Die schönen Tage von Aranjuez

Die schönen Tage von Aranjuez





Sperriger Sommer

Wim Wenders verfilmt ein Thearterstück seines Freundes Peter Handke: In dem auf Französisch gedrehten 98-Minuten-Dialog zwischen einem Mann und einer Frau geht es um das Wesen der Liebe und die Unterschiedlichkeit, wie sie aus männlicher beziehungsweise weiblicher Perspektive gesehen wird. Doch Vorsicht! Wer glaubt, das Ganze wäre eine Art "Romantic Dramedy" mit Hochkultursiegel, wird auf seinem Kinositz ungeahnte Qualen erleiden. Wenders inszenierte in nur zehn Tagen unter freiem Himmel den ungekürzten Originaltext Handkes, weshalb sich der Zuschauer auf dessen hochpräzise, aber auch sperrige Sprache einlassen muss. Immerhin gibt es auch Sinnliches: Vogelgezwitscher, Sangesballaden mittlerweile toter oder alter Männer und einen Sommergarten in 3D.

Handkes Frau, die französische Schauspielerin Sophie Semin, und ihr Landsmann Reda Kateb ("Zero Dark Thirty") spielen die Hauptrollen, der famose Jens Harzer, der als Bösewicht im letzten Tukur-"Tatort" Aufsehen erregte, gibt den Schriftsteller im Hintergrund. Und dann sind da noch zwei Kurzauftritte: Handke selbst, ein passionierter Gärtner, ist als selbiger in einer kurzen Szene zu sehen. Und Nick Cave, ebenfalls ein alter Buddy Handkes und Wenders' - gemeinsam gestaltete man 1987 "Der Himmel über Berlin" - sitzt in einer Szene am Flügel und spielt seine wunderschöne Ballade "Into Your Arms".

Nun kann man viele dieser kleinen Dinge aufzählen, die dem Ganzen eine gewisse popkulturelle Verträglichkeit geben. Zum Beispiel jene Jukebox im Inneren des Hauses, die der Inszenierung mit ruhigen Songwriterwerken von etwa Lou Reed oder Gus Black Trennelemente zum Durchatmen verpassen. Dem gegenüber stehen jedoch Sätze, die man hochkonzentriert anhören und durchdenken muss - im Kino lediglich abgefedert durch die ständig präsenten Sommerwinde und Vogelstimmen.

Handkes Hauptfiguren, vielleicht ein ehemaliges Liebespaar mittleren Alters, geben sich auf der Terrasse des Hauses, das auf einem Hügel gelegen den Blick auf ein Paris in der Ferne freigibt, einem reinen Dialog hin. Meistens stellt der Mann Fragen, die Frau antwortet. Wie war deine erste Liebe? Wie dein erstes Mal?

Wer nun auf tiefenpsychoanalytische Erkenntnisse im Stil der amerikanischen Therapieserie "In Treatment" hofft, dem muss man leider sagen: Peter Handke ist ein Dichter, kein Therapeut und schon gar kein Drehbuchautor. Die Sprache, die er seinen Protagonisten in den Mund legt, ist eine lange Exegese über die Unmöglichkeit einer andauernden, paradiesisch-naiven Liebe. "Die schönen Tage von Aranjuez", der Untertitel lautet "Ein Sommerdialog", ist 2012 als schmales Bändchen von 70 Seiten erschienen.

Damals war Peter Handke 70 Jahre alt, der behutsame Regisseur seiner Zeilen, Wim Wenders, ist nun 71. Man kann ihr aus jeglicher Zeit gefallenes Kinowerk als sprachlich brillantes, philosophisch-lyrisches Extrakt der Melancholie aus der Summe eines satten Lebens begreifen. Oder aber als realitätsfernes Philosophiegeschwafel von der Kanzel der Hochkultur abtun, weil es ohne Ende nervt.

Beide Sichtweisen werden Befürworter finden. Wenn am Ende eine nicht näher erläuterte Apokalypse über den friedlich melancholischen Sommergarten hereinbricht, ist der Zuschauer dann doch berührt. Kurz zuvor springt Reda Kateb von seinem Gartenstuhl auf, um auf dem Rasen mit fast kindlichem Enthusiasmus ein paar Kreise laufen. "Hey, eine Aktion! Hatten wir denn nicht vereinbart: keine Handlung, nichts als Dialog?", ermahnt ihn die Frau. Gut, dass der Kerl einmal vom Vereinbarten abgewichen ist. Denn es wird klar: Film ist eben auch Aktion, nicht nur Sprache.

Quelle: teleschau - der mediendienst