Jasmin Tabatabai

Jasmin Tabatabai





"Journalisten sind besonders gefordert"

Seit fünf Jahren verkörpert Jasmin Tabatabai (49) Kriminalhauptkommissarin Mina Amiri in der ZDF-Krimireihe "Letzte Spur Berlin". Bevor ab Freitag, 03. März, 21.15 Uhr, zwölf neue Folgen zu sehen sind, verrät die deutsch-iranische Star-Schauspielerin im Interview, warum sie auf diese Rolle besonders stolz ist und was der Hauptstadt-Krimi mit dem immer bedrohlicher wirkenden Rechtspopulismus zu tun hat. Ein Gespräch über Familie, Berlin, Politik in Krimis und den richtigen Umgang mit Trump, Le Pen und Co.

teleschau: Frau Tabatabai, Sie haben einmal gesagt, Sie würden "Letzte Spur Berlin" als großes Privileg empfinden. Wie meinten Sie das?

Jasmin Tabatabai: Vor allem finde ich es toll, dass ich eine Arbeit habe, die in Berlin stattfindet, also in meiner Stadt, in der meine Familie und ich leben. Zu Hause zu arbeiten ist ein extremer Bonus in meinem Beruf, der normalerweise vom Reisen bestimmt wird. Mit einem Teenager und zwei kleinen Kindern zu Hause ist es schön, nicht ständig fortzumüssen.

teleschau: Zudem haben Sie erwähnt, sich mit Ihrem Kollegen Andreas Pietschmann einen "modernen Mann" geangelt zu haben, was Ihnen auch jobtechnisch in die Karten spielen würde. Das heißt, das Abendessen steht schon auf dem Tisch, wenn Sie nach Hause kommen?

Tabatabai: (lacht) Zumindest ist mein Mann ein gutes Beispiel für eine ganze Generation von Vätern, die auf Augenhöhe mit den Müttern die Familien mittragen. Diese Väter sehen sich nicht nur als Ernährer, die Kohle nach Hause bringen und den Rest den Frauen überlassen. Sie wollen Zeit mit ihren Kindern verbringen und erleben, wie sie aufwachsen. Sie wollen miterziehen und -betreuen. Das bedeutet für mich schlichtweg, dass ich mehr arbeiten kann.

teleschau: Und wenn die ganze Familie mal zu Hause ist: Sehen Sie auch manchmal zusammen fern?

Tabatabai: An sich ist das Fernsehen bei uns zu Hause fest in der Hand der Kinder. Wobei man sich das jetzt nicht so vorstellen muss, dass da ständig die Glotze läuft. Wenn, dann sind es in der Regel ausgewählte Filme. Mein kleiner Sohn hat zum Beispiel gerade eine große Vorliebe für "Shaun das Schaf". Ihn fasziniert die Figur des Tierfängers. Er fängt seitdem auch immer seine Stofftiere mit der Grillzange ein. Das gehört zum ganz normalen Wahnsinn bei uns dazu. Es ist wie dieses eine Lied auf meiner Jazz-Platte, das Cover des Reinhard-Mey-Stücks "Aller guten Dinge sind drei".

teleschau: Gucken Ihre Kinder auch Filme, in denen Sie mitwirken?

Tabatabai: Selten. Das "Sams" haben wir mal zusammen geschaut. Aber an sich möchte ich mich zu Hause gar nicht selbst sehen.

teleschau: Warum denn nicht? Würde den Kids womöglich imponieren.

Tabatabai: Nein, bitte nicht! (lacht) Ich höre auch zu Hause nicht meine eigene Musik. Da muss man schon sehr narzisstisch sein, um das zu tun.

teleschau: Manche Ihrer Produktionen möchte man Kindern ja auch nicht zumuten. "Überlebenstrieb" ist zum Beispiel eine Episode von "Letzte Spur Berlin", in der ein kleines Mädchen in große Gefahr gerät. Sind Sie als Mutter beim Lesen des Buches erschrocken?

Tabatabai: Ja! Es gibt Geschichten, die gehen einem wirklich unter die Haut - und diese gehört definitiv dazu. Aber wenn man diesen Fall als absoluten Albtraum empfindet, muss man erst mal das Ende dieser Staffel abwarten. Dafür haben wir etwas gedreht, das mich ernsthaft schlecht träumen ließ. Bei uns geht es ja auch nicht immer nur um Leichen, sondern auch um viele andere gesellschaftliche Fälle, etwa um solche, die im Berliner Späti-Milieu spielen oder von den Bereicherungen an Flüchtlingsunterkünften handeln.

teleschau: Ist das ganze Leben längst ein Krimi?

Tabatabai: Ich weiß nicht, ob ich den Satz so unterschreiben würde. Was stimmt, ist, dass ein Krimi immer auch ein Rätsel ist, das gelöst werden muss. Und das trifft natürlich auf das wahre Leben zu. Es geht immer und immer wieder um ein Geheimnis, die Wahrheit hinter einer Fassade.

teleschau: Ist Politik im Krimi wichtig?

Tabatabai: Eine gesellschaftliche Relevanz sollte alles besitzen, was im Fernsehen läuft. Ich möchte doch etwas über einen bestimmten Teil der Gesellschaft erfahren, wenn ich etwas schaue. Und ich möchte etwas über die Region wissen, in der es spielt. Wie sieht es dort aus, wie erleben die Menschen dort ihren Alltag? - Das alles will ich wissen, und ich finde es wichtig, dass Produktionen das auch bereithalten.

teleschau: Viele Krimis thematisieren aktuell den Umgang mit Geflüchteten. Sollten zudem noch mehr Produktionen auch den Rechtspopulismus belichten, der aktuell von u.a. Trump, Le Pen und Petry ausgeht?

Tabatabai: Ja - solange es dabei keinen erhobenen Zeigefinger gibt. Es muss eine Wahrhaftigkeit bestehen, dann ist das okay, aber eine allgemeine Belehrung der Zuschauer funktioniert nicht.

teleschau: Was funktioniert stattdessen?

Tabatabai: Eine Serie wie unsere, in der es eine iranische Kommissarin gibt, die auch einen iranischen Namen trägt, und die auf Augenhöhe mit ihren Kollegen agiert.

teleschau: Weshalb?

Tabatabai: Das zeigt, dass wir in Deutschland nicht nur Probleme mit Menschen mit Migrationshintergrund haben, sondern dass es auch Leute gibt, die hier seit vielen Jahren leben und vollkommen integriert sind.

teleschau: Und was kann man in Ihren Augen ganz allgemein gegen den Rechtspopulismus tun?

Tabatabai: Ich hoffe, dass all das, was gerade Schlimmes in der Welt passiert, eine starke Gegenreaktion auslöst, auch eine Wachheit und Aufmerksamkeit für bestimmte Dinge erzeugt. Dass uns allen klar wird, dass nichts selbstverständlich ist - auch kein Wahlsieg von Hillary Clinton, von dem viele Amerikaner ausgegangen sind und deshalb nicht mehr an der Wahl teilgenommen haben. Und wer zudem besonders gefordert ist, sind Journalisten, also der Berufsstand, den Politiker derzeit diskreditieren wollen, in dem sie nur noch über Twitter kommunizieren und "alternative Fakten" verbreiten. Selten wurde guter Journalismus in der Welt so sehr gebraucht wie jetzt. Und öffentliche Personen wie wir Künstler müssen uns ebenso engagieren und mit den Journalisten solidarisieren.

Quelle: teleschau - der mediendienst