Uwe Kockisch

Uwe Kockisch





Es lebe der Minimalismus!

Uwe Kockisch als Kommissar? Kennt man schon, denkt man. Immerhin ist der fast 73 Jahre alte Schauspieler seit fast anderthalb Jahrzehnten als Commissario Brunetti in Venedig unterwegs. Der starke ZDF-Krimi "Ein Kommissar kehrt zurück" (Montag, 23. Januar, 20.15 Uhr) vom vielfach preisgekrönten Kreativduo Magnus Vattrodt (Buch) und Matti Geschonneck (Regie, "Das Zeugenhaus") ist jedoch ein anderes Kaliber: Fernsehen zum Beobachten und Fühlen, an Worten wird nur das Nötigste gewechselt. Dafür wartet das packende Psychoduell mit einer stark erzählten Geschichte und brillantem Schauspiel auf. Berufsveteran Uwe Kockisch über miese und gute Krimis im deutschen Fernsehen, über Fehler im Leben und den eigenen Rentenplan.

teleschau: Filme von Magnus Vattrodt und Matti Geschonneck stechen aus dem deutschen Krimi-Einerlei klar heraus. Warum?

Uwe Kockisch: Besondere Qualität entsteht dadurch, dass man etwas anders oder besser macht. Beides ist hier der Fall, finde ich. Die Dramaturgie unterscheidet sich von der üblicher Fernsehfilme. "Ein Kommissar kehrt zurück" erinnert eher an ein Schachspiel.

teleschau: Weil sich der Kommissar und sein Verdächtiger über 90 Minuten belauern und in einem Psychoduell gegenüberstehen?

Kockisch: Ja, daraus bezieht das Ganze seine Spannung. Es ist jedoch ein subtiler Kampf, und so was ist selten geworden im Fernsehen. Hier werden Vorurteile und ihre Bestätigung beziehungsweise ihr Ausbleiben verhandelt. Am Ende muss auch der Zuschauer seine Erwartungen und Urteile hinterfragen. Gerade heute, da jeder immer schnell eine Meinung hat, ist das eine ganz wichtige Übung, wie ich finde.

teleschau: Das Spiel mit Erwartungen des Zuschauers ist ein typisches Kennzeichen der Drehbücher von Magnus Vattrodt. Hinzu kommt der besondere Regiestil von Matti Geschonneck ...

Kockisch: Ja, ich liebe seine Art, Filme zu machen. Deshalb bin ich auch immer voller Vorfreude, wenn ich eines seiner Projekte zum Lesen bekomme. Bei Geschonneck-Filmen darf man zuschauen und muss nicht die ganze Zeit zuhören. Bei viel zu vielen Filmen wird heute die Handlung rein über die Sprache transportiert. Als ob man nicht mehr den Mut hätte, auf Schauspieler zu vertrauen.

teleschau: Sie spielen in der Tat einen sehr wortkargen Kommissar!

Kockisch: Ja, großartig. Man darf mehr spielen und weniger reden. Ich liebe dieses minimalistische Spiel. Es macht mir mehr Spaß, als einfach loszuhacken und die großen Brocken zu werfen. Film ist in erster Linie Bild. Schauspieler spielen und sagen keine Texte auf. Spielen heißt auch, nicht alles auszusprechen. Das haben viele Autoren und Regisseure heute vergessen. Bei Geschonneck ist das anders.

teleschau: Was an diesem Film ebenfalls erstaunt, ist seine intensive Langsamkeit. Das Erzählen erinnert fast an alte französische Krimis wie von Claude Chabrol. Warum sind heute viele Krimis so wendungsreich und hektisch?

Kockisch: Das liegt an der Unsicherheit der Produzenten, vielleicht auch der Redakteure. Die wollen sich auf etwas legen, das auf jedem Fall funktioniert. Dabei entstehen schablonenhafte und unglaubwürdige Geschichten. Oft werden Dinge dreimal erzählt, damit das auch noch jener Zuschauer mitbekommt, der zwischendurch zweimal aufs Klo musste. Aus einer Angst heraus werden Zuschauer heute oft dümmlich behandelt. Man sollte die Leute zuschauen lassen und nicht belehren. In den meisten unserer Fernsehfilme wird meiner Ansicht nach zu sehr belehrt.

teleschau: Wie reagieren Sie als Schauspieler auf diesen Zustand?

Kockisch: Ich schaue, ob das Drehbuch meiner Rolle ein Geheimnis lässt, das ich spielen kann. Sollte es dieses Geheimnis nicht geben, weil schon alles mit Worten ausgeplappert wurde, sage ich in der Regel ab. Ansonsten kommt es natürlich auf die Qualität der Geschichte an.

teleschau: In "Ein Kommissar kehrt zurück" kehrt ein pensionierter Ermittler zu einem 20 Jahre alten Fall zurück, der ihn nicht loslässt. Kennen Sie dieses brennende Bedürfnis, im fortgeschrittenen Lebensalter noch etwas reparieren zu müssen?

Kockisch: Klar, wenn ich auf mein Leben zurückblicke, gibt es viele Dinge, die ich im Nachhinein gern verbessern würde. Da denke ich dann zum Beispiel: In dieser Sache hättest du präziser oder toleranter sein sollen. Natürlich kann man nicht alles wieder gutmachen. Einiges ist einfach vorbei. Im Alter noch etwas Gutes und Sinnvolles vorzuhaben, ist aber grundsätzlich zu empfehlen. Es hält den Motor am Laufen, der sonst ins Stottern kommen könnte.

teleschau: Kennen Sie auch das Gefühl, eine Schuld abladen zu wollen? Dass man sich im wahrsten Sinne des Wortes entschuldigen will?

Kockisch: Ja, das kenne ich sehr gut. Ich habe öfter das Bedürfnis, noch mal bei jemandem vorstellig zu werden, um die Dinge noch mal anders zu bereden als früher. Mit dem Alter stellt sich allerdings ein Problem ein. Je länger man wartet, desto größer ist die Gefahr, dass es diesen Anderen nicht mehr gibt.

teleschau: Glauben Sie, dass Mordermittler besonders gefährdet sind, Schuld auf sich zu laden?

Kockisch: Ja, das scheint mir fast so. Ich habe viele Krimis gespielt und mich zur Vorbereitung auch immer wieder mit echten Ermittlern ausgetauscht. Das ist schon ein Beruf, der ziemlich an die Nieren geht. Wenn mir die Leute Einblick in ihr Seelenleben gaben, merkte man, dass die hochsensibel waren und auch viele Dinge niemals vergessen konnten. Insofern ist dieser Film beziehungsweise meine Figur keineswegs unrealistisch.

teleschau: Warum sind Sie eher der Kommissartyp und werden nicht so oft als Verbrecher besetzt?

Kockisch: Ich finde gar nicht, dass es so ist. Ich habe auch öfter dunkle Typen verkörpert. Wahrscheinlich brannten sich die Kommissare einfach stärker ein, weil sie mehr Aufmerksamkeit auf sich zogen. Den Brunetti in "Donna Leon" spiele ich schon sehr lange. Dazu kommen Ermittler-Rollen, die einfach sehr stark waren. So wie in diesem Film hier oder in Dominik Grafs "Eine Stadt wird erpresst". Bei Geschonneck und Graf den Kommissar spielen zu können, ist einfach sehr dankbar - weil das zwei herausragende deutsche Regisseure sind, die viele Dinge anders machen.

teleschau: Beide machen besonderes Fernsehen. Jedoch auf unterschiedliche Weise ...

Kockisch: Klar, Geschonneck hat für mich so einen Touch vom Französischen: das Ruhige, das Psychologische beherrscht er wie kein Zweiter bei uns. Sehen Sie, ich bin groß geworden mit Lino Ventura. Das waren Filme mit Ausstrahlung, die waren abenteuerlich und vital. Graf hingegen hat etwas anderes: so eine andere Explosivkraft, das ist ein Hochenergetiker. Da wird es auch mal laut am Set, damit kann nicht jeder. Ich mag es, weil da eine Kraftübertragung stattfindet. Man kann auch sehr gut mit ihm streiten.

teleschau: Sie werden Ende Januar 73 Jahre alt. Wie ist Ihre Arbeitsstrategie für einen Lebensabschnitt, in dem viele ihre Rente genießen.

Kockisch: Ich arbeite gern und regelmäßig. Eigentlich ist es sogar ziemlich viel derzeit. Im letzten Jahr habe ich zwei "Donna Leon"-Filme gedreht und danach noch einen Film in Köln, auf den ich sehr gespannt bin. In diesem Jahr kommt eine neue Staffel "Weissensee". Danach geht es wieder nach Venedig, für zwei weitere "Donna Leon". Für das Jahr 2017 bin ich ausgebucht.

teleschau: Es gibt also kein Bedürfnis kürzer zu treten?

Kockisch: Wenn die Sachen gut sind, muss ich das nicht. Es gibt ja auch viel Quatsch. Grundsätzlich habe ich Angst vor jedem Drehbuch, das auf meinem Tisch liegt. Momentan habe ich da etwas liegen, wofür ich schön weit weg in die Welt fahren könnte. Ein Ort, an dem ich noch nie war mit traumhaften Stränden. Doch ich gucke mir die Geschichte an, und es stimmt eben nicht! Ich will den Zuschauer nicht belügen, in dieser Hinsicht bin ich ein altmodischer Moralist. Da empfinde eine Verantwortung gegenüber dem Zuschauer. Weswegen ich das leider nicht machen kann. Und die Strände muss ich mir dann vielleicht in einem Dokumentarfilm ansehen.

Quelle: teleschau - der mediendienst