Ernst Huberty

Ernst Huberty





"Meister der Sprache, Meister der Pausen"

17. Juni 1970: Im WM-Halbfinalspiel Deutschland gegen Italien im Aztekenstadion von Mexiko-Stadt steht es vor über 100.000 Zuschauern und vielen Millionen Fans, die daheim am Fernseher mitfiebern, 0:1. Es läuft bereits die 91. Minute, dann flankt Jürgen Grabowski von links, Karl-Heinz Schnellinger grätscht mit rechts: 1:1. Und was tat der ARD-Reporter in diesem geschichtsträchtigen Moment? Ernst Huberty brüllte nicht, er sang nicht, er atmete noch nicht einmal auffällig hektisch, sondern er sprach ganz dezidiert und sachlich die Worte: "Schnellinger ... Ausgerechnet Schnellinger." - Mehr brauchte es nicht. 16 Jahre nach dem "Wunder von Bern" und fast zwei Jahrzehnte vor der Neuerfindung der Fußballberichterstattung im deutschen Privatfernsehen waren am knarzigen Livemikro noch die Präzisionsarbeiter gefragt, und Ernst Huberty war zweifellos einer ihrer besten. Wenn "Mister Sportschau" am 22. Februar sein 90. Lebensjahr vollendet, ist dies auch ein Anlass, auf diese Ära zurückzublicken und spannende Vergleiche zu ziehen. Was ist dem Fußballsport eigentlich angemessener: das mithin Grimmepreis-trächtige Schwadronieren und Emotionalisieren heutiger Tage oder die hochseriöse, nüchterne Herangehensweise von damals?

"Schnellinger ... Ausgerechnet Schnellinger." - Unter dem Titel "Mr. Sportschau wird 90 - Eine Hommage an Ernst Huberty" (Sonntag, 19. Februar, 22.15 Uhr, WDR) gratuliert ARD-"Sportschau"-Chef Steffen Simon dem Altvorderen mit einem Porträt, in dem jenes, soll man sagen Bonmot von 1970 nicht nur einmal rezitiert wird. Denn immerhin: Was damals eine wohlfeile Anspielung darauf war, dass eben jener Kultverteidiger namens Schnellinger seit Jahren in Italien spielte, wurde fast ebenso berühmt wie das "Jahrhundertspiel" selbst (das die Italiener mit 4:3 nach Verlängerung gewannen). Simons Film ist jedoch mitnichten ein Stück nur für TV-Nostalgiker.

Auch für den hippen Sky-Zuschauer dürfte diese Lektion von Interesse sein. Denn was bei all der aus heutiger Sicht nachvollziehbaren Kritik an der alten Über-Sachlichkeit, was bei all dem Lächeln über die Ernst Hubertys, Eberhard Stanjeks, Addi Furlers oder Werner Zimmers der 60er- und 70er-Jahre nicht vergessen werden darf: Das Handwerk der Reporterlegenden legte die Basis für das launige Fußballshowfernsehen von heute. Nicht umsonst war Huberty in den frühen 90er-Jahren noch von Premiere engagiert worden und auch danach noch jahrelang als Coach für den Kommentatoren- und Moderatorennachwuchs gefragt. Reinhold Beckmann nennt ihn in Simons Film einen "Meister der Sprache, Meister der Pausen" und natürlich "für uns alle ein Vorbild", für Oliver Welke ist Huberty nichts weniger als die "Fleisch gewordene 'Sportschau", und Steffen Simon selbst sagt es seinem Freund gleich persönlich: "Ernst, es ist ein großes Geschenk, dich kennen zu dürfen!"

Einer seiner prominentesten Schüler ist heute Intendant des Westdeutschen Rundfunks. Tom Buhrow erinnert sich bis heute mit dankbarer Anerkennung an einen essenziellen Rat Hubertys: "Sie arbeiten nicht in einem Fernsehstudio, sie arbeiten in einem Wohnzimmer", habe ihm der Lehrmeister erklärt - denn die einzig entscheidende Frage sei doch: "Schaffen Sie es, aus diesem Kasten in das Wohnzimmer der Menschen zu kommen oder nicht?" Mehr muss über Anspruch und Selbstverständnis der "Sportschau"-Legende im Grunde nicht gesagt werden.

Kurz vor seinem 90. Geburtstag gibt Ernst Huberty dem ARD-"Sportschau"-Chef Simon nun ein ausführliches Interview, in dem er auch auf seine Gesundheit zu sprechen kommt. Er gehe ins Fitness-Center, spaziere daheim in Frechen bei Köln viel durch die Natur und schwimme auch noch regelmäßig. "Es geht mir besser", bekennt Huberty, der sich zuletzt rar gemacht hatte - sein letzter größerer Auftritt im Fernsehen liegt schon ein paar Jahre zurück: Der in seiner Fernsehzeit stets akkurat gescheitelte Luxemburger führte im Mai 2011 gemeinsam mit Anne Will durch "Die große Geburtstagsshow", es galt das 50-jährige Bestehen der ARD-"Sportschau" zu feiern. Ein Treffen der Generationen und eine gute Gelegenheit, die großen Jahre des einstigen ARD-Flaggschiffs Revue passieren zu lassen. Schließlich hatte die "Sportschau" einst eine Resonanz erzeugt, von der sämtliche Sportformate heute nicht nur ein paar Jahrzehnte, sondern Lichtjahre entfernt scheinen.

In den 60er- und frühen 70er-Jahren sahen im Schnitt 15 Millionen Zuschauer die "Sportschau" im Ersten. Ein Straßenfeger - und das obwohl lediglich von drei ausgewählten Partien des Spieltags Bewegtbilder gezeigt wurden und die Zuschauer eher nicht mit dem neuesten Kicker-Gossip, sondern beispielsweise mit den nackten Zahlen des "Rennquintetts" verwöhnt wurden ... Huberty, der Moderator der ersten Stunde, der zwischen 1961 und 1982 auf unnachahmliche Weise die Zuschauer zur "Spochtschau" begrüßt hatte, war definitiv ein Star - auch wenn er sich damals gar nicht so fühlte, wie er nun durchblicken lässt. Schon gar nicht "von der finanziellen Seite her", denn da, so lächelt der Jubilar altersmilde in die WDR-Kamera, "konnte man überhaupt kein Star-Gefühl haben".

Und wie war das nun mit dem Schnellinger-Kommentar von 1970? - Er hätte damals "auch schreien können", sagt Huberty. Aber er habe ganz bewusst so dosiert kommentiert, weil er "die Zuschauer feiern lassen" wollte. Überhaupt, so findet er, dürfe man als Kommentator sein Publikum nicht "entmündigen", indem man zu viel erklärt ... Der fachkundige Zuschauer könne selbst erkennen, wie eine Partie gerade läuft. Im Jahrhundertspiel in Mexiko-City ließ er sich während der Verlängerung aber gleich noch zu einem zweiten knochentrocken vorgetragenen Satz für die Ewigkeit hinreißen: "Wenn Sie jemals ein echtes Müller-Tor gesehen haben, dann jetzt!" Spätestens hier staunt manch Jüngerer vielleicht doch: So ein trefflicher Augenzwinkerkommentar könnte auch einem Wolff-Christoph Fuss über die Lippen kommen.

Solides Handwerk und der Genius des Spontanen - dieses Geschäft lebt nun mal seit jeher von der Kombination dieser Grundvoraussetzungen. Ernst Huberty darf man in dieser Hinsicht getrost als Bindeglied zwischen gelebter TV-Tradition und gleißender Fernsehmoderne verorten. Vielleicht illustriert es die Aussage eines gerade sehr gefragten ARD-Emporkömmlings am besten: Alexander Bommes erinnert sich im Film an sein erstes Coaching bei Ernst Huberty. "Wenn ich Sie reden höre, höre ich das Papier knistern", habe Huberty nach seiner ersten Sendung gemeckert. Der Ertappte bekennt nun, er wusste sofort, dass Huberty Recht hatte. "Ich hatte alles auswendig gelernt. Und er wusste zu jeder Sekunde, wie ich mich in der Sendung gefühlt habe." Wohl dem, der von den Richtigen lernt, ist man da geneigt zu sagen. Oder, wie es der WDR formuliert: "Ernst Hubertys Einfluss ist bis heute allgegenwärtig."

Quelle: teleschau - der mediendienst