Harald Lesch

Harald Lesch





"Harry, hau rein!"

Dem Mann glaubt Deutschland: Harald Lesch ist eines der beliebtesten TV-Gesichter, wenn es um die Wissenschaft geht. Regelmäßig schalten über 1,6 Millionen Menschen seine ZDF-Sendung "Leschs Kosmos" ein - obwohl sie erst um 23.00 Uhr in der Nacht läuft. Am Dienstag, 7. Februar, wird die 100. Folge ausgestrahlt. Doch auch ein beliebter Moderator macht sich mal Feinde: Der 56-jährige Physiker verrät im Interview, für welche skurrilen Themen er die schlimmsten Hassmails bekommen hat und warum er wirklich Angst bekommt, wenn er an Trump denkt.

teleschau: Sie haben unlängst in Ihrer Sendung den neuen amerikanischen Präsidenten Trump mal genauer unter die Lupe genommen. Schauen Sie mit mulmigen Gefühlen nach Amerika?

Harald Lesch: Ja. Mir ist derzeit generell mulmig zumute. Und ich sage es Ihnen ganz ehrlich: Ich habe am 31. Dezember beim Silvester-Feuerwerk Angst gehabt, dass da ganz andere Dinge in der Luft explodieren können.

teleschau: Nur so ein Gefühl, oder ist Ihre Angst konkret?

Lesch: Ich fürchte mich davor, dass solche Diktatoren, solche Autokraten, wie Putin, Erdogan oder Trump einfach, aufgrund ihrer hormonellen Zustände, unverständliche Dinge auf der Welt anrichten. Die Angst, dass Nationalismen in Europa, so etwas wie gemeinsame Klimapolitik unmöglich machen, ist groß. Mir ist es unverständlich, weshalb wir aus der Geschichte nicht gelernt haben. Ich möchte bei der Zerstörungsgewalt der automatisierten Waffen, die es inzwischen gibt, gar nicht daran denken, was es bedeuten würde, wenn wir hier angegriffen würden. Dass solche Gedanken in meinem Kopf sind, hat ganz stark etwas mit dem zu tun, was in Amerika passiert.

teleschau: Also haben Sie Verständnis für die zunehmende Angst vor Terror?

Lesch: Natürlich. Ich weiß aber auch: Abgrenzung ist ganz schlecht, wir müssen uns öffnen. Und das sage ich auch immer wieder deutlich. Jeder sollte sich einbringen.

teleschau: Denken Sie, dass die Stimme des Einzelnen etwas zählt bei diesen großen Fragen?

Lesch: Aber sicher. Nur wir selbst sind für das verantwortlich, was auf der Welt passiert. Die meisten haben derzeit wohl dieses eigenartige Gefühl, dass da irgendwer mit dem Finger auf uns zeigt und sagt: "Du musst dein Leben ändern, denn so wie es jetzt ist, kann es nicht bleiben!" Es gibt eine ganze Reihe von Stellschrauben, wir alle haben die Möglichkeit, an ihnen mitzudrehen.

teleschau: Und doch gibt es wohl eine riesengroße Zahl an Menschen, die gerade jetzt stillhalten: die vielzitierte schweigende Mehrheit!

Lesch: Ja, und das ist auch erklärbar. Das ist ein bisschen wie die Angst vorm Zahnarztbesuch: Sie wissen genau, das Loch im Zahn ist da, Sie müssten zum Arzt, aber Sie verschieben es noch ein bisschen. Es handelt sich hier aber nicht um unser persönliches Gebiss, sondern wenn wir zu langsam sind, wenn wir die Entwicklung jetzt nicht aufhalten, steht wirklich etwas Großes auf dem Spiel. Es geht um das Schicksal der ganzen Welt. Wenn wir nichts tun, wird die Natur sowieso auf die veränderten Bedingungen reagieren - und das endet schlimm.

teleschau: Ist unsere Bequemlichkeit also die eigentliche Gefahr?

Lesch: Das haben Sie gesagt. Aber es stimmt schon: Viele denken wohl immer noch, dass sie mit all dem nichts zu tun haben. Europa mag auf den ersten Blick verschont bleiben, aber die Europäer sind es, die bald noch viel stärker von Migrationsströmen betroffen sein werden. Wir sollten also aus ganz eigennützigen Motiven dafür sorgen, dass es den Menschen woanders gut geht und dass sich das Klima nicht weiter erwärmt.

teleschau: Gibt es einen Zusammenhang zum aktuellen Hype um Sciencefiction-Filme? Neigen auch Sie manchmal zur Realitätsflucht?

Lesch: Ja, sagen wir, es gibt SciFi-Filme, die ich sehr ernst nehme. Zum Beispiel "Arrival" oder "Der Marsianer", diese Filme liebe ich. Den neuen Star Wars, "Rogue One", habe ich aber nicht gesehen und möchte es auch nicht. So ganz abgedrehte Sachen, das schaffe ich nicht. Ich weiß genau: So ist es nicht, und so wird es auch niemals sein. Dagegen besitzen "Arrival" oder "Der Marsianer" eine Komponente, bei der ich denke: So könnte es später wirklich mal passieren. Das halte ich wiederum für hochinteressant.

teleschau: Von außerirdischen Themen zu den irdischen Genüssen: In der 100. Folge von "Leschs Kosmos" geht es um die Gefahr des Zuckerkonsums, und jetzt stecken Sie sich gerade ein Gummibärchen in den Mund. Können Sie noch mit ruhigem Gewissen Süßes essen?

Lesch: Aber natürlich (lacht). Ich bin ja auch nur ein Mensch und bin vom Zuckerkonsum betroffen. Es gibt viele Bereiche in der Wissenschaft, da ist man ein Beobachter: Das Thema ist zwar interessant, aber man ist selbst nicht betroffen. Das ist mit Zucker anders. Schließlich geht uns die Ernährung alle etwas an. Die Folge soll eine Askese-Forderung den Zucker betreffend sein.

teleschau: Das heißt, Sie wollten mit der Sendung einen Aufruf starten, weniger zuckerhaltige Produkte zu essen?

Lesch: Bei der Zucker-Sendung haben wir zwar dieses Thema als Basis gewählt, aber eigentlich wollten wir über etwas anderes sprechen: über die Tatsache, dass wir fast nur noch verarbeitete Lebensmittel zu uns nehmen. Wir gehen nicht wie die Menschen früher auf den Markt und kaufen uns frisches Gemüse oder lassen uns vom Metzger zwei Rippchen direkt abschlachten, sondern unsere Lebensmittel sind alle schon verarbeitet. Eigentlich müsste man inzwischen mit einem Chemiebuch in den Supermarkt gehen, wenn man wirklich wissen will, was man da so zu sich nimmt. Denn auf der Verpackung stehen nur noch eine Reihe Abkürzungen und Kleingedrucktes.

teleschau: Also trägt die Lebensmittelindustrie die Hauptschuld am übermäßigen Zuckerverzehr?

Lesch: Als Konsument kannst du dich einfach nicht wehren. Unser Tagesablauf ist stark komprimiert. Da wir keine Zeit mehr haben, kochen wir auch weniger und essen meistens schnell. Zwischen Tür und Angel wird flott ein Smoothie getrunken. Das halten die meisten für gesund, dabei steckt darin so viel Fruchtzucker. Am Ende der Sendung haben wir das Kernproblem aber deutlich herausgearbeitet: Wir stellen fest, dass wir uns mehr Zeit mit dem Essen lassen müssen!

teleschau: War denn das Zucker-Thema gezielt gewählt für die 100. Folge?

Lesch: Wir haben die 100. Folge alle ziemlich verschwitzt. Plötzlich hat das Team festgestellt, dass es schon so weit ist. Das Thema der 99. Folge war "Kampf mit der Flut", das hat viel eher archaische Züge. Dass für die Jubiläumssendung Zucker auf dem Plan stand, ist nicht schlimm - eher zuckersüß. Aber egal, mit welchem Thema, die Sendung läuft sehr gut und wird vom Publikum stark wahrgenommen.

teleschau: "Leschs Kosmos" wird aber erst um 23.00 Uhr ausgestrahlt, ist das nicht eher ein ungünstiger Sendeplatz, um alle Zuschauerschichten anzusprechen?

Lesch: Da bin ich etwas hin- und hergerissen. Ich habe mal gesagt, die beste Zeit für eine gute Wissenschaftssendung ist die Nacht. Diejenigen, die dann fernsehen, haben mehr Zeit und sind entspannter. Der Sender weiß aber genau, dass nachts nicht so viele zuschauen. Natürlich würde ich mir wünschen, dass mehr junge Leute "Leschs Kosmos" anschauen, aber bei den öffentlich rechtlichen Sendern ist die Seherschaft ja ohnehin deutlich älter. Man darf nicht vergessen, dass es auch andere Möglichkeiten gibt, zu der Sendung zu kommen. Immer wieder höre ich von Schülern oder Studenten, dass sie über den YouTube-Kanal auf "Leschs Kosmos" aufmerksam geworden sind.

teleschau: Haben Sie ihren YouTube-Kanal oder die Sendung "Frag den Lesch" also gezielt gestartet, damit junge Leute Zugang finden?

Lesch: Ja. Die jungen Leute interessieren mich am meisten, darauf bin ich als Hochschullehrer geeicht. Auf die Idee eines YouTube-Kanals wäre ich trotzdem nicht gekommen, das war von der Programmdirektion gewollt. Ich meine, ich bin Mitte 50, ich bin doch kein klassischer YouTuber! Die Themen, die bei YouTube angesprochen werden, sind ganz andere als im Hauptprogramm. Wir machen dort ein bisschen Anarcho-Fernsehen. Es ist die perfekte Plattform, um sich über verschiedenste gesellschaftlich relevante Dinge herzumachen: Da gibt es ein fragwürdiges Parteiprogramm, hier wird der Klimawandel verneint, dort meint ein gewählter amerikanischer Präsident, der Klimawandel ist von den Chinesen erfunden ... Am meisten liebe ich ja die Verschwörungstheorien!

teleschau: Agieren Sie dann auch anders als bei "Leschs Kosmos"?

Lesch: Die Folgen für den YouTube-Kanal sind nicht so exakt inszeniert wie "Leschs Kosmos". Bei YouTube habe ich einen Schrank hinter mir und einen Schreibtisch davor. Dazu einen Kameramann, und dann heißt es: "So, Harry, hau rein!" Ich rege mich wirklich auf, und dann öffnen sich die Ventile, dass es nur so kracht.

teleschau: Und dann gibt es ja auch noch "Frag den Lesch", Ihr Format in dem Sie alleine einen Vortrag halten ...

Lesch: "Frag den Lesch", das ist die Verlängerung von "Alpha-Centauri". Um "Abenteuer Forschung" weiterzumachen, war es damals einer meiner Wünsche, auch wieder ein Format zu bekommen, bei dem ich meine Viertelstunde habe, wo ich mich in Ruhe über etwas so richtig auslassen kann. Ich bin beeindruckt, wer alles "Frag den Lesch" anschaut, da kommen häufig hoch kompetente Fragen.

teleschau: Aber es gibt heutzutage auch sehr direkt negatives Feedback, oder?

Lesch: Oh ja. Teilweise geht es richtig zur Sache, dann gibt es richtig Gegenwind. Die Leute schreiben eben unverblümt, was ihnen nicht passt, was okay ist, bis hin zu schweren Hassmails - was unter keinen Umständen okay ist. Nachdem ich eine Sendung zum Thema "Woher kommt Hass" gemacht habe, warteten einige extrem unfreundliche Mails auf mich. Diejenigen, die eigentlich Thema waren, konnten das irgendwie nicht ertragen. Dazu habe ich böse Briefe bekommen, da ich mich mit dem AfD-Parteiprogramm bezüglich des Klimawandels auseinandergesetzt habe. Die allerschlimmsten Hass-Nachrichten habe ich jedoch wirklich erhalten, als ich erklärt habe, dass die Erde eine Kugel ist. Ich wurde als Erdkugelfaschist beschimpft! Da war selbst ich wirklich sprachlos.

teleschau: Verzweifeln Sie da manchmal? Oder denken Sie, dann muss ich es eben noch mal erklären?

Lesch: Bei so etwas denke ich einfach nichts mehr. Als mein Kollege, mit dem ich den YouTube-Kanal mache, mit dem Thema "Die Erde ist eine Scheibe" kam, meinte ich nur: "Also Bitte!" Aber ob Sie es glauben oder nicht, es gibt eine große Gemeinde im Internet, die der Meinung ist, die Erde sei wirklich flach. Ich hätte nie gedacht, dass diese Sendung so einen Aufruhr verursacht.

teleschau: YouTube-Kanal, Hochschullehrer, Moderator, Autor ... - Gibt es überhaupt noch etwas, das Sie reizen würde?

Lesch: Wir haben letztes Jahr einen Dreiteiler über Martin Luther und die Reformation gedreht. Ich bin mit einer Gruppe von Leuten durch Deutschland, die Schweiz und auch Italien gefahren, und wir haben viele Takes aufgenommen. Das war eine großartige Erfahrung und ein riesiges Vergnügen. Ich habe, als ich jung war, lange mit mir gerungen, ob ich nicht Geschichte studieren soll, weil es mich sehr interessiert. Wenn ich heute große Vorlesungen mit dem Titel "Geschichte der Natur" halte, dann versuche ich sozusagen, das Naturwissenschaftliche und das Historische zusammenzubringen. Mich faszinieren die historischen Abläufe, die nur einmal passieren können.

teleschau: Gibt es ein Thema, um das Sie sich hingegen auf keinen Fall kümern würden?

Lesch: Natürlich. Ich könnte mich nicht mit bildender Kunst oder einer Oper von Richard Wagner beschäftigen. Das wäre einfach nicht meine Sache.

Quelle: teleschau - der mediendienst