LaBrassBanda

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Kein Platz für "Mia san mia"

Es war kein Leichtes, noch vor der Albumveröffentlichung von "Around The World" mit Stefan Dettl ein Gespräch zu führen. Erst verspätete sich der Flieger, der den 35-Jährigen und seine Band LaBrassBanda nach einer 40-tägigen Welt-Tournee sicher wieder nach München brachte, die Tage danach befanden sich die Musiker immer wieder im heimischen Funkloch im Chiemgau. Ho-Chi-Minh-Stadt, Hongkong, Tokio, Sydney, Wellington, Auckland, Honolulu, San Francisco, Houston, Mexiko-Stadt, Rio, Fortaleza, Lissabon, Marrakesch - ein Interview nach diesem einschneidenden Erlebnis aber platzen zu lassen, das kam natürlich nicht in Frage. Zwischen Soundcheck und einem kurzen Auftritt im Münchner Hard Rock Cafe zu dessen 15-jährigen Bestehen fand der sympathische Frontmann der Bayern dann doch Zeit, um über diesen Trip zu reden, und darüber, was ein solcher mit einem Menschen anstellt.

teleschau: Bereits vor der Reise kündigten Sie an, als andere Menschen zurückzukommen. Bewahrheitete sich dies?

Stefan Dettl: Auf jeden Fall. Bestimmt nicht um 180 Grad gedreht, aber schon sehr. Man nimmt bei so einer Reise einfach so viel mit. Das erweitert deinen Horizont, für genau das macht man solche Trips. Es wird bestimmt ein halbes Jahr, Jahr brauchen, bis wir das alles verarbeitet haben. Fantastische Erlebnisse.

teleschau: Liegt das an den Menschen, auf die man trifft, oder eher an den optischen Eindrücken?

Dettl: Wir lernen als Band ein Land ganz anders kennen als ein Tourist. Wir kommen an, schlafen uns aus, machen eine Stadtrundfahrt und dann geht's in den Club. Und dort lernt man meiner Meinung nach das Land ganz ehrlich kennen. Man kommt mit dem Besitzer zusammen, der oft dann noch Stress hat, weil irgendeine Lieferung nicht gekommen ist. Dann kommt der Bierfahrer dazu, dann haut das nicht hin. Der Strom ist defekt, Wasserleitungsbruch oben drüber. Da ist man sofort im richtigen Leben drin, konfrontiert mit den Alltagsproblemen der Menschen vor Ort.

teleschau: Kamen Sie auch mit Ihrem "neuen" Publikum in Kontakt?

Dettl: Das war echt das Schönste: nach dem Konzert quatschen. Dabei wurden wir oft eingeladen: "Kommt zu uns, schaut Euch an, wie wir wohnen, was wir machen! Esst was, das müsst Ihr probieren!" So sind die Eindrücke natürlich richtig krass und wirklich authentisch.

teleschau: Sie probierten sich also auch kulinarisch aus?

Dettl: In Hongkong lud man uns ein: "Wir gehen dann in ein hervorragend gutes Restaurant, eigentlich nur für Einheimische, da müsst Ihr mit!" Dort hieß es, es gebe Huhn. Und wir dachten uns: "Cool, Hendl!" Aber niemand sagte uns, dass es das ganze Huhn gibt. Die fangen dann an mit den Innereien an. Die Eierstöcke sind die totale Delikatesse, die packt man dann so an ... Da dreht's uns natürlich den Magen um. Aber man will ja nicht unhöflich sein. (lacht)

teleschau: Überdenkt man bei solchen Reisen dann nicht auch das bayerische, in die Wiege gelegte "Mia san mia"?

Dettl: Das ist ganz weit weg. Gott sei Dank. Das Schönste ist, wenn man merkt, dass man von ganz vielen Kulturen und Ländern so akzeptiert wird, wie man ist. Da versteht man das "Mia san mia"-Gefühl höchstens als etwas Weltumspannendes. Auf der ganzen Welt sind ganz viele Menschen, die zusammenhelfen, die höflich miteinander umgehen und nur was Gutes möchten. Das ist das schönste Gefühl. Nur immer Bayern, Bayern, Bayern, das ging mir schon immer auf den Sack. So sind wir nicht. Sonst würden wir ja auch solche Trips nicht machen und solche Strapazen auf uns nehmen.

teleschau: Es war aber sicherlich ein Prozess, als Chiemgauer sich dahingehend zu öffnen.

Dettl: Klar. Ich bin ja so ein richtiger Klischee-Bayer, hört man ja auch. Und wenn ich einen Maibaum sehe, 'ne alte Dorfkirche und 'ne gute Brotzeit auf dem Tisch habe - ich liebe das einfach. Genauso muss ich aber auch immer wieder ausbrechen daraus, meinen Horizont musikalisch und menschlich erweitern. Leute kennenlernen und daran wachsen. Das ist für mich und die Band sauwichtig.

teleschau: Waren Sie schon immer viel auf Reisen?

Dettl: Gar nicht. Vor zehn, 15 Jahren war ich noch so ein richtig schön konservativer stumpfer Bayern-Typ. Und ich war glücklich damit, das war cool so. Ich wollte nie etwas Exotisches erleben, lieber sicher in der Ortschaft bleiben. Aber musikalisch kam dann immer mehr dazu, klassische Musik, amerikanische, vor allem Soul. Und in den letzten Jahren brach das alles auf, natürlich mithilfe der Band. Erst ging's nach Bosnien, dann nach Nowosibirsk bei minus 30 Grad. Da fuhr ich hin und erlebte Sachen, die ich nicht missen möchte und die mich total bereichert haben. Ich bin echt froh, dass ich nicht in meiner Ortschaft geblieben bin.

teleschau: Die CD nahmen Sie bereits vor der Tournee auf. Würde sie heute anders klingen?

Dettl: Ich glaube schon. Und sie wird live auch anders sein. Auch unsere alten Lieder. Jede Reise verändert einen auch musikalisch. Vor allem die Eindrücke aus der Samba-Schule in Rio, die wir besuchten ... Wie die da aufspielten, mit einer Inbrunst rausgeschrien und gesungen haben. Das ist mit unseren Auftritten gewissermaßen vergleichbar. Aber die legen da noch mal ganz anders los. Das hat uns richtig infiziert. Gut möglich, dass das ein oder andere Lied von uns jetzt noch mal brutaler klingen wird (lacht).

teleschau: Im Album-Song "Scheena Dog" beschreiben Sie bereits Ihre Reise. Auch hier würde sich wohl der Text nach all den Eindrücken etwas ändern ...

Dettl: Ein bisschen was müssten wir da jetzt wohl modifizieren. Aber wir machten das bisher bei allen großen Reisen, auch vor Sibirien schrieben wir ein Lied, das wir in der Transsibirischen Eisenbahn uraufführten. Das ist was Schönes, wenn man sich vorher musikalisch schon mal Gedanken über die Reise macht, seine Erwartungen festhält. Wenn das alles im Kopf vorher schon mal Fäden zieht.

teleschau: Hat der LaBrassBanda-Sound irgendwo auf der Reise gar nicht gezündet?

Dettl: Die ersten fünf, zehn Minuten in Marrakesch am Markt neben den Kobra-Schlangen - da waren wir als Band wie gelähmt. Wir wussten dann auch nicht weiter: "Spielen wir jetzt ein bisschen leiser?" Das war eine besondere Stimmung, weil es eben so eine krass andere Kultur ist. Da fliegt man eine Stunde von Lissabon hin, und man ist in einer anderen Welt. Wir spielten da eine gute Viertelstunde, das war dann glaube ich auch für alle okay so. 500 Meter weiter bauten wir uns dann noch mal auf, da kamen dann ganz viele Leute und waren total interessiert. Ganz ohne Kobras.

teleschau: Und wo gingen die Leute richtig durch die Decke?

Dettl: Mexiko war fantastisch. Da spielten wir ein Open Air und ständig kamen Leute dazu, da gesellten sich Mariachis zu uns, Leute die auf einmal mit voller Inbrunst sangen. Und unsere Vorband ... so etwas habe ich auch noch nie gesehen. Der spielte Querflöte, war aber HipHopper. Ein Gangsta-Querflötenspieler. Ich glaube, der hatte sogar eine Träne tätowiert. Aber für die Leute war das selbstverständlich. Der hat mit uns dann auch noch gejamt und gerappt.

teleschau: Was war die beeindruckendste Begegnung?

Dettl: In Fortaleza, im Norden Brasiliens, enterte eine 87-jährige Oma die Bühne. Wir spielten da in einem richtigen Hard-Rock-Irish-Pub in einer wirklich harten Gegend. Lauter Gangster im Publikum, und wir gaben richtig Gas. Irgendwann kam da diese alte Frau, und wir dachten schon: "Oma, ganz schwierig hier." Aber die ließ sich nicht aufhalten. Sie wohnte gegenüber, hat die Musik gehört und sich erst tierisch aufgeregt. Als sie kam, waren wir fast schon fertig. Aber sie meinte dann: "Ich richte mich nicht eine halbe Stunde her, und ihr hört auf." Also spielten wir eine Zugabe nach der anderen und die Tante tanzte auf der Bühne wie wild. Das werde ich nie vergessen.

teleschau: Wie viele Leute besuchten ihre Auftritte?

Dettl: Einmal fingen wir auf einem Festival an, und es waren nur zehn Leute vor der Bühne. Am Ende standen dann aber 1.500 da. Das war schon irre. In Tokio waren bei einem Gig nur 60 Leute, das war das Niedrigste. Aber das war auch schön. Wir waren wirklich drauf eingestellt, dass auch mal gar keiner oder nur zwei Leute kommen könnten. Wir wurden da sehr verwöhnt.

teleschau: Und 60 Japaner tanzen zu LaBrassBanda?

Dettl: Der Japaner tut sich schwer (lacht). Es gehört sich eben kulturell nicht so zu singen und eine Gaudi zu haben. Aber in den Augen der Menschen sah man schon, dass die voll dabei waren. Tokio überraschte uns sowieso am meisten. Da geht's gar nicht chaotisch zu, alles ist sauber und ruhig. Und die haben keine Mülleimer, jeder nimmt seinem Müll mit nach Hause und schmeißt ihn dort weg. Einfach eine andere Kultur. Uns hat's aber super getaugt.

teleschau: Japaner, so heißt es, stehen sowieso auf Bayern ...

Dettl: Wir versuchten aber weder den Deutschland- noch den Bayern-Stempel auf der ganzen Tour anzuwenden. Ein Hofbräuhaus und Oktoberfest gibt's in jeder Stadt, da hätten wir auch ganz leicht Auftritte bekommen können. Aber wir wollten eher Konzerte, bei denen die Leute wegen der Musik kommen und zuhören. Das andere macht auch Spaß, klar. Vielleicht machen wir das auch mal wann anders. Aber auf dieser Reise hätte das nicht reingepasst. Da, wo wir spielten, war es scheißegal, woher wir kommen.

teleschau: Und Ihr Dialekt war natürlich auch nie Thema.

Dettl: Man hat uns super verstanden. Ich glaube, in der Oberpfalz hat man da manchmal mehr Probleme mit uns. Ich bin eh überzeugt, dass Musik und die Performance immer überall verstanden werden kann. Auch wenn da jetzt jemand auf Portugiesisch singt: Wenn er dich packt, dann verstehst du, was der will. Das ist meist viel intensiver als irgendein Text.

Quelle: teleschau - der mediendienst