Jackie

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Nur nicht vergessen werden

"Entschuldigung, wissen Sie, wer James Garfield war", fragt Jackie Kennedy zaghaft ihren Chauffeur, "oder William McKinley?" Der Fahrer verneint. Doch Abraham Lincoln, den kennt er. Die First Lady bedankt sich höflich. Sie weiß nun, was sie wissen muss, was sie zu tun hat. Denn James A. Garfield und William McKinley waren US-Präsidenten, die im Amt erschossen wurden. Wie Abraham Lincoln. Und ihr eigener Mann vor wenigen Stunden. Noch immer unter Schock, das rosa Tweedkostüm blutverschmiert, ahnt die frisch Verwitwete, dass die Entscheidungen, die sie nun treffen muss, ausschlaggebend dafür sein werden, ob und wie sich das amerikanische Volk an John F. Kennedy erinnern wird. Diese Tage der Entscheidung sind es, die Regisseur Pablo Larraín in "Jackie" am meisten interessieren.

Biopic wäre das falsche Wort für diesen Film über Jacqueline Kennedy, dafür ist die Zeitspanne, die er umfasst, schlicht zu kurz. Das Publikum wird hier nichts über die Kindheit der Jacqueline Bouvier erfahren, nichts über die traurige Ehe der Jackie Onassis. Selbst das turbulente Eheleben mit JFK ist dem Drehbuchautor Noah Oppenheim kaum mehr als eine Fußnote wert. Es sind die Tage zwischen der Ermordung und der Beerdigung John F. Kennedys, die er in den Fokus rückt, die Tage zwischen dem 22. und 25. November 1963.

Um zu verdeutlichen, wie sehr sie Jackie Kennedy (Natalie Portman) veränderten, wählte Regisseur Pablo Larraín noch zwei zusätzliche Fixpunkte für seinen prachtvoll ausgestatteten Film: Zum einen bettet er die Handlung in ein Interview ein, das ein Reporter (Billy Crudup) etwa eine Woche nach dem Attentat mit der Witwe führte. Das Gespräch ist der Anlass, die dramatischen Ereignisse der vorausgegangenen Tage Revue passieren zu lassen. Dabei kommt die Rede auch auf ein Fernsehereignis aus dem Vorjahr, das dem Kinozuschauer fortan in nachgedrehten Einsprengseln immer wieder die "alte" Jackie Kennedy zeigt: Ihre Führung durch das Weiße Haus, die am 14. Februar 1962 von CBS gesendet wurde und 50 Millionen Amerikaner vor die Fernseher lockte.

Die Jackie Kennedy, die den Fernsehzuschauern damals Einblick in das Heim des Präsidenten gab, wirkte noch etwas naiv und unsicher, wich mit ihren Blicken scheu der Kamera aus. Der Kontrast zu der Frau, die eineinhalb Jahre später einem Journalisten gegenübersitzt, könnte kaum größer sein. Selbstsicher, schnippisch, regelrecht arrogant diktiert sie dem Reporter, was er schreiben darf. Diese Frau weiß genau, was sie will - und vor allem, was sie nicht will. Zu viele Widerstände hat sie in den Tagen zuvor überwinden müssen, als dass sie jetzt wieder einem anderen die Kontrolle überlassen könnte.

Der stetige Wechsel zwischen den Zeitebenen macht "Jackie" zu einem Film, der viel Konzentration und auch ein wenig Aufgeschlossenheit erfordert. Er erlaubt Pablo Larraín jedoch auch, die vielen verschiedenen Seiten dieser oft porträtierten Frau zu zeigen, der man so nah im Kino noch nie gekommen ist. Den Wechsel zwischen jenen Facetten, den Übergang von der "alten" zur "neuen" Jackie, meistert Natalie Portman mit Bravour. Ihr Spiel und Larraíns gut durchdachte Inszenierung lassen den Druck nachfühlen, unter dem die kühle Schönheit nach dem Tod ihres Mannes stand, fest entschlossen, ihm seinen Platz in der Geschichte zu sichern.

Dass ihre eigene Eitelkeit, der Aufbau ihres eigenen Images dabei keine ganz unwesentliche Rolle spielte, soll dabei nicht verschwiegen werden. Denn schließlich gerieten nicht nur die ermordeten Präsidenten James A. Garfield und William McKinley in Vergessenheit - sondern auch ihre Frauen Lucretia Garfield und Ida McKinley.

Quelle: teleschau - der mediendienst