Empörung

Empörung





Rebell gegen Vorurteile

James Schamus, bedeutender Independent-Produzent von Welterfolgen wie "Tiger & Dragon" und "Brokeback Mountain", weiß zu verblüffen. Als Jurypräsident der Berlinale von 2014 hatte er einen Journalisten vor sich, der seine Fragen vergaß. Normalerweise schreibe er sich seine Fragen vorher auf, entschuldigte sich der Pressevertreter verdattert. "Und ich mir meine Antworten", entgegnete Schamus. So viel trockener Humor ist Anlass genug, bei Schamus' erster Arbeit als Regisseur und Drehbuchautor mit überraschenden Pointen zu rechnen. Wie früh "Empörung" die Erwartung einlöst, stellt sich jedoch erst am Schluss heraus. Am Anfang trifft einen asiatischen Soldaten im Dschungel eine Kugel, während die Stimme eines jungen Mannes über den Tod sinniert. Die erste Annahme, wer hier spricht und wer stirbt, dürfte sich als fehlerhaft erweisen.

Es ist das Jahr 1951, die USA befinden sich auf der Seite Südkoreas im Krieg mit Nordkorea. Marcus Messner (Logan Lerman) aus Newark, New Jersey, kondoliert Nachbarsfamilien, die in den Kämpfen ihre Söhne verlieren. Wegen seiner guten Schulnoten hat Marcus ein Stipendium erhalten und darf - als Erster seiner Metzgersfamilie - aufs College gehen. Die gütige Mutter und der überängstliche Vater sind froh. Denn College-Studenten werden nicht eingezogen.

Das College in Winesburg, Ohio, erscheint konservativ, gibt sich aber tolerant. Doch ist es Zufall, dass Marcus' Stubenkameraden allesamt Juden sind wie er? Als Marcus freundlich, aber bestimmt aufgefordert wird, sich der kleinen jüdischen Studentenvertretung anzuschließen, ahnt er ganz richtig eine wohlmeinende Intrige seiner Eltern und lehnt ab. Marcus ist Atheist, pocht auf Unabhängigkeit und erkennt keine andere Autorität an als den klaren Verstand. Das bekommt auch Dekan Cauldwell (Tracy Letts) zu spüren, als er Marcus wegen eines Streits mit den Stubenkameraden zur Rede stellen will.

Nur bei der Erklärung, warum ihm Kommilitonin Olivia Hutton (Sarah Gadon) gleich nach dem ersten Date im Auto einen bläst, versagt sein Verstand. Er kann nur feststellen: "Es gab kein Mädchen wie Olivia Hutton." Er verfällt ihr, obwohl er erfahren muss, dass die zierliche, strahlend lächelnde Blondine eine labile Psyche hat und er selbst dadurch in Gefahr gerät.

Seit Jahrzehnten gilt Vorlagengeber Philip Roth als Anwärter auf den Literaturnobelpreis. Nichtsdestoweniger ist sein Roman "Empörung" mit immensen Schwächen behaftet: Marcus bleibt verschwommen, die unnötig melodramatische Handlung ist Vorwand für papierne Gesellschaftskritik, und der Erzählrahmen erzeugt, anders als beabsichtigt, keine Gegenwärtigkeit, sondern richtet sich an eine Nachwelt.

Schamus' Drehbuch ist hingegen ein Meisterwerk. Es macht den Roman erst lebendig. Marcus gewinnt Kontur als ein geistiger Rebell, der sich rational gegen Vorurteile gegenüber seiner jüdischen Herkunft und sozialen Klasse wie auch gegenüber Olivia zu behaupten sucht. Dass er dabei die Macht der Gefühle unterschätzt, wird ihm zum Verhängnis und führt zu einer furchtbaren Auflösung der Szene aus dem Dschungelkampf.

Aber während Roth zu weit über Marcus' Welt schwebt, versetzt sich der Film zu tief in sie hinein. Marcus' sehr spezifische Konflikte mit der Umwelt und die schwierige Beziehung zu Olivia sind nur bei ähnlichen Erfahrungen in ihrer Tragweite nachvollziehbar. Hinzu kommt etwa die Bedeutung der Religion in den USA. Für ein weltweites Publikum müsste all das deutlicher herausgemeißelt sein.

Quelle: teleschau - der mediendienst