Matthias Matschke

Matthias Matschke





Die Epoche des Matthias Matschke

Auf das vergangene Jahr zurückzublicken, fühlt sich für Matthias Matschke seltsam an. Zum einen denkt er lieber in Epochen, sagt er. Zum anderen befinde er sich gerade "in einem völlig anderen Aggregatzustand" als noch vor ein paar Wochen. "Ich freue mich sehr, dass ich mal wieder Zeit für meine Familie habe, ein Buch lesen kann und nicht frühmorgens in Belgien in der Maske sitze und flämische Brocken spreche." Seltsam aber vor allem deshalb, weil 2016 ein ebenso großartiges wie hochgradig verstörendes Jahr war, insbesondere für Matschke als Schauspieler und für Matschke als Berliner. "Dieses Nebeneinander zu begreifen, ist für mich, wie wahrscheinlich für alle, eine große Aufgabe." Der Berliner macht noch immer einen Bogen um den Breitscheidplatz. Der Schauspieler spielte 2016, unter anderem, im herausragenden TV-Thriller "Der Fall Barschel" auf, feierte Premiere als Kommissar im "Polizeiruf 110" aus Magdeburg, bekam den Comedypreis für die ZDF-Serie "Sketch History", tauchte noch im Weihnachts-Mehrteiler "Winnetou" bei RTL auf, arbeitete lange und intensiv an der neuen ZDF-Reihe "Professor T." (ab Samstag, 04.02., 21.45 Uhr). Damit ist Matthias Matschke, bekannt aus unzähligen Nebenrollen, denen er das gewisse Etwas hat angedeihen lassen, da angekommen, wo er hingehört: in der Titelrolle.

"Es ist für uns Menschen schwer zu verstehen, dass das Leben ein plurales Erleben ist", formuliert es Matthias Matschke beim Blick zurück auf das Jahr 2016. "Neben den schlimmen Anschlägen, neben der Verrohung von politischer Auseinandersetzung und dem Rechtspopulismus, der sich bedenklich in unser bundesrepublikanisches Leben eingeschlichen hat, steht gleichzeitig viel Schönes, wie für mich zum Beispiel: 'Ich darf bei Winnetou mitmachen." Dieser Zustand wirft Fragen auf: "In welchem Verhältnis stehe ich zu dieser Welt? Wie nahe ist der Breitscheidplatz von meiner Wohnung entfernt?"

Der Hesse Matthias Matschke, aufgewachsen bei Darmstadt, ist seit über 25 Jahren überzeugter Berliner. Der Anschlag an der Gedächtniskirche kurz vor Weihnachten wirkt nach. "Da ist ein stiller Schmerz, den man weiter in sich trägt." Bislang hat er es vermieden, an Ku'damm oder Tauentzien vorbeizufahren. Unter dem Hashtag "beautyofberlin" veröffentlicht Matschke bei Instagram Fotos seiner Hauptstadt, schöne, schräge, stimmungs- und andeutungsvolle Momentaufnahmen. Nach dem Attentat kommentierte er ein Bild von einem Blumenmeer: "Nobody, I repeat nobody can take away the #beautyofberlin: Let's stay open and tolerant and beautiful in our very unique way". Da hat der 48-Jährige eine klare Haltung. "Das ist wie ein Glaubensbekenntnis. Hier lebt man anders, das ist hart verdient und mitunter hart geprüft. Die Schönheit und Eigenheit liegen in dem vielen Nebeneinander und Miteinander der Menschen. Das ist meine feste Überzeugung. Deswegen sollten wir alle ein Berliner sein."

Zu dieser Zugewandtheit passt Matthias Matschkes Leidenschaft fürs Fotografieren, die auch eng mit seinem Beruf verknüpft ist. "Ich schaue so gerne Menschen zu. Ich kann nicht wegschauen, ob beim Blutabnehmen oder einfach bei meinem Gegenüber in der S-Bahn. Deswegen fotografiere ich und deswegen spiele ich." In beiden Disziplinen hält er es mit dem Fotografen-Leitsatz "Ausschnitt ist alles", der Betonung der Details. "Daraus lässt sich dann ein ganzes Bild entspinnen." Man nehme zum Beispiel seine neueste Figur, "Professor T.", der zunächst in vier Folgen jeweils nach dem Samstagskrimi im ZDF seinen großen Auftritt hat. Jasper Thalheim ist ein brillanter Kriminalpsychologe mit allerlei Befindlichkeiten, für die Matschke den schönen Begriff "Sozial-Katarrh" erfunden hat. "Er steht wie ein unangenehmes Kunstobjekt in jedem Raum." "T." hat eine ausgeprägte Phobie vor Keimen, derer er sich durch das Tragen blauer Gummi-Handschuhe zu erwehren versucht. "Man kann sagen, der Typ hat einen Fimmel. Aber warum ist das so? Ab da geht's los!"

"T." wird von seiner ehemaligen Studentin, die nun Kommissarin ist, herangezogen, wenn ein Fall kompliziert wird. Dann gibt es da noch die Kriminaldirektorin, eine Verflossene von T. Ein Vergleich des ebenso begnadeten wie neurotischen Fachmanns "T." mit "Monk" oder "Dr. House" trägt nicht weit. Die ZDF-Produktion basiert auf der gleichnamigen belgischen Serie, weshalb die Innenaufnahmen auch in Antwerpen gedreht wurden, während die Handlung in Köln angesiedelt ist. "Einfach nur die belgischen Szenen auf Deutschland zu übertragen, hätte nicht funktioniert. Die Grunddisposition ist sehr gut, aber wir haben die Fälle miteinander verknüpft, wie sie vorher nicht verknüpft waren und so etwas ganz Eigenes daraus kreiert."

Man könnte sagen, "T." ist Matschkes zweite Hauptrolle in einer öffentlich-rechtlichen Krimireihe innerhalb eines Jahres. Am Sonntag, 12.02., ermittelt er in seinem zweiten Fall als Dirk Köhler, neuer Hauptkommissar an der Seite von Claudia Michelsen im MDR-"Polizeiruf 110" aus Magdeburg ("Dünnes Eis", 20.15 Uhr, ARD). Matthias Matschke sieht das differenzierter: "T. ist kein Ermittler, sondern eine verquere Figur. Nach meinem Gefühl bin ich nicht in zwei Kriminalstücken tätig. Nicht nur die Figuren sind sehr unterschiedlich, sondern auch die Konsistenz der TV-Reihen."

Als Nebendarsteller hat der extrem wandelbare Matschke, "ein Kind der Berliner Volksbühne", vor allem als "Pastewka"-Bruder Hagen und ehemaliger "Helen Dorn"-Partner Gregor Georgi Popularität erlangt und es auch in internationale Kinoproduktionen geschafft ("The Grand Budapest Hotel", "Die Bücherdiebin"). Inzwischen hat sich auch die Wahrnehmung seiner Person auf der Straße verändert. "Ich bin jetzt nicht mehr der Bruder von Pastewka, sondern dieser 'Matsche' oder 'Maschke', das ist dann schon verdammt nah dran an der Wahrheit", lacht Matschke. Diese Anerkennung seiner Arbeit freut den Schauspieler aufrichtig. Doch zwischen der öffentlichen und der privaten Person wird strikt getrennt. "Solange der öffentliche authentisch ist, darf es auch einen privaten Matthias Matschke geben. Ich brauche etwas, wo ich ganz für mich bin. Was ich tue, muss ja nicht auf meine Nächsten und Liebsten abstrahlen."

Nun beginnt 2017 im Grunde so, wie 2016 aufgehört hat: der öffentliche Matthias Matschke auf sämtlichen Kanälen. "Vieles von dem, was ich gepflanzt habe, ist reif und kann geerntet werden", sagt er und fügt lachend hinzu: "Aber ich pflanze ja immer noch heimlich." Wahrscheinlich hat die Epoche Matschke gerade erst angefangen.

Quelle: teleschau - der mediendienst