Antilopen Gang

Antilopen Gang





Gewissenhaft in den Mittelpunkt

So richtig zu beneiden ist die Antilopen Gang nicht. Da braucht es zynisch gesagt erst den Suizid eines Mitglieds, um nach jahrelangem Dasein im alternativen Untergrund des Deutsch-Raps zu landesweiter Berühmtheit zu gelangen. Und dann werden sie von der Presse hauptsächlich auf zwei Dinge reduziert: den Freitod von Jakob "NMZS" Wich sowie auf ihre politisch weit links angesiedelte Orientierung. Koljah, Panik Panzer und Danger Dan - alle um die 30 - gelten gemeinhin als Fahnenträger einer neuen politischen Speerspitze in HipHop-Deutschland und müssen sich nicht mehr nur in den einschlägigen Musikmedien dazu äußern, sondern auch schon mal in der "Tagesschau". Dabei ist das Trio aus Düsseldorf und Aachen weitaus mehr als nur das politische Gewissen der Rap-Szene. Am 20. Januar erscheint ihr neues Album "Anarchie und Alltag".

Natürlich ist der Titel ihres dritten regulären gemeinsamen Albums ein deutlicher Verweis auf "Monarchie und Alltag" (1980), das Debüt der Fehlfarben, die ebenfalls nicht vor deutlichen Aussagen zurückschrecken. Und natürlich leugnen die Antilopen ihre politischen Ideale nicht. Trotzdem stellt Koljah im Interview klar: "Wenn man Kunst oder Musik macht, hat man nicht automatisch eine Verantwortung, und das würde ich auch von anderen Künstlern nicht erwarten." Doch spätestens seit ihrem Album "Aversion", das 2014 über das Label der Toten Hosen erschien, führt für die Presse kein Weg mehr an ihnen vorbei. Erste Feuilleton-Beiträge brachten die Lawine ins Rollen; spätestens mit der Single "Beate Zschäpe hört U2" war den Antilopen die Aufmerksamkeit als vermeintliche Polit-Rap-Truppe garantiert.

Entgegen dem allgemein unterstellten Politikverdruss der "Jugend von heute" steht das Trio plötzlich mit einer über Jahre ausformulierten Meinung, gespeist aus Erfahrungen, Rückschlägen und Tragödien, regelmäßig vor den Kameras, und jeder möchte sich mit ihnen schmücken. Deshalb mahnt Koljah nachdrücklich an: "Wir sind keine politische Gruppierung. Es ist uns auch wichtig, gute Musik zu machen. Das bleibt manchmal ein bisschen auf der Strecke, weil wir in den Medien zu allen Dingen unsere Meinung sagen sollen."

Eigentlich beginnt die Geschichte der Antilopen Gang bereits zehn Jahre früher - als Gangsta-Rap-Parodie-Band mit dem Namen Caught In The Crack. Schon früh überluden die - damals noch vier - Rapper ihre Songs mit Übertreibungen und formulierten einen ironischen Rundumschlag gegen den Charterfolg klischeehafter Straßenrapper. Während ihre Fanbase langsam aber stetig wuchs, nahmen sie 2009 - bereits unter der Cliquen-Bezeichnung Antilopen Gang - ihren ersten veritablen Hit auf: "Fick die Uni" erschien auf dem Gratis-Album "Spastik Desaster" und verbreitete sich im Netz rasend schnell.

Der Song ist reißerisch, provokant und durchsetzt von bissigen Zeilen wie "Ihr schreibt Texte über Texte und lest Bücher über Bücher". Der eingängige musikalische Unterbau ist die perfekte Basis für die Konformismus-Kritik und wird im weiteren Verlauf der Bandgeschichte immer ausgefeilter. Das alles ändert aber nichts daran, dass Jakob Wich, der unter dem Künstlernamen NMZS eine treibende Kraft der Gruppe ist, sich schon lange in einem depressiven Loch befunden hatte, aus dem es für ihn keinen Ausweg mehr gab. Im März 2013 nahm er sich das Leben.

Das, woran andere Bands und Künstlerkollektive zerbrechen, bewirkt bei der Antilopen Gang genau das Gegenteil. In der gemeinsamen Trauer finden die Musiker noch enger zueinander. Als sie NMZS' noch zu Lebzeiten fertiggestelltes Soloalbum "Der Ekelhafte" kurze Zeit später posthum veröffentlichten, nahmen die Medien wieder Kenntnis von der Rap-Gruppe. Ob nun als Respektsbekundung oder aus tatsächlichem musikalischen Interesse: Zahlreiche Medien berichteten über die Antilopen Gang und verhalfen ihr damit sicherlich ein Stück weit zum Vertrag bei JKP, dem Label der Toten Hosen. Durch eine unfassbare private Tragödie standen sie plötzlich am Wendepunkt - hin zum heutigen Erfolg.

Die neue Öffentlichkeit führte für sie keineswegs dazu, musikalisch Abstriche zu machen. Die Antilopen Gang sucht immer den geradesten Weg, um ihre politischen, gesellschaftskritischen und persönlichen Botschaften an den Rezipienten zu bringen. Zwar HipHopper im Kern, bedienen sie sich dabei auch zwei anderer wesentlicher Bausteine in ihrer Musik: Zum einen haben sie laut Koljah mit Danger Dan "eine absolute Refrain-Maschine" und können fast mühelos gesungene Pop-Hooks in die Welt schicken, um auch eingängig genug für die Radio-Rotation zu sein. In der aktuellen Single "Pizza" etwa wird pathetisch die weltrettende Fähigkeit der Teigplatte besungen - so poppig-fesselnd, dass auch Rap-Vermeider ihrer sympathischen Argumentation folgen dürften.

Zum anderen ist da der Punk, der sich mit seinen gewaltigen Gitarrentiraden anschickt, die Botschaften herauszubrüllen. "Es ist kein Geheimnis, dass wir die Musik auch feiern und privat davon beeinflusst sind. Deshalb passt das sehr gut zu uns", sagt Koljah über die betreffenden Songs. So ist beispielsweise "Baggersee" mit seiner Forderung, das große Problem "Deutschland" endgültig per Atombombenwurf zu lösen und den Krater einfach zum riesigen Baggersee umzufunktionieren, eine brachiale und zumindest halb ernst gemeinte Auseinandersetzung mit dem hiesigem Nationalismus. Der Reiz, den "Anarchie & Alltag" ausmacht, ergibt sich schlussendlich eben nicht nur aus dem inhaltlichen Mehrwert, sondern auch aus der virtuosen musikalischen Inszenierung.

Zu ihrem neuen Album wird die Antilopen Gang abermals eine Menge Fragen über die aktuelle politische Situation beantworten müssen; das wissen sie auch. Aber während Koljah sich vorsichtig von der Bezeichnung des Agit-Pop distanziert, gibt er selbstbewusst zu Protokoll: "Das Interesse ist aktuell einfach größer, weil die Entwicklung so rasant ist. Doch politische Musik war schon immer da, und es wird sie immer geben. Da sind wir zum Glück nicht die Einzigen."

Quelle: teleschau - der mediendienst