Christian Ulmen

Christian Ulmen





"Wenn du zu deiner Dödelhaftigkeit stehst, ist das sehr befreiend"

Wie viel von ihm tatsächlich in "Jerks" steckt, weiß wohl nur Christian Ulmen selbst. In seiner neuen Comedyserie führt der 41-Jährige nicht nur Regie, sondern spielt sich auch selbst. Und er gibt viel über sich preis. Wer den Serien-Ulmen sieht, kommt schnell zu dem Urteil, hier einem ganz besonderen Trottel beim Dasein zuzusehen. Zusammen mit seinem Co-Star und Freund aus Kindertagen, Fahri Yardim, stolpert Ulmen von einem Fettnäpfchen ins nächste; der Fremdschämfaktor könnte kaum höher sein. Vielleicht, weil man viel von dem, was Ulmen hier von sich zeigt, nur zu gut von sich selber kennt. Und dass geteiltes Leid eben halbes Leid ist, weiß nicht nur der Volksmund, sondern auch Ulmen nur allzu gut: "Zu erleben, dass andere genau so peinlich sind wie man selbst, tröstet ungemein", sagt er im Interview. "Jerks" ist die erste Serie eines deutschen Streaminganbieters und steht bei Maxdome zum Abruf bereit. Ab Dienstag, 21. Februar, 23.15 Uhr, ist das neue Format auch bei ProSieben im Programm.

teleschau: Im Vorspann zu "Jerks" heißt es, die Serie basiere auf wahren Begebenheiten. Und schon in der zweiten Folge geht es um die Kosenamen für die Vagina Ihrer Ehefrau Collien ...

Christian Ulmen: Ich würde die Serie entzaubern, wenn ich erzählen würde, worin genau die Wahrhaftigkeit liegt. Die Serie steht für sich, und die Zutaten sind zum größten Teil Wahrheit, aber auch Fantasie oder Überhöhung und ein Grundgerüst aus dem dänischen Ursprungsformat.

teleschau: Und wie viel von Ihnen steckt in dem Christian Ulmen aus der Serie?

Ulmen: Alles! Die Serie erzählt mein Leben und das von Fahri Yardim, wir haben uns durchaus ausgezogen.

teleschau: Fühlt man sich ungeschützter, wenn man sich nicht hinter einer Kunstfigur oder einer Rolle verstecken kann?

Ulmen: Ja, nackter. Das war aber auch der Kick an dem Ding: auszuprobieren, sich nicht hinter einer Figur zu verstecken oder die Peinlichkeit in warmes Licht zu hüllen. Sondern ganz ehrlich all die Unzulänglichkeiten zu erzählen, aus denen man besteht.

teleschau: Gehört dazu auch eine Portion Masochismus?

Ulmen: Nein. Im Gegenteil. Es lindert deinen Schmerz, wenn du deine Schwächen herzeigst. Peinlichkeit entsteht ja zu einem großen Teil aus der Angst, jemand könnte erkennen, was für ein Dödel du eigentlich bist. Wenn du zu deiner Dödelhaftigkeit stehst, ist das sehr befreiend, es gibt nichts mehr zu kaschieren. Auch für den Zuschauer! Denn wer sich schämt, fühlt sich einsam. Zu erleben, dass andere genau so peinlich sind wie man selbst, tröstet ungemein.

teleschau: Klingt therapeutisch ...

Ulmen: Absolut. Fahri sagt immer, das ist, wie wenn man einen ganz langen Hodensack hat und den raushängen lässt. Schaut, ich hab auch so einen langen Sack wie ihr alle. Und alle, die einen langen Hodensack haben, sagen: Stimmt, ich bin nicht allein. Und das Tolle: Ein langer Hodensack ist natürlich auch per se unfassbar lustig. Lachen wirkt auch.

teleschau: Funktioniert das besser, wenn man es zusammen mit einem guten Freund macht, so wie Sie mit Fahri Yardim?

Ulmen: Das hilft natürlich. Man muss sich vertrauen. Wenn du improvisierst, schöpfst du aus tiefstem Unterbewusstsein. Alles muss raus. Wenn du die Handbremse angezogen hast, weil du dich in dem Umfeld nicht gehen lassen kannst, dann scheiterst du damit.

teleschau: Wie viel Improvisation steckt denn in "Jerks"?

Ulmen: 100 Prozent. Es gibt einen klaren Handlungsrahmen, aber es gibt keinen Text. Jeder war selbst verantwortlich für seine Worte.

teleschau: Haben Sie keine Angst davor, dass Ihre Eltern oder Ihre Kinder, wenn sie alt genug sind, sehen, wie Sie sich in "Jerks" entblößen?

Ulmen: "Jerks" ist definitiv nichts für Kinder. Wenn mein Sohn und meine Tochter die Serie in ein paar Jahren sehen, ist das aber okay. "Jerks" ist auch definitiv keine Serie für Eltern. Vor allem nicht für meine. Ich habe ihnen gesagt, sie sollen "Jerks" nicht gucken.

teleschau: Wie hat es sich angefühlt, dass Ihre Frau Collien in "Jerks" Ihre Ex-Frau spielt?

Ulmen: Es ist schön, wenn man sich eine Welt geschaffen hat, in der man getrennt ist. Empfehle ich allen Paaren. Wenn man voneinander genervt ist, kann man kurz in dieses Paralleluniversum tauchen und hat seine Ruhe. Man kann für ein paar Minuten in diese Welt gehen und kurz erleben, wie sich dieses Trennungsding anfühlt - und wieder zurück in den Alltag springen.

teleschau: Wenn man "Jerks" sieht, bekommt man den Eindruck, bei Ihnen ist der Mann ein bemitleidenswerter Idiot ...

Ulmen: Dann hat man zu viele Frauenzeitschriften und Herrenmagazine gelesen. Denn das stimmt nicht. Wir erzählen von Stadtneurotikern, von verklemmten Typen. Das Geschlecht ist irrelevant. Ist es sowieso. Wir müssen endlich mit diesem Mann-Frau-Ding aufhören. Ich kenne keine Frau, die so ist, wie sie ständig in dem "warum Frauen nicht einparken können"-Schwachsinn dargestellt wird. Gut, meine Frau kann nicht Auto fahren. Emily Cox hingegen fährt Auto wie eine Göttin mit Lenkrad. Allein, dass ich diese dummen Beispiele benutze, ist erbärmlich. Lasst uns Menschen als einzigartige Heinis wahrnehmen und nicht mit diesem durchstrukturalisierten Stumpf-Blick angaffen. Nichts ist "typisch irgendwas".

teleschau: Nur hat man dieses Denken leider noch oft in sich drin ...

Ulmen: Ja, leider! Dabei gibt es so viel mehr zu entdecken, wenn einem egal ist, ob jemand einen Penis oder eine Scheide hat oder zwei Penisse oder einen Penis und eine Scheide oder Brüste oben und einen Penis unten! Das ständige Klassifizieren geht mir wahnsinnig auf den Sack. Das betrifft ja nicht nur die Geschlechter, sondern auch Nationalitäten - der Syrer, der Deutsche, der Flüchtling!

teleschau: Besser wird das momentan ja leider nicht ...

Ulmen: Und ich erfahre diesen Kategoriesierungsterrorismus am eigenen Leib. Kaum mache ich eine Fernsehserie wie "Jerks", in der ich als Mann von meinen eigenen Unzulänglichkeiten erzähle, wird behauptet, es ginge um "den Mann in der Gesellschaft". Hätte ich das gewollt, wäre ich Genderforscher geworden oder so. Die Hochrechnung auf das Mann-Frau-Thema ist fast schon eine pathologische Rezeption.

teleschau: "Jerks" ist die erste deutsche Serie eines Streaming-Anbieters. Wie fühlt sich das an?

Ulmen: Das ist eine große Ehre! Es ist ein tolles Gefühl, wenn man für etwas produziert, das man selbst auch konsumiert. In Sachen Qualität haben die Streamingdienste Maßstäbe gesetzt. Und Maxdome hatte den Mut, "Jerks" zu machen.

teleschau: Haben Streamingdienste mehr Mut als Fernsehsender?

Ulmen: Zumindest war Maxdome der einzige, der ja zu Jerks gesagt hat. Man muss aber auch sagen, dass ProSieben auch recht harte Eier hat. Zwar werden die dort härter, je später der Abend, aber besser als dauernd weich.

teleschau: Schauen Sie selbst überhaupt noch fern?

Ulmen: Nur noch in der Ur-Idee von Fernsehen, also Live-Übertragungen: Sport, Nachrichten, Shows, alles was live sein muss. Alles andere gucke ich ausschließlich on demand.

Quelle: teleschau - der mediendienst