Hidden Figures - Unerkannte Heldinnen

Hidden Figures - Unerkannte Heldinnen





Drei Frauen, mit denen man rechnen kann

NASA-Hauptquartier, 12. April 1961: Al Harrison (Kevin Costner) tobt. Vor wenigen Stunden ist es den Russen gelungen, einen Mann ins All zu schicken und heil wieder zurückzuholen. Was, brüllt der Leiter der Space Task Group seine Untergebenen, machen wir anders als die Russen? Etwa die Hälfte des Dramas "Hidden Figures - Unerkannte Heldinnen" hat das Kinopublikum zum Zeitpunkt dieser Szene schon gesehen, und könnte dem NASA-Mann auch ohne wissenschaftliche Vorbildung einen zaghaften Erklärungsversuch anbieten: Vielleicht hat es damit zu tun, dass das wohl fähigste Mitglied des Teams stets 40 Minuten Arbeitszeit vergeuden muss, um vom Büro zur einzigen Toilette für schwarze Angestellte zu laufen.

Schon in ihrer Kindheit sah Katherine Johnson (Taraji P. Henson) die Welt anders als andere: Statt Abzählreime murmelte sie Primzahlen auf dem Schulweg, sah überall geometrische Formen. Nun, mit Anfang 40, gehört sie zu den wenigen afroamerikanischen Mathematikerinnen, die ihre Rechenkünste in den Dienst der NASA stellen - soweit es ihnen die Rassentrennung ermöglicht: Katherines Freundin Mary Jackson (Soulsängerin Janelle Monáe in ihrer ersten Rolle) etwa würde gern als Ingenieurin arbeiten, kann die nötigen Zusatzqualifikationen jedoch nur an einer Schule erwerben, die Weißen vorbehalten ist. Die dritte im Bunde, Dorothy Vaughan (Octavia Spencer), leitet de facto die weit von den weißen Kollegen abgelegene Abteilung der schwarzen Rechengenies, wird aber nicht entsprechend entlohnt.

Als Katherine an Al Harrisons Space Task Group ausgeliehen wird, um Berechnungen zu überprüfen, kollidieren die bisher strikt getrennten Arbeitswelten von Schwarz und Weiß. Eine Toilette für "ihresgleichen"? Gibt es in diesem Gebäude nicht. Um kaum gönnt sich Katherine unter den fassungslosen Blicken ihrer neuen Kollegen einen Schluck Kaffee aus der Bürokanne, steht bald eine zweite mit der Aufschrift "Für Schwarze" daneben. An den Tisch angekettet.

Sie habe "Hidden Figures - Unerkannte Heldinnen" beinahe nicht geschaut, begann Komikerin Leslie Jones in einem "Saturday Night Live"-Sketch jüngst ihre Lobeshymne auf den Film: "Ich dachte, es wäre 'The Help' im Weltall". Tatsächlich hat die afroamerikanische Schauspielerin, die sich nach ihrer Rolle in "Ghostbusters" bei Twitter kürzlich selbst widerwärtigsten rassistischen Beschimpfungen ausgesetzt sah, damit nicht ganz unrecht.

Wie 2011 Tate Taylor durchsetzt auch Theodore Melfi seine Geschichte von Diskriminierung in den USA der 60er-Jahre mit viel Witz und Wärme. Die Ungerechtigkeit, deren Zeuge man als Zuschauer wird, ließe sich ohne diese Momente sonst auch nur schwer ertragen. Zumal die drei Heldinnen von "Hidden Figures" sich nicht nur als Schwarze in einer weißen Welt, sondern auch als Frauen in einer Männerdomäne behaupten müssen. Und wurde in "The Help" der Toilettengang eines schwarzen Hausmädchens zum Politikum, wird er in "Hidden Figures" wortwörtlich zum Running Gag. Pharrell Williams, der mit Hans Zimmer und Benjamin Wallfisch den exzellenten Funk- und Soulsoundtrack zusammenstellte, unterlegte Katherines halbe Weltreisen zur Toilette sogar mit einem eigenen Thema.

Die augenscheinlichste Parallele zwischen diesen beiden aufrüttelnden und dennoch höchst unterhaltsamen Filmen dürfte jedoch Octavia Spencer sein, die für ihre Nebenrolle in "The Help" ihren ersten Oscar bekam und nun für "Hidden Figures" auf den zweiten hoffen darf. Dass nur sie und keine ihrer Kolleginnen eine der insgesamt drei Nominierungen für den Film erhielt, dürfte vor allem der großen weiblichen Konkurrenz im diesjährigen Oscarrennen geschuldet sein, denn alle drei machen ihre Sache hervorragend. "Es ist eine solche Ehre, von der Academy für diese Rolle gewürdigt zu werden", meinte Spencer nach Bekanntgabe der Nominierungen. "Achtung, Wortwitz: Ich freu mich bis zum Mond."

Quelle: teleschau - der mediendienst