. Und wenn man als aus Bamberg stammende Schauspielerin plötzlich daheim als "Tatort"-Kommissarin ermittelt ...

teleschau: Dann ist das vermutlich ziemlich surreal, oder?

Wasserscheid: Schon. Obwohl ich anfangs nichts Besonderes darin sehen und mich von diesem Heimspiel-Gedanken frei machen wollte. Die ersten Nächte schlief ich sogar im Hotel, weil ich dachte, dass ich so konzentrierter arbeiten kann. Aber natürlich erwies sich das sehr schnell als total absurd, nach Drehschluss nicht nach Hause zu gehen. Also habe ich die Buchung storniert. Unser Haus liegt mitten in der Altstadt, ich kenne da sprichwörtlich jede Gasse, jeden Schleichweg und natürlich auch die einschlägigen Kneipen, die schönen Cafés und Bierkeller ... Ich habe den Sommer einfach sehr genossen.

teleschau: Sie leben seit 1998 in München. Der Weg nach Hause ist nicht allzu weit: Zwei Stunden sind es mit dem ICE oder mit dem Auto ...

Wasserscheid: Das stimmt. Aber mein Lebensmittelpunkt ist nun schon länger München. Natürlich fahre ich regelmäßig nach Hause zu meiner Familie - aber zwei Tage auf Besuch da sein, das ist etwas ganz anderes, als über mehrere Wochen daheim zu arbeiten. Dieses Alltagsgefühl während des Drehs war einfach schön.

teleschau: Verließen Sie Bamberg mit 18 Jahren, um die Provinz hinter sich zu lassen?

Wasserscheid: Nein, das war nicht mein Hauptmotiv. Ich wollte Schauspielerin werden und bin nur deshalb nach München gekommen, um dort die Ausbildung zu machen. Für den Beruf wäre ich überall hingegangen. Es war keine Entscheidung gegen Bamberg!

teleschau: Sie tragen Ihre Heimat also noch im Herzen?

Wasserscheid: Ja, aber tun wir das nicht alle?

teleschau: Dann schwärmen Sie mal von Ihrer Heimatstadt!

Wasserscheid: Bamberg ist einfach ein Kleinod, ein Idyll, das ich gerade im Sommer sehr genieße. In Bamberg und Umgebung kann ich auftanken. Hier lässt es sich übrigens ganz wunderbar Urlaub machen! (lacht) Die Zeit läuft in der Bamberger Gegend, wie fast überall in Franken, noch ein bisschen anders als in den großen Städten. Das Leben fühlt sich irgendwie ruhiger, langsamer, geerdeter an. Hier kommt man ganz schnell runter.

teleschau: Sie wuchsen mit sechs Geschwistern mitten in der Altstadt auf und gingen in Bamberg aufs Gymnasium. Wie kamen Sie zur Schauspielerei?

Wasserscheid: Das frage ich mich selber heute noch (lacht). Denn meine Familie ging eigentlich davon aus, dass meine jüngere Schwester einmal Schauspielerin wird - sie war schon als Kleinkind eine großartige Grimassenschneiderin. Mich hatten die nicht auf dem Zettel, dabei war es schon früh mein Traum.

teleschau: Was heißt "früh"?

Wasserscheid: Ich erinnere mich an einen Vorfall in der ersten Klasse, da war ich fünf oder sechs Jahre alt: Es stand eine Schulaufführung an, der Höhepunkt des Schuljahres - nur ich war ausgerechnet an diesem Tag verhindert und durfte nicht mitmachen. Das hatte mich so dermaßen unglücklich gemacht, dass mir schon damals aufging, dass irgendwas mit mir nicht ganz normal ist (lacht). Meine Karriere fand dann ihren ersten Höhepunkt in der achten oder neunten Klasse: Ich durfte bei einem Theaterstück mitmachen, das eigentlich der Kollegstufe vorbehalten war: als Baum in Shakespeares "Sommernachtstraum", eine stumme Rolle. Ich nahm erste Kurse, und als ich später über mehrere Wochen bei einer Produktion am E.T.A.-Hoffmann-Theater im Orchester mitspielte und zum ersten Mal richtige Theaterluft schnupperte, stand fest: Hier will ich hin.

teleschau: Was genau hat Sie fasziniert?

Wasserscheid: Die Atmosphäre, dieses ganz besondere Eigenleben dort. Das Theater ist ein Mikrokosmos, und die Schauspieler wirkten auf mich wie eine eingeschworene Gemeinschaft. Für mich waren sie Helden. Wenn ich ein Mitglied des Ensembles in der Stadt sah, wurde ich jedes Mal ganz ehrfürchtig. Heute weiß ich natürlich mehr über die Schauspielerei: dass da noch viel mehr ist als diese romantische Seite.

teleschau: Eine technische?

Wasserscheid: Ich meine eher die psychologische Komponente: Es ist ein Beruf, der einem die Gelegenheit gibt, nach dem Warum zu fragen. Ich darf die Zusammenhänge des Lebens auf einer tieferen Ebene ergründen. Schauspielerei - das ist für mich wie eine Art Detektivarbeit. Ich muss mir meine Rolle Schritt für Schritt erschließen. Genau wie in einem Kriminalfall geht es darum, der Wahrheit möglichst nahezukommen.

teleschau: Bringt einen das auch als Mensch weiter, wenn man sich beruflich immer wieder neu in fremde Charaktere einarbeiten muss?

Wasserscheid: Gute Frage, und, ja, ich glaube schon. Denn um eine Figur aufrichtig spielen zu können, muss ich ihre Motive und Sichtweisen ergründet und verstanden haben. Es geht fast immer ans Eingemachte, um die großen Fragen des Lebens. Was ich vor allem gelernt habe: Es gibt nie nur richtig oder falsch. Es gibt so viele unterschiedliche Haltungen, wie es Menschen auf der Welt gibt.

teleschau: Der Bamberger "Tatort" appelliert an die Empathie gegenüber flüchtenden Menschen aus aller Herren Länder, die in einem Übergangsheim hausen. Kein schöner Ort ...

Wasserscheid: Nein, es ist eng, ungemütlich, kühl. Mir ging das beim Dreh sehr nahe. Es war ein paradoxes Gefühl: Ich war so glücklich, dass ich mal wieder ein paar Wochen am Stück in meiner Heimat war - und im Film dreht sich alles um Menschen, die genau das vielleicht für immer verloren haben: ihre Heimat. Das macht einen schon nachdenklich.

teleschau: Ist das auch der Sinn eines solchen Themen-Krimis: dass die Zuschauer nachdenken sollen?

Wasserscheid: Ich finde schon. Man sollte das nur nicht mit dem erhobenen Zeigefinger machen. Es wird im Film ja auch deutlich, dass es oftmals gar nicht anders zu organisieren ist: dass die Behelfsunterkünfte und unschönen Umstände Teil einer Notlage sind.

teleschau: Sicherlich wird es auch kritische Stimmen geben, weil der "Tatort" schon wieder die Flüchtlingsthematik aufgreift ...

Wasserscheid: Bestimmt. Aber das können die Verantwortlichen schon aushalten. Denn aus meiner Sicht ist der Fernsehfilm ein gutes Vehikel, um einem solche komplexen Themen nahezubringen.

teleschau: Kritiker werden sagen, dass es dafür Dokus und Nachrichten gibt ...

Wasserscheid: Ja, diese Programme sind auch unerlässlich. Aber die hohe Emotionalität von Einzelschicksalen sensibilisiert die meisten Menschen noch mal auf eine andere Art. Und mir gefällt an unserem "Tatort", dass diese Flüchtlingsgeschichte überhaupt nicht politisch ist, sondern nur zutiefst menschlich und voller Wahrheit. Es gibt die Bösen und die Guten - und es gibt allerhand dazwischen, und zwar auf allen Seiten. So ist das Leben.

Quelle: teleschau - der mediendienst