Matthias Schweighöfer

Matthias Schweighöfer





Es geht noch höher

Die Lobby ist ihm dann doch lieber. Beim eigentlich wundervollen Blick aus der Suite im Berliner Waldorf Astoria wird Matthias Schweighöfer mulmig zumute. Weit oben in jenem Luxus-Hotel, in dem auch seine nun erscheinende Serie "You Are Wanted" (ab 17. März) gedreht wurde, bekommt der 36-Jährige Beklemmungen. Dabei müsste er Höhenflüge gewohnt sein: In den vergangenen Jahren geriet der in Anklam geborene Schauspieler zum beliebtesten jungen Star des deutschen Films. Eigene Komödien und die Kollaboration mit Til Schweiger verschafften ihm nicht nur eine gigantische Fanbasis und Millionen von Kino-Zuschauern, sondern bisweilen auch den Ruf als glatten Mainstream-Anbiederer. Dass Schweighöfer auch im ernsten Fach ein grandioser Darsteller sein kann, geriet in Vergessenheit. Mit dem hochspannenden Amazon-Thriller, zugleich die erste deutsche "Original"-Serie, wagt er nun die Kehrtwende.

teleschau: Wird Ihnen in höher gelegenen Stockwerken immer mulmig?

Matthias Schweighöfer: Ich bin dafür nicht gemacht. Das ging gerade los - und dann wird es ungemütlich.

teleschau: Dabei haben Sie ja "You Are Wanted" hier im Hotel auch ganz oben gedreht ...

Schweighöfer: Bei den Dreharbeiten war das anders. Da war ich ganz anders konzentriert, da haben wir ja auch viel in den Gängen gedreht. Aber wenn man die ganze Zeit rausstarrt, startende Flugzeuge sieht, ist das schon ein Unterschied.

teleschau: Haben Sie damit bei Drehs des Öfteren Probleme?

Schweighöfer: Na ja, das kann man ja gut nach unten mogeln. Als wir beispielsweise "Der geilste Tag" gedreht haben, gab es so eine Szene auf einem Kran. Regisseur Florian David Fitz wollte die dort spielen lassen. Da meinte meine Firma: "Knaller, aber Matthias wird da nie im Leben hochgehen!" Dann haben wir es unten im Studio gedreht, hat auch funktioniert. Und die Leute dachten alle: Oh mein Gott, die Höhe, Wahnsinn! (lacht)

teleschau: Mit "You Are Wanted" wagen Sie sich zumindest erzählerisch auch in neue Gefilde: Es ist Ihre erste Serie, Sie sprachen von einem "Experiment". Ist es gelungen?

Schweighöfer: Ich bin wahnsinnig stolz. Es ist meine erste Thriller-Regie-Arbeit - und ich mag sie sehr gerne. Immer wenn ich mir den Trailer anschaue, denke ich: Cool, ich hätte auch Bock, das zu sehen! Oder der Gedanke von früher: Da wäre ich gern dabei gewesen! Das war zum Beispiel bei "Inception" so. Da fragte ich mich, warum kriegt Leonardo DiCaprio das angeboten und ich nicht? (lacht) Und bei "You Are Wanted" denke ich mir: Ein Glück spiele ich da mit!

teleschau: Die Produktion und Regie haben Sie auch gleich noch übernommen. War das im Vergleich zu Ihren Kino-Produktionen bei einer Serie eine andere Erfahrung?

Schweighöfer: Beim Kino hast du natürlich mehr Zeit. Da reichen 35 Einstellungen am Tag; hier sind wir manchmal auf 90 gekommen. Da waren wir ganz schön am Rennen. Außerdem gab es noch einen Unterschied zu meinen Komödien - da machte ich immer große Proben, wie im Theater, um die Auf- und Abgänge, die gesamten Timings perfekt hinzubekommen. Damit das sitzt wie Arsch auf Eimer. Bei der Serie ist das anders: Da kann man einfach laufen lassen, da stolpert mal einer, da kann man später eine Ego-Perspektive reinschneiden. Das war ein erheblicher Unterschied.

teleschau: Fühlten Sie sich dabei als Personalunion von Regie, Produktion und Hauptcast freier? Oder führt so was zu mehr Selbstkontrolle?

Schweighöfer: Ich hatte das große Glück, dass mir mein Produzentenpartner den Rücken freihielt. Ich stehe nie am Set und diskutiere, was können wir machen und was nicht. Das regeln wir erstens vorher und zweitens würden wir alle wahnsinnig werden, wenn ich neben der Regie und dem Spiel noch als Produzent dabei wäre.

teleschau: Inwieweit hat Amazon auf die Produktion der Serie Einfluss genommen?

Schweighöfer: Die Idee kam ja von unserem Partner Warner Bros., und die sind dann an mich und meine Produktionsfirma herangetreten und an Amazon. Amazon hat einfach nur gesagt: "Wir finden die Idee gut - macht!" Ab und zu haben sie mal reingeschaut und nachgefragt, in welche Richtung es geht.

teleschau: Bekommen Sie eigentlich Einblick in die Klick-Zahlen auf Amazon?

Schweighöfer: Da bin ich sehr gespannt. Die einzigen Zahlen, die ich bislang bekam, waren die Klickzahlen des Trailers. Fand ich auch irgendwie lustig.

teleschau: Hat Sie der Hintergrund des Streamingdienstes beim Dreh anderweitig beeinflusst - etwa, weil man weiß, die Serie wird in über 200 Ländern abrufbar sein?

Schweighöfer: Mein Ziel war es immer, etwas zu schaffen, das auf Amazon neben "The Man in the High Castle" und "Westworld" nicht direkt untergeht. Sondern dass die Leute sagen: "Lass uns zumindest mal für fünf Minuten reingucken".

teleschau: Wir sorgten Sie dafür, diese Stimmung auch später beizubehalten?

Schweighöfer: Beim Casting etwa wollte ich so einen "High Noon"-Moment schaffen. Da setzte ich die Leute an einen zehn Meter langen Tisch gegenüber und sagte: "Das ist jetzt wie 'Zwölf Uhr Mittags' - wer zieht als Erstes? Testet mal aus, wie lange ihr das durchhaltet, nicht zu ziehen." Mit dieser Ruhe, dachte ich, muss jeder in dieses Spielformat gehen. Das war gut austariert, universell - und damit kann man auch weltweit Leute ansprechen.

teleschau: Auch die Hacker-Thematik ist international beliebt. Trafen Sie sich zur Recherche mit echten Hackern?

Schweighöfer: Klar, mit denen saßen wir zusammen. Die haben uns erst mal aufgezeigt, was im Kleinen geht - und dann auch, was im Großen gehen könnte. Erschütternd. Ich kann das jetzt hier nicht erzählen - aber: Niemand hat eine Ahnung, wie schnell und wie leicht das geht.

teleschau: Zogen Sie daraus privat schon Konsequenzen?

Schweighöfer: Ich bin ja davon abhängig. Sonst könnte ich ja nicht mal mehr Autofahren, außer vielleicht mit einem alten VW Polo, den ich mit Kabel starten kann. Ansonsten begrüßt mich doch Siri sofort mit: "Einen wunderschönen guten Morgen Herr Schweighöfer, wohin wollen Sie heute fahren?" (lacht) Oder diese 360-Grad-Kameras zum Einparken, die das eigene Auto von außen zeigen: Cool - aber man fragt sich, wer sieht das denn, woher kommt dieses Bild? Wahnsinn eigentlich.

teleschau: Hatten Sie persönlich als Prominenter schon schlechte Erfahrung mit derlei Problemen?

Schweighöfer: Klar, vor allem Stalker hatte ich schon viele; Leute, die Fake-Accounts erstellen; auch dass von meinem Bankkonto irgendwelche Sachen bezahlt wurden. Alles schon erlebt.

teleschau: So eine ernste Thematik unterscheidet sich ja schon sehr von ihren Projekten der vergangenen Jahre ...

Schweighöfer: Ich komme ja ursprünglich aus dem ernsten Fach. Das bereitete mir unglaublich viel Spaß, in dieser Richtung wieder zu spielen. Zum anderen waren wir mit dieser Serie wieder Underdogs. Ich mag dieses Gefühl. Wenn man weiß, wir haben das mit wesentlich weniger Geld produziert als die amerikanischen Serien, da steckt eine gewisse Tiefe drin, und jetzt lassen wir das einfach kommen. Ich merkte: Das bleibt, da will ich wieder viel mehr hin.

teleschau: Sie wollen sich also in Zukunft wieder vermehrt ernsteren Projekten widmen?

Schweighöfer: Es ist sehr schade, dass das deutsche Kinopublikum diese Ernsthaftigkeit auch manchmal gar nicht erst zulässt. Kommerzielle Komödien sind das, was im Kino funktioniert. So dass man sich als Firma damit auch erst einmal ein Polster aufbaut, um später Experimente machen zu können.

teleschau: Hatten Sie von den Komödien auch ein wenig genug?

Schweighöfer: Ich habe nicht genug, aber freue mich, wenn ich die Möglichkeit habe, auch etwas anderes zu machen.

teleschau: Würden Sie nach der Erfahrung von "You Are Wanted" noch einmal eine Serie drehen?

Schweighöfer: Auf jeden Fall. Wir entwickeln gerade mit der Firma viele Serienkonzepte. Richtig geile Sachen. Dazu kann ich aber leider nichts sagen. Serien machen einfach Spaß, weil die so krasse Kinoformate inzwischen annehmen.

teleschau: Ihr anderes großes Experiment war das kürzlich erschienene Musik-Album. Wie kam das Feedback darauf bislang bei Ihnen an?

Schweighöfer: Das war interessant: Viele hassen es, viele mögen es auch gern. Neulich gab ich ein Konzert, das war irre schön: Die Leute haben mitgesungen, eben auch gelacht, getanzt und geweint. Die Leute, die es hören, mögen es, andere eben nicht. Aber das war mir auch egal. Da war ein Herzensprojekt, schließlich ist es in der Filmwelt dann doch ein Stück einsam. Bei der Musik hatte ich wieder mal unmittelbaren, emotionalen Kontakt zu den Menschen. Allein dafür war es schon die richtige Entscheidung.

Quelle: teleschau - der mediendienst