Hugo Egon Balder und Hella von Sinnen

Hugo Egon Balder und Hella von Sinnen





Gegen den Mainstream ...

"Alter Mann" und "dicke Tante". Nicht eitel und geradeheraus. Spontan. Mal derb, mal mit feiner Klinge. Und vor allem: grundehrlich. Hugo Egon Balder (66) und Hella von Sinnen (58) sitzen in ihrer Garderobe. Sie sind zurück in den TV-Studios in Köln-Hürth, wo ihre gemeinsame TV-Karriere vor 27 Jahren mit der RTL-Show "Alles nichts oder?!" begann. Zwei Stunden noch bis zur Aufzeichnung einer Folge der Comedy-Show "Genial daneben", die SAT.1 nach sechs Jahren Pause neu auflegt. Sechs Folgen sind geplant, die ab 10. März jeweils freitags um 21.15 Uhr gezeigt werden. "Es fühlt sich so an, als hätten wir nie aufgehört", sagt Balder, der das Comeback des Klassikers als eine Art kleines Wunder empfindet ...

teleschau: Sie kennen sich seit fast 30 Jahren. Aber Sie siezen sich im Fernsehen weiterhin?

Hella von Sinnen: Ich nehme Herrn Balders Antwort vorweg, der sagt an dieser Stelle immer: "Sie Arschloch" ist lustiger als "Du Arschloch". Und da hat er ja auch recht.

teleschau: "Hallo, ich bin die Hella und ich stehe auf Frauen." - "Das passt gut: Ich auch!" - Dieser erste Dialog zwischen Ihnen wurde oft zitiert. Offensichtlich verbindet Sie aber auch der Name Ihres ersten Autos, Frau von Sinnen?

von Sinnen: Schon falsch! Es war das Auto meiner Mutter selig, ein Mercedes 190 D. Der hieß Hugo. Meines hieß damals Ludwig.

teleschau: Ihre Autos haben immer Namen?

von Sinnen: Elsa heißt mein jetziges. Das habe ich übrigens Herrn Balder zu verdanken. Er hat mich überzeugt, Jaguar zu fahren. Hätte da Connections, sagte er ...

Balder: Und sie ist auch noch beim gleichen Schrauber wie ich.

von Sinnen: Der ist gut. Bei Harry kannst du vom Boden essen. Großartig. Da stehen lauter Autos aus meinem Autoquartett von 1966.

teleschau: Wenn Sie zuletzt zusammen in der Öffentlichkeit auftauchten, wurden Sie vermutlich oft auf ein mögliches Comeback von "Genial daneben" angesprochen ...

von Sinnen: Nicht nur darauf. Ich denke, wir haben zusammen drei Kultsendungen gemacht: "Alles nichts oder?!", "Genial daneben" und zuletzt "Der Klügere kippt nach". Und je nach Altersklasse wünschen sich die Leute, dass diese Sendungen weitergehen. Sie kriegen nicht genug davon.

Balder: Wobei: Ich habe mit "Genial daneben" ehrlich nicht mehr gerechnet. Schon gar nicht bei SAT.1. Das Thema war durch, mein Vertrag war ausgelaufen. Bei SAT.1 kam damals ein neuer Programmchef, der mochte Sendungen seines Vorgängers nicht. Und es war erledigt. Dass wir das hier wieder machen, haben wir Otto Steiner (Geschäftsführer der Constantin Entertainment GmbH, d. Red.) zu verdanken. Er hat es hingekriegt. Und es fühlt sich so an, als hätten wir nie aufgehört.

teleschau: SAT.1 standen Sie, Herr Balder, ja vorübergehend nicht gerade nahe. "Eine von Fondsgesellschaften gekaufte Geldmaschine. Die haben so viel Kohle, die könnten so viel machen, aber das tun sie nicht. Traurig ist das ..." - Ihr Zitat von vor ein paar Jahren!

Balder: Damals war es auch so. Aber es sind ja wieder andere Leute da. Ich habe bei SAT.1 in der kurzen Zeit mehr Programmdirektoren und Chefs erlebt als bei RTL in gefühlt 35 Jahren. Und kommt jemand Neues, muss alles neu sein. Das ist im Theater auch nicht anders.

von Sinnen: Verstehen werde ich das nie. Ich, Helli, bin eine, die das Fernsehen liebt. Und von daher finde ich es nicht richtig, wenn persönliche Animositäten wichtiger sind als die Interessen der Zuschauer. Die wollten "Genial daneben" immer zurück. So war jedenfalls mein Gefühl.

Balder: Einen einzigen Versuch habe ich selbst unternommen, damals nach dem Ende bei SAT.1. Tom Buhrow, ehemals "Tagesthemen", schwärmte mir mal von "Genial daneben" vor. Als er dann WDR-Intendant wurde, schrieb ich ihm einen Brief und fragte ihn, ob er das Format wolle.

teleschau: Wie wir wissen, muss seine Antwort negativ ausgefallen sein ...

Balder: Er meinte, er finde es nach wie vor toll, aber es sei halt ein SAT.1-Ding. So wird gedacht in den Führungsetagen der Sender. Was ich persönlich für Quatsch halte: Dem Zuschauer ist es doch wurscht, wo es läuft.

teleschau: Ursprünglich sollte Jürgen von der Lippe die Sendung moderieren.

Balder: Zweimal hat er abgelehnt. Ich darf ihn heute nicht mehr drauf ansprechen.

teleschau: Fassen Sie doch mal für potenzielle neue Zuschauer zusammen: Was ist so toll an "Genial daneben"?

Balder: Es gibt keine Proben, also kommt jeder Gast gerne (lacht). Vor allem aber ist es eine Sendung, bei der niemand weiß, was passiert. Die Zuschauer nicht, und wir auch nicht.

Von Sinnen: Da ist nichts niedergeschrieben vorher, da liegen keine vorbereiteten Pointen. Das macht es frisch, unverstellt. Das mögen die Leute.

teleschau: Wobei dann auch früher so einiges schiefging.

Balder: Schön, nicht wahr?

teleschau: Improcomedy-Formate gibt es ja kaum mehr im deutschen Fernsehen ...

Balder: Stopp. "Genial daneben" ist spontan. Aber keine Improcomedy. Wir spielen keine von der Redaktion gestalteten Szenen nach. Ich sag Ihnen, was wir machen: nichts anderes, als man abends an der Hotelbar macht oder in der Kneipe. Sechs Leute, die Spaß haben wollen, treffen sich und reden über Blödsinn. Mehr ist es nicht. Und eben zusammengepackt durch eine Frage von mir.

teleschau: "Der alte Mann" und "die dicke Tante" - Sie spielten immer wieder mit den Klischees. Frage dazu: Welche Temperatur wird es im Studio haben?

von Sinnen: Es darf nun wärmer sein. Die Menopause ist vorbei. Ich bin ja zehn Jahre älter - alt und gebrechlich ...

Balder: Umso besser werden wir uns jetzt ergänzen. Das erinnert mich an eine Folge, die wir mal gemacht haben. Da kam Frau von Sinnen am Beginn zu mir, ohne dass ich irgendetwas sagen konnte bis dahin. Und dann legte sie mir mit den Worten "So geht es nicht weiter" eine Dose mit Pillen hin. Und ich wusste das eben nicht. Das ist Humor, den ich mag.

von Sinnen: Da hab ich es gemacht wie er. Herr Balder kann keinen Raum betreten, ohne zu fragen: "Kennt Ihr den ..?" Immer erst einmal einen Witz ...

teleschau: Gibt es Dinge, über die Sie sich streiten können?

von Sinnen: Ach, das lohnt nicht. Wir sehen uns viel zu wenig.

Balder: Streiten würden wir uns glaube ich nie. Vielleicht sind wir an mancher Stelle unterschiedlicher Meinung. Wobei: Ich habe mich ja in der Zeit nach "Tutti Frutti" auch Frauen gegenüber verändert (lacht) ...

teleschau: Müssen Sie heute politisch korrekter sein als noch vor 20 Jahren?

von Sinnen: Falls ja, interessiert es Herrn Balder einen Scheiß.

Balder: Ich sage: im Gegenteil! Alle in unserer Branche sind viel zu brav. Alle wollen mainstream sein, alle wollen von allen gemocht werden. Ich nicht. Ich bin, wie ich bin. Ich spiele nichts. Und wer mich nicht mag, lässt es eben bleiben. Das ist mir aber tausendmal lieber als dieses Angepasste.

teleschau: Klingt, als sei es heute schwerer, eine Show-Idee bei den Sendern durchzusetzen ...

Balder: Wissen Sie was? Ich bin 66. Ich muss das nicht mehr. Ich will nicht mehr fünf Stunden vor irgendwelchen Nasen sitzen, um mir anschließend ein klares Jein anzuhören. Da gehe ich lieber mit meinen Kindern ins Kino.

teleschau: Die Zeit hat sich eben geändert ...

Balder: Und ich finde vieles an ihr fürchterlich langweilig. Frag ich heute bei einer Sendung, bei der ich eingeladen bin, nach einem Bier, schauen sie mich an wie ein Auto. Bionade kann ich haben. Alle sind sie nett, alle sind sie sehr zuvorkommend. Alle tätowiert von oben bis unten, aber ganz lieb. Die Sau lassen sie höchstens mal im Urlaub raus. Viele junge Leute haben eben eine andere Vorstellung von ihrem Leben und ihrem Beruf. Die trinken nicht, die rauchen nicht. Die reden viel, aber feiern nicht mehr zusammen. Meine Welt ist das nicht mehr.

teleschau: Hat das Ihrer Meinung nach Folgen fürs Programm?

Balder: Klar. Es fehlen eben auch Ideen. Die sollen heutzutage in einem Meeting entstehen. Da hocken eine Stunde lang 20 Leute an einem Tisch und sollen auf Befehl kreativ sein. Aber kreativ sein kann man nur, wenn man spinnt ... Spinnen kann man nur, wenn man gute Laune hat ... Und gute Laune entsteht bei mir jedenfalls ganz sicher nicht in irgendeinem Meeting, sondern abends in der Kneipe beim Bier.

von Sinnen: Wobei ich zum Beispiel derzeit viel in der Comic-Szene unterwegs bin. Oder auf der Buchmesse. Da ist es anders. Da gibt es einige echte Freaks, die gerne auch mal zusammen feiern. Es gibt sie schon, die coolen, jungen Leute.

Balder: Aber eben nicht im Mediengeschäft. Bei der Buchmesse war ich auch, die ist was anderes. So viele Besoffene habe ich schon lange nicht mehr auf einmal gesehen. Und so viele bebrillte, ungevögelte Buchhändlerinnen auch nicht ...

von Sinnen: Na gut, dass da du warst. Dann sind sie nur noch bebrillt.

teleschau: Welche Person war denn in Ihrem Leben beruflich prägend?

von Sinnen: Heidi Kabel. Ich lag auf Mamas selbst geknüpftem Teppich mit sechs Jahren vorm Fernseher und schaute mir das Ohnsorg-Theater an. Ihre Art, wie sie Komik interpretierte - das brachte mich dazu, dass ich diesen Beruf ergriffen habe. Ich sehe mich ja als Schauspielerin.

Balder: Ich würde Stefan Wigger nennen, der am Theater mein Lehrmeister war. Und Frank Elstner. Auch von ihm habe ich viel gelernt.

teleschau: Sie gelten beide als treue Seelen. Wurden für die neuen Folgen von "Genial daneben" Beteiligte von damals geholt?

Balder: Viele sind wieder mit dabei: Unsere Assistentin Serpil zum Beispiel, die Maskenbildnerin und andere. Nur unser Regisseur, Berny Abt, nicht. Der konnte nicht mehr. Wie auch ... Der ist mittlerweile Stadtbürgermeister in Bad Ems.

teleschau: Und Bernhard Hoëcker fehlt!

Balder: Der ist bekanntermaßen bei der ARD, was mich freut. Ist er von der Straße weg. Vielleicht kommt er ja mal als Gast. Aber mit Wigald Boning haben wir eine großartige Lösung gefunden. Er steht ihm in nichts nach.

teleschau: Darf man Sie eigentlich als Entdecker von Boning bezeichnen? Immerhin wurde er Mitte der 90-er mit "RTL Samstag Nacht" berühmt, das sie ja produziert haben.

Balder: Entdecker ist schon Jacky Dreksler, mit dem ich damals "Samstag Nacht" machte. Der sah Wigald damals bei Premiere, als er irgendetwas über Garagentore erzählte. Jacky rief mich an, wir haben uns Wigald angeschaut und verpflichtet. Übrigens fragte er auch noch, ob er einen Freund mitbringen kann: Das war dann Olli Dittrich.

teleschau: Schauen Sie heute noch fern?

von Sinnen: Ich mochte "TV Total" und "Schlag den Raab". Seither kucke ich ehrlich gesagt fast gar kein Fernsehen mehr. Serien bei Sky und auf DVD vielleicht. Dazu "heute-show" und "Ladies Night", um mich kabarettistisch ein bisschen upzudaten. "Kunst und Krempel", "Kulturzeit" bei 3sat - das war's. Und bloß keine Nachrichten ... Die mag ich nicht mehr.

Balder: Für mich gibt's im Fernsehen nur noch drei Sachen: Dieter Nuhr, Fußball und "Inspektor Barnaby". Den liebe ich.

Quelle: teleschau - der mediendienst