Uwe Ochsenknecht

Uwe Ochsenknecht





Was die Gesellschaft zusammenhält

In der seltsam altmodisch betitelten Komödie "2 Sturköpfe im Dreivierteltakt" (Freitag, 10. März, 20.15 Uhr, ARD) übernehmen Uwe Ochsenknecht und Herbert Knaup eine marode Tanzschule. Was als Buddy Movie beginnt, wandelt sich zu einem Film, in dem eine Tanzschule zum Anker für an den Rand gedrängte Menschen und eine zerbröselnde Gesellschaft wird. Dealende Kids von der Straße kriegen die Kurve, alte Menschen schöpfen neuen Lebensmut. Selbst die gegensätzlichen Helden um die 60, beide am Leben gescheitert, kommen wieder in die Spur. Uwe Ochsenknecht, seit Meilensteinen wie Männer (1985) und "Schtonk!" (1992) bekannt als einer der besten Komödianten Deutschlands, hasst Standard-Tänze sein ganzes Leben lang. Umso komischer, dass der 61-Jährige nun zum zweiten Mal in kurzer Zeit einen Tanzlehrer spielt.

teleschau: Waren Sie selbst mal Tanzschüler?

Uwe Ochsenknecht: Nein, ich fand das immer total blöd. Ich komme ja mehr so aus der Hippie-Zeit. Meine Kumpels und ich hörten Led Zeppelin und Jimi Hendrix. Dazu haben wir auch getanzt. Aber mehr so in dem Sinne, dass wir die lange Mähne zur Musik schüttelten. In die Tanzschule gingen nur die Ober-Spießer. Die waren so, wie wir niemals werden wollten.

teleschau: Ihre Eltern machten auch keinen Druck, nach dem Motto: "Junge, da musst du hingehen"?

Ochsenknecht: Nein, die haben das vielleicht mal versucht. Ich habe das aber sicher mit einer Vehemenz abgebügelt, dass die sich nicht noch einmal getraut haben, das anzusprechen. Von meiner Schwester, die fünf Jahre älter ist, glaube ich zu wissen, dass sie zumindest mal kurz in der Tanzschule war. Für mich war diese Art von Etikette der absolute Feind.

teleschau: Wann haben Sie Ihre Kenntnisse in Sachen Standard-Tanz denn erworben?

Ochsenknecht: Was mir bei diesem Film sehr zugute kam, war die Arbeit am ZDF-Dreiteiler "Ku'damm 56", den wir im Herbst weiterdrehen. Ich spielte da ja auch einen Tanzlehrer, und wir hatten eine tolle Tanzlehrerin, Angelika Honig, die uns Schauspieler für die entsprechenden Szenen fit gemacht hat. 1956 ist mein Geburtsjahr. Damals waren Tanzschulen ein gesellschaftlicher Mittelpunkt. Kurz nach dem Krieg musste viel aufgeräumt werden. Die Tanzschule war natürlich ein extrem aufgeräumter Ort. An dem konnte man sich festhalten und orientieren.

teleschau: Tanzschulen waren auch Benimm-Schulen.

Ochsenknecht: Richtig, dort lernte man, wie man sich korrekt kleidet oder wie man eine Dame behandelt. In der Tanzschule wurde man auch erzogen.

teleschau: Standardisierter Tanz ist wieder angesagt. Es gibt Tanz-Shows, erwachsene Menschen gehen noch mal in die Tanzschule, um Standard zu lernen. Haben Sie eine Erklärung für das Phänomen?

Ochsenknecht: Ich glaube, je mehr die Welt aus den Fugen gerät, desto mehr suchen die Leute nach einer inneren Ordnung. Was ist denn Standard-Tanz? Vorgegebene Schritte, die zusammen harmonieren müssen. Ob ich das nun selbst mag oder nicht: Es sieht toll aus, wenn zwei Menschen das richtig gut beherrschen. Es ist einfach ein ästhetisches Bild.

teleschau: Sie haben also Ihren Frieden gemacht mit der Tanzschule?

Ochsenknecht: Na ja, Foxtrott und Walzer sind nach wie vor nicht mein Ding. Aber ich liebe Salsa und andere südamerikanische Tänze - auch Tango -, die wir in unserem Film zum Teil drin haben. Ich mag überhaupt südamerikanische Musik. Aber ich kann das alles nicht selbst tanzen (lacht).

teleschau: Ist es nicht seltsam, dass Tanz einerseits den Menschen befreien und locker machen soll, ihn aber andererseits in feste Schrittfolgen hineinzwingt?

Ochsenknecht: Ja, das fand ich auch schon immer seltsam. Vielleicht machte das Befreiende des Tanzens den Hütern der gesellschaftlichen Moral so viel Angst, dass man es nur innerhalb fester Standards erlauben konnte. Ich tanze nach wie vor sehr gerne. Zu Elektro, House, Funk, R'n'B. Das liebe ich.

teleschau: Gehen Sie dafür in Clubs?

Ochsenknecht: Sehr viel seltener als früher. Wenn ich aber mal eine Premierenfeier habe und da ist ein guter DJ, dann freue ich mich total darüber. Ich kann dann auch ein sehr ausdauernder Tänzer sein.

teleschau: In Ihrem aktuellen Film entwickelt die Tanzschule eine integrative Kraft, die Alt und Jung, Arm und Reich zusammenbringt. Eine realistische Idee?

Ochsenknecht: Ich weiß nicht, ob das realistisch ist. Ob das eine Tanzschule wirklich leisten kann. Unsere kann es.

teleschau: Gibt es eine Kraft oder einen Ort, der unsere Gesellschaft auf die im Film gezeigte Weise zusammenbringt?

Ochsenknecht: Ich glaube, eher nicht. Die Kirche war es früher einmal, aber die sind ja auch stark unter Druck. Der Fußball vielleicht? Und natürlich singuläre Ereignisse wie Attentate. Ich wüsste keinen bestimmten Ort, der die Gesellschaft heute zusammenhält.

teleschau: Was hält uns denn dann zusammen?

Ochsenknecht: Das Leid hält die Leute zusammen. Sobald es den Leuten gut geht, interessiert es sie nicht mehr, wer der Nachbar ist und was er tut.

teleschau: Also geht es uns in Deutschland immer noch zu gut?

Ochsenknecht: Es geht uns gut. Deshalb verstehe ich ja auch nicht, dass viele so viel Angst haben und sich gegen andere abgrenzen müssen. Abgrenzung macht einsam. Der Mensch ist kein Wesen, das gerne alleine lebt. Da ist die Entwicklung unserer Gesellschaft irgendwie in eine falsche Richtung gelaufen. Der Mensch ist ein Herdentier. All die Singles sind doch nicht wirklich glücklich.

teleschau: Wenn man sagt, früher gab es mehr Zusammenhalt, ist das wahr oder ein falscher Mythos?

Ochsenknecht: Ich glaube schon, dass man früher mehr zusammengehalten hat. Ich kann mich noch gut an das Leben in den 60-ern erinnern. Damals gab es kaum Fernsehen, kein Internet. Man schrieb sich Briefe und redete mehr miteinander. Man musste zu jemandem nach Hause laufen, um zu gucken, ob er da ist, weil man kein Telefon hatte. Man ist auch mal zum Nachbarn gegangen, um fernzusehen. Es gab auf jeden Fall eine größere Notwendigkeit, miteinander in Kontakt zu treten.

teleschau: Das allein führte zu mehr Gemeinschaft?

Ochsenknecht: Ein bisschen vielleicht. Was die Gesellschaft noch früher wirklich zusammenhielt, das waren Krankheiten, Kriege und Naturkatastrophen, denen man ungeschützter als heute ausgeliefert war. In der Not rücken die Menschen wie eine Herde enger zusammen. Wir vergessen gern, dass Menschen auch Tiere sind und viele animalische Züge aufweisen. Gesellschaft ist erst mal eine Masse von Leuten, die aufeinandersitzen. Es gibt Platzprobleme, Eifersucht und alles andere, was es im Tierreich auch gibt.

teleschau: Und die Politik, sie wird auch von Menschen gemacht.

Ochsenknecht: Klar, Politik versucht, Menschen und ihr Zusammenleben zu organisieren. Die animalische Seite des Menschen lässt gut gedachte Politik bisweilen scheitern. Jede Ansammlung vieler Lebewesen an einem Ort macht die Situation schwierig. Ob beim Menschen oder in der Tierwelt. Wobei Tiere schlauer sind als Menschen. Die haben ihr Rudel, da gibt es einen Chef, und die anderen fügen sich einfach. Der Ameisenhaufen funktioniert, das Bienenvolk funktioniert - nur wir nicht immer. Aber das ist der Preis, Mensch zu sein.

Quelle: teleschau - der mediendienst