Matthias Weidenhöfer

Matthias Weidenhöfer





Der kleine Macho

Matthias Weidenhöfer war schon in diversen "Tatorten" und ein paar Kinofilmen ("Der Staat gegen Fritz Bauer") zu sehen. Der ganz große Durchbruch gelang dem 31-Jährigen noch nicht, was ihm selbst aber relativ egal ist. "Wenn ich Glück habe, bin ich an der Reihe, wenn ich Pech habe, jemand anders. Bisher hatte ich viel Glück, und ich glaube an mein Glück", sagt der Schauspieler im Interview lapidar. Doch zu wünschen wäre dieser Durchbruch dem sympathischen Sportfanatiker und Ex-Bandleader durchaus. Immerhin darf Weidenhöfer ab dem 8. Februar an der Seite von Valerie Niehaus erstmals einen Kommissar in einer deutschen ZDF-Vorabendserie ("Die Spezialisten", mittwochs, 19.25 Uhr) verkörpern - vielleicht ist der "Macho", wie ihn seine Mama früher immer nannte, bald schon nicht mehr aus Deutschlands Fernsehlandschaft wegzudenken.

teleschau: Es heißt, mit 14 Jahren produzierten Sie Ihre erste Fernsehsendung ...

Matthias Weidenhöfer: Genau, ich hatte damals mit meinem immer noch besten Freund Kai Gero Lenke eine Fernsehsendung im Offenen Kanal in Bremen. Die hieß die "Macho und Kai Show".

teleschau: Und Sie waren der Macho?

Weidenhöfer: Ich war der Macho, so hat mich meine Mutter damals immer genannt. Sie stammt aus Uruguay, und dort bedeutet Macho nichts weiter als Männchen. So nennt sie mich heute noch, wenn ich nach Hause komme. Für mich war das ganz schwer, nach Berlin zu gehen und mich als Matthias neu vorzustellen. Dieser Name war mir bis dahin nicht geläufig. Aber ich wollte ein neues Leben anfangen und mich auf der Schauspielschule nicht allen als Macho vorstellen müssen. Das sollte Vergangenheit bleiben.

teleschau: Es war für Sie wohl schon immer klar, wohin die Reise mal gehen wird ...

Weidenhöfer: Nein, ich wollte ursprünglich Musiker werden. Musik ist auch nach wie vor die fantastischste Sprache, die die Welt zu bieten hat. Ich spiele diverse Instrumente und habe bis zur Schauspielschule an dem Gedanken festgehalten, mit der Musik eines Tages mein Geld verdienen zu können. Noch am Tag der Aufnahmeprüfung für die Schauspielschule hatte ich mit meiner damaligen Band einen Contest in Bremen. Als wir diesen verloren hatten, war mir klar, dass ich, statt Musiker zu werden, erst einmal alleine meinen Weg gehen muss.

teleschau: Kann das trotzdem noch passieren, dass Sie irgendwann alles hinschmeißen und Rockstar werden?

Weidenhöfer: Eher unwahrscheinlich (lacht).

teleschau: Was sagten die Eltern zu Ihrer Berufswahl? Ob Schauspieler oder Musiker - das sind ja beides keine 08/15-Jobs ...

Weidenhöfer: Ich glaube, die konnten tatsächlich nicht so viel damit anfangen. Meine Eltern wollten immer, dass ich einen "normalen" Beruf erlerne. Dafür haben sie auch bis zum Schluss gekämpft. Aber ich habe mein Abitur aufgegeben, um Musik machen zu können, weil ich fest daran glaubte, dass das klappt. Als sich so langsam abzeichnete, dass das nichts wird, habe ich einmal mit meinem besten Freund in Berlin telefoniert, und der riet mir, mich an einer Schauspielschule zu bewerben. Dann habe ich ihn gefragt: Wie soll ich das werden, ich kann das nicht studieren, weil ich kein Abitur habe. Daraufhin hat er mir erklärt, dass, wenn eine außergewöhnliche Begabung festgestellt wird, man gar kein Abitur dazu bräuchte. Ich habe meinen Eltern davon erzählt und ihnen erklärt, dass ich mich gerne an zwei Schauspielschulen bewerben würde und sie mir die Bewerbungsgebühren zahlen müssten. Ich versprach, im Falle einer Ablehnung einen normalen Beruf zu erlernen.

teleschau: Na, zum Glück ging das gut aus ...

Weidenhöfer: Ja, ich bin zur Hochschule für Film und Fernsehen, die fanden mich gut, und zur Universität der Künste Berlin, die fanden mich scheiße. Bei der HFF wurde ich schließlich genommen. Das war mein Glück, sonst hätte ich irgendeinen anderen Beruf erlernen müssen, wenn ich diese Wette verloren hätte (lacht).

teleschau: Gehen Sie gerne aufs Ganze?

Weidenhöfer: Nicht mehr. Jetzt, da ich Vater zweier Kinder und erwachsen bin, gehe ich selten aufs Ganze. Früher war ich schon eher der Draufgänger.

teleschau: Würden Sie Ihren Kindern raten, Schauspieler zu werden?

Weidenhöfer: Ich habe ganz andere Möglichkeiten als meine Eltern, dadurch, dass ich schon ein bisschen in diesem Business Fuß gefasst habe. Ich würde ihnen sagen, auf ihr Herz zu hören und das zu machen, worauf sie Lust haben. Ich werde auch immer versuchen, mit ihnen gemeinsam herauszufinden, was sie werden wollen. Oder aber auch zu sehen, was nicht realisierbar ist. Es gibt eben trotz allem Dinge, die sind nicht für jedermann möglich.

teleschau: Wie viel Musik machen Sie noch?

Weidenhöfer: Ich nehme mir gar keine Zeit mehr dafür. Tatsächlich ist mein größeres Hobby derzeit der Sport. Für gewöhnlich gehe ich jeden Tag neben dem Dreh noch zum Brazilian Jiu Jitsu, eine Kampfsportart, an die mich Ken Duken herangeführt hat. Seitdem ich das einmal gemacht habe, muss ich jeden Tag dahin.

teleschau: Jeden Tag? Wow ...

Weidenhöfer: Ja, manchmal sogar mehrmals am Tag. Das ist für mich wie eine Religion geworden. Man lernt dabei einfach jeden Tag was Neues. Das ist fantastisch.

teleschau: Ein Kommissar mit Privatleben - man glaubt es kaum, aber genau als solch einer bezeichnet sich Ihr Kriminalhauptkommissar Henrik Mertens in "Die Spezialisten - Im Namen der Opfer" ...

Weidenhöfer: Ja, Privatleben ist wichtig. Die meisten Menschen nehmen heutzutage ihre Arbeit mit nach Hause, das tue ich auch. Aber ich versuche trotzdem, bewusst am Abend Zeit mit meinen Kindern zu verbringen, sie ins Bett zu bringen, für sie etwas zu kochen und so weiter. Ich habe das Glück, mir einen Beruf gesucht zu haben, bei dem ich, wenn ich frei habe, zumeist auch wirklich frei habe. Wenn ich nicht drehe, bin ich zwar arbeitslos, kann aber eine Weile, von dem leben, was ich mir erarbeitet habe. In diesen Episoden versuche ich dann, viel Zeit mit meinen Kindern zu verbringen, Sport zu machen und viel mit meiner Freundin zu unternehmen. Romantische Zeit ist sehr wichtig.

teleschau: Was ist das Besondere daran, an einer Fernsehserie mitzuarbeiten?

Weidenhöfer: Mich reizt die Herausforderung, jeden Tag dran zu sein und so viel zu drehen. Wir hatten insgesamt 91 Drehtage, so viele am Stück hatte ich noch nie. Und die Kollegen sind natürlich toll.

teleschau: Sie sind 31 Jahre alt - Denken Sie, jungen Schauspielern wird in der deutschen Fernsehlandschaft genug Gelegenheit gegeben, sich zu beweisen? Oft sieht man ja dann doch eher die Generation Mitte 40 in den Hauptrollen ...

Weidenhöfer: Naja, in diesem Beruf muss man Glück haben. Wenn man Glück hat, wird man häufig besetzt. Wer häufig besetzt wird, wird häufig gesehen. Und wer häufig gesehen wird, der hängt den Zuschauern vielleicht zum Halse hinaus. Das liegt einerseits daran, dass die einzelnen Schauspieler entweder immer die gleichen Typen spielen müssen, andererseits haben sie aber vielleicht einfach nicht mehr zu bieten als das. Letztendlich wird die Hälfte aller Schauspieler, die es in Deutschland so gibt, einfach nicht besetzt, nicht, weil sie kein Talent haben, sondern einfach nicht das Glück, gebucht zu werden.

teleschau: Wurden Sie als junger Schauspieler genug gefördert?

Weidenhöfer: Ich hatte als Absolvent der Schauspielschule das Gefühl: Jetzt geht's los, ich werde ein Star. Das geht bestimmt vielen so, aber das passiert einfach selten. Ich habe mich an Schauspielern gemessen wie Daniel Brühl, Leute, die sehr jung schon sehr berühmt wurden. Die gibt's heute auch. Jannik Schümann oder Emilia Schüle sind so Beispiele. Ich bin nicht entdeckt worden und war nicht auf einmal der Superstar. Ich habe vor der Schauspielschule Autos gewaschen, habe vier Jahre studiert, mal 'nen Film gedreht und bis heute gewartet, bis ich der Kommissar in einer Serie werden durfte. Wer weiß, was danach kommt, vielleicht bin ich hier nach einem Jahr arbeitslos, oder es gibt eine dritte Staffel von den "Spezialisten", oder ich drehe einen tollen Film oder drehe nie wieder einen. Das ist einfach unberechenbar und hat eben viel mit Glück zu tun.

teleschau: Wie gehen Sie damit um?

Weidenhöfer: Es ist okay. Ich genieße das Spiel. Man kennt entweder viele Leute oder nicht, manchmal bringt einem das was, jemanden zu kennen, manchmal nicht. Es ist ein unberechenbares Spiel. Ich weiß, es hat nichts mit mir zu tun. Ich weiß, ich kann spielen, ich weiß, ich habe Talent, und entweder die Leute brauchen mich gerade oder auch nicht. Fest steht, jeder Schauspieler ist auswechselbar und kann im Nullkommanichts ersetzt werden. Wenn ich Glück habe, bin ich an der Reihe, wenn ich Pech habe, jemand anders. Bisher hatte ich viel Glück, und ich glaube an mein Glück.

teleschau: Abseits der Schauspielerei haben Sie sich auch schon gegen Rassismus eingesetzt und unter anderem Facebook für die widersprüchlichen Gemeinschaftsstandards kritisiert, bekannt wurde 2015 vor allem die Kampagne "Nippel statt Hetze" ...

Weidenhöfer: Genau, Olli Waldhauer, der Fotograf, hatte die Idee, einen Nazi und ein barbusiges Model abzubilden und das auf Facebook zu posten. Das mit den Gemeinschaftsstandards auf Facebook war mir damals gar nicht bewusst. Ich fand es einfach scheiße, dass Leute dort hetzen konnten, aber die Nippel einer Frau sofort gesperrt wurden.

teleschau: Sollten sich mehr Leute gegen Rassismus engagieren?

Weidenhöfer: Ich habe das vor allem gemacht, weil ich es mittlerweile so unangebracht finde, sich darüber zu echauffieren, dass Leute in Länder flüchten, denen es gut geht. Wie man damit umgeht, ob man sich engagiert, das ist jedem selbst überlassen. Das ist auch okay. Aber ich finde, es ist durchaus angebracht, zu akzeptieren, dass wir eins sind, unabhängig von der Hautfarbe oder Ähnlichem. Geschichte wird eben nicht mehr nur durch weiße Männer geschrieben, die in andere Länder einfallen und sagen: Das ist jetzt unseres! Es ist total möglich und nötig, dass Menschen aus aller Herren Länder die Gebiete der Weißen beschmücken und sagen: Das gehört auch uns, beziehungsweise niemandem. Lasst uns alle hier zu Hause sein.

Quelle: teleschau - der mediendienst