Maria Ketikidou

Maria Ketikidou





Die Fernsehkommissarin von der Gegengerade

Mit 16 Jahren spielte sie ihre erste weibliche Hauptrolle im preisgekrönten Musik-Film "Die Heartbreakers". Seitdem hat Maria Ketikidou eigentlich nicht mehr aufgehört zu drehen. Zunächst verkörperte sie eine Animateurin in der ARD-Serie "Sterne des Südens", aber die Rolle ihres Lebens wurde eine andere: Seit 23 Jahren ermittelt die 50-Jährige nun als Zivilfahnderin Harry Möller im Großstadtrevier (montags, 18.50 Uhr, ARD) Hamburgs. Die 1,56 Meter kleine Darstellerin kennt inzwischen jede Ecke der Stadt, in der sie seit 37 Jahren lebt. In Staffel 30, die am 6. März startet, ermitteln die Beamten vom Hamburger Kiez in der Neonazi-Szene, kümmern sich um ein Flüchtlingskind und haben es mit einer Jugendbande zu tun. Zudem wird Hamburg von einer Wölfin heimgesucht, und auch ein indianischer Schamane, der im Adamskostüm seine Zeremonie vollzieht, beschäftigt die Polizisten aus dem Kommissariat 14. Im Interview spricht die attraktive Tochter griechischer Eltern über Rollenmüdigkeit, Zivilcourage und ihre große Leidenschaft für Musik.

teleschau: Die ARD-Serie "Großstadtrevier" feiert ihr 30-jähriges Bestehen. Worauf können sich die Zuschauer in der Jubiläumsstaffel freuen?

Maria Ketikidou: Einerseits wird ein nostalgischer Blick zurückgeworfen, Figuren aus früheren Folgen tauchen auf, alte Geschichten werden aufgegriffen. Andererseits wird in die Zukunft geblickt. Es ist eine Verbindung zwischen dem, was war, und dem was kommen wird. Ich finde es schön, dass man auf so etwas Großes zurückblicken kann. Das schafft kaum ein Format, sich 30 Jahre lang zu halten.

teleschau: Wie ist es dem "Großstadtrevier" gelungen?

Ketikidou: Es ist eine Serie, die im Hier und Jetzt verankert ist und es schafft, Geschichten zu erzählen, die den Zuschauer bewegen. Gezeigt werden keine altbackenen Alltagskamellen von anno dazumal, sondern Ereignisse, die den aktuellen Zeitgeist treffen. Ich denke, das ist das Erfolgsrezept.

teleschau: Beim Blick in die Zukunft: Was kann man da erahnen?

Ketikidou: Die Figuren entwickeln sich allmählich in eine Richtung, die künftig relevant sein wird. Da wartet noch so einiges.

teleschau: Sie sind seit 23 Jahren als Zivilfahnderin Harry Möller an Bord. Ist so ein Jubiläum auch für Sie persönlich ein Moment, zurückzublicken?

Ketikidou: Durchaus. In der zweiten Folge der 30. Staffel geht es um Harrys Dienstjubiläum. Sie hat einen schlechten Tag, die Vergangenheit holt sie ein, es gibt Momente, in denen sie innehält und sich fragt: "Wofür mache ich das alles eigentlich?" Am liebsten würde Harry ihren Job an den Nagel hängen, aber dann merkt sie, was für tolle Kollegen sie hat und was sie in ihrem Beruf erreicht hat. Als wir das gedreht haben, habe ich dieselben Stimmungen auf privater Ebene durchlebt.

teleschau: Das heißt, Sie wollten Ihre Rolle auch schon mal an den Nagel hängen?

Ketikidou: Immer mal wieder. Das ist normal und menschlich. Das geht doch jedem so, dass er mal keine Lust auf seinen Job hat. Konkret hatte das aber auch mit einigen Drehbüchern zu tun, bei denen ich mir dachte: Ich bin zur Sozialhelferin mutiert, da passiert ja überhaupt keine Action mehr.

teleschau: Sie sind geblieben ...

Ketikidou: Ja, ich finde es mutiger, seine Hand zu heben und zu sagen: Ich möchte das anders haben, ich kämpfe für die Rolle, den Job, die Beziehung oder was auch immer, als kampflos die Flinte ins Korn zu werfen.

teleschau: Also haben Sie sich gegen die Rollenmüdigkeit aufgelehnt?

Ketikidou: Genau. Es ist eine Entwicklung, der man sich stellen muss. Man könnte verdrängen, es einfach weiterlaufen lassen, aber damit wird man nicht glücklich. Man kann jedoch den Mund aufmachen und für sich einstehen. Ich habe für meine Rolle gekämpft und gesehen: Es gab Raum für Veränderungen. Es kamen ein neuer Serien-Partner und schöne, tiefgehende Geschichten.

teleschau: Andererseits haben Sie mit dieser Rolle seit mehr als 20 Jahren ein durchgehendes Engagement ...

Ketikidou: Richtig. Dafür bin ich unendlich dankbar. Ich durfte diesen Beruf seit meinem 16. Lebensjahr ausüben, stehe fast jeden Tag vor der Kamera, lerne jeden Tag Neues dazu. Das ist ein Privileg, das leider nicht jeder Schauspieler hat.

teleschau: Das Mutieren zur sympathischen Sozialarbeiterin ging Ihnen gegen den Strich. Was hat Sie daran gestört?

Ketikidou: Eine Figur, die nur lieb ist und ständig Kinder und Unterdrückte tröstet, finde ich langweilig. Ein Charakter muss böse und gut, hart und weich zugleich sein können. Es muss Verhaltensweisen geben, die andere nicht auf Anhieb verstehen. Und es ist wichtig, dass sie auch mal gegen Regeln verstößt.

teleschau: Wie hart oder weich sind Sie denn persönlich? Wo gibt es Parallelen zwischen Ihnen und Harry?

Ketikidou: Wir sind beide sehr impulsiv. Harry hat das zuletzt etwas abgelegt, privat ist es bei mir so geblieben. Zudem ist Harry besonnener, realistischer und durchsetzungsfähiger. Gemeinsam ist uns ein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn. Wenn ich sehe, wie jemand blöd angemacht wird, würde ich am liebsten eingreifen. Nicht selten denke ich mir dann: Warum habe ich denn jetzt meinen Polizeiausweis nicht dabei?

teleschau: Das heißt, Sie besitzen Zivilcourage ...

Ketikidou: Ja. Das verdanke ich der Rolle, sie hat mich mutiger gemacht. Ich ziehe Dinge jetzt einfach durch, das hätte ich mich früher nicht getraut. Das merke ich selbst im Straßenverkehr. Wenn ich im Recht bin, kann ich ziemlich stur sein.

teleschau: Wäre der Beruf der Ermittlerin etwas für Sie gewesen?

Ketikidou: Die Frage habe ich mir nie gestellt. Durch das frühe Engagement für den Film "Die Heartbreakers" kam ich mit 16 Jahren zur Schauspielerei zwar wie die Jungfrau zum Kinde, bin aber dabei geblieben. Ich habe mir nie Gedanken gemacht, was sonst noch möglich gewesen wäre. Ich hatte Spaß an Fremdsprachen und am Reisen, deswegen wäre wohl Auslandskorrespondentin in Frage gekommen. Aber im Endeffekt gibt es keinen Beruf, der besser zu mir passt, als der, den ich habe.

teleschau: Warum Auslandskorrespondenz?

Ketikidou: Weil ich extrem neugierig auf diese Welt bin und große Toleranz gegenüber allem Fremden besitze. Das finde ich gute Eigenschaften an mir. Vielleicht weil ich es selbst erlebt habe, fremd zu sein in einem Land. Meine Eltern sind griechische Gastarbeiter, meine Mutter kam erst ein Jahr vor meiner Geburt nach Deutschland.

teleschau: Das heißt, Sie haben zu Hause Griechisch gesprochen?

Ketikidou: Ja, und ich sehe das als Geschenk. Ich mag Sprachen und die Möglichkeit, sich mit Menschen überall auf der Welt austauschen zu können.

teleschau: Sie leben seit 37 Jahren in Hamburg, wie sehr sind Sie in der Hansestadt verwurzelt?

Ketikidou: Ich verdanke der Stadt viele großartige Menschen, denen ich hier begegnet bin. Zudem habe ich die Stadt durch meinen Job beim "Großstadtrevier" wie meine Westentasche kennengelernt. Ich kenne sie besser als jeder Taxifahrer. Ich weiß, wo die hässlichsten Flecken liegen und wo man den besten Blick aufs Wasser hat.

teleschau: Wo zieht es Sie in Ihrer Freizeit regelmäßig hin?

Ketikidou: Ins Millerntor-Stadion. Ich bin St. Pauli-Fan und stehe bei fast jedem Heimspiel in der Gegengerade. Ansonsten bin ich gern zu Hause. - Ich liebe Serien.

teleschau: Wie äußert sich diese Vorliebe?

Ketikidou: Ich gucke online und am besten im ganzen Pack. Wenn mich etwas fesselt, bleibe ich nonstop dran, manchmal bis vier Uhr morgens oder ein ganzes Wochenende lang. Aktuell bin ich bei "Vikings", was ich super finde. Die Rituale, die Kämpfe, der Akzent. Ich mag kriegerische Menschen, die um ihre Freiheit kämpfen.

teleschau: Sie haben zudem eine starke Affinität zur Musik ...

Ketikidou: Das ist eine Macke von mir. Bei mir läuft rund um die Uhr Musik. Wenn ich aufstehe, fahre ich zuerst den Computer hoch und schaue, was es Neues gibt. Später auf dem Weg zur Arbeit höre ich Indie-Lieder und Soul zwischen den Takes. Nur habe ich das Problem, dass mein Rechner inzwischen übervoll ist.

teleschau: Das heißt, Sie sind eine leidenschaftliche Sammlerin?

Ketikidou: Ja, furchtbar. Vor kurzem bin ich umgezogen und musste Sachen weggeben. Es war befreiend und schrecklich zugleich. Ich habe mich von Dingen getrennt und danach hatte ich Albträume, dass ich sie doch wiederhaben wollte.

teleschau: Nicht nur die Serie auch Sie selbst hatten vergangenes Jahr einen runden Geburtstag. Wie haben Sie den gefeiert?

Ketikidou: Im Beach Club, doch leider hat es geregnet. Im Nachhinein betrachtet denke ich mir: Ich hätte wegfahren sollen, wie jedes Jahr. So aufgezwungene Anlässe sind mir ein Gräuel. Man muss nicht feiern, wenn man nicht will.

Quelle: teleschau - der mediendienst