Johanna Wokalek

Johanna Wokalek





Liebe, Schweigen, Tod

Familiengeschichten, die zu historisch bewegter Zeit spielen, werden oft nur aus einem Grund erfunden: Es geht darum, diese Zeit möglichst gefühlssatt abzubilden. Entsprechend hoch ist das Risiko, dass "Mustercharaktere" klischeehafte Dinge tun, die jene Zeit im dramatischen Sinne ausmachten. Ganz anders und viel besser ist dies im ZDF-Zweiteiler "Landgericht - Geschichte einer Familie" gelungen, einem deutschen Kriegs- und Nachkriegsdrama nach dem mit dem Deutschen Buchpreis geadelten Roman "Landgericht" von Ursula Krechel. Dass diese 210 Filmminuten zum Besten gehören, was man in diesem Jahr an deutscher Fiction im TV zu sehen bekommt, liegt auch am brillanten Spiel der beiden Hauptdarsteller Ronald Zehrfeld und Johanna Wokalek.

Dass Johanna Wokalek einen Fernsehfilm bewirbt, kommt nicht alle Tage vor. Tatsächlich muss die immer noch mädchenhaft wirkende 41-Jährige an einem kalten Wintertag in Hamburg lange nachdenken, wann sie da letzte Mal für ein TV-Produkt engagiert war. Nach einigem Grübeln gibt sie auf. Es könnte ein neun Jahre alter Frankfurter "Tatort" gewesen sein, sagt die Recherche. In der Tat kennt man die gebürtige Freiburgerin vorwiegend aus dem Kino: als Tiffany in "Anleitung zum Unglücklichsein", als Gudrun Ensslin in "Der Baader Meinhof Komplex" oder als Sönke Wortmanns "Die Päpstin". Große Projekte, große Hauptrollen - und dennoch platzt die Filmografie der schlanken Erscheinung mit dem Charaktergesicht nicht aus allen Nähten.

In den letzten Jahren ist sie sogar sehr schmal geworden, was aber wohl nicht mit einem Karriereknick zu tun. Johanna Wokalek spielte immer viel Theater, allein 14 Jahre am Wiener Burgtheater. Außerdem wurde sie Mutter. Angesprochen auf ihr für Schauspieler ungewöhnliches Rarmachen, sagt sie: "Ich muss bei jedem Film eine Notwendigkeit in mir spüren, ihn unbedingt machen zu müssen. Dazu kommt, dass mein Sohn gerade mal vier ist. Da wollte ich in den letzten Jahren auch einfach öfter zu Hause sein." Künstlerpersönlichkeit trifft familiäre Notwendigkeit, beide Überzeugungen nimmt man ihr ab.

Hinzu kommt, dass Johanna Wokalek mit einen der wohl meistbeschäftigten Männer im deutschen Kulturbetrieb verheiratet ist. Thomas Hengelbrock, Chefdirigent des NDR Elbphilharmonie Orchesters in Hamburg. Ein Mann, der in diesen Tagen, da Hamburgs neues Wahrzeichen eröffnet wurde, im Fokus der kulturell interessierten Weltöffentlichkeit steht.

Immerhin fand seine musikalisch sehr interessierte Ehefrau, mit ihrem 17 Jahren älteren Mann arbeitet sie auch künstlerisch immer wieder mal zusammen, noch die Zeit für eine außergewöhnliche Fernseharbeit: "Landgericht" erzählt die Geschichte des jüdischen Richters Richard Kornitzer (Ronald Zehrfeld) und seiner "arischen" Frau Claire (Wokalek) erzählt. 1938 schaffen sie es, ihre fünf und acht Jahre alten Kinder nach England zu einer Gastfamilie ausreisen zu lassen. Während Richard das NS-Regime in Kuba überlebt, wohin er als einziger ein Visum erhielt, hält seine Frau den Krieg in Deutschland aus. Ab 1947 versucht die getrennte Familie wieder zusammenzufinden. Zwar sind alle noch am Leben, doch an das Glück von einst kann man nicht mehr anknüpfen.

Ursula Krechels komplexer Familienroman "Landgericht", der auf einer wahren Geschichte beruht und 2012 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde, gilt als sperriges, bisweilen sprödes Meisterwerk. Ein Buch der subtilen Gefühle und Charakterzeichnungen. Dass Johanna Wokalek die 500 Seiten dicke Romanvorlage ebenso intensiv gelesen und bearbeitet hat, wie Heide Schwochows ("Bornholmer Straße") Drehbuchadaption, war für die Schauspielerin selbstverständlich. Weil sie für ihre Arbeit schon immer die Ausstrahlung der Worte benötigte, sagt sie. In diesem Fall sind es der Sound der Worte und Sätze Ursula Krechels. "Mir hat das Lesen des Romans auch insofern sehr geholfen, weil er insbesondere das Vergehen von Zeit sehr spürbar macht", erzählt Wokalek. "Das ist ja auch ein wesentlicher Punkt im Film, weil wir einen langen Zeitraum erzählen. Der Roman ist ganz abgegriffen, viele Stellen sind markiert. Oft habe ich direkt vor dem Dreh einer Szene die entsprechende Stelle noch mal gelesen."

Dennoch lobt die Hauptdarstellerin auch das Drehbuch und sagt, "die Heide hat das unheimlich gut gemacht". Denn eigentlich, so der Tenor der Literaturkritik, wäre dieser Roman nicht zu verfilmen: unzählige Schauplätze, mehrere Jahrzehnte Handlung und die wichtigen Prozesse spielen sich alle im Inneren der Protagonisten ab. "Es gibt viele Abschiede", sagt Wokalek. "Von den Kindern, vom Mann, vom Leben als berufstätige Frau. Es geht ums Alleinsein und die Hoffnung, eine zerrissene Familie wieder zueinander führen zu können. Jeder Mensch hofft, das ist etwas zutiefst menschliches. Die Familie in 'Landgericht' hatte aber gar nicht die Chance, dieses Grundrecht, wieder Familie zu sein, erfüllt zu sehen. Sie kämpfen ein Leben lang darum und sind dabei Gefangene ihrer selbst und der Zeit, in der sie leben. Das ist das Tragische."

Das wunderbar Subtile an "Landgericht" ist, dass von einer vierköpfigen Familie erzählt wird, die trotz "schlechter Prognose" Holocaust und Krieg überlebt. Die aber dennoch einen inneren Tod stirbt. Als sich das moderne und erfolgreiche Paar aus dem Berlin der 30-er nach dem Krieg wiederfindet, versucht es alles, um sein ehemalige Glücksgefühl in der jungen Bundesrepublik wiederzufinden. Doch die Kinder, die in England aufgespürt werden, möchten - mittlerweile fast erwachsen - nicht mehr zu den Eltern zurückkehren. Eine der brettharten Erfahrungen, die Richard und Claire im Film schlucken müssen.

"Nach zehn Jahren ist es natürlich nicht mehr so, wie es einmal war", analysiert Wokalek. "Die beiden wollen sich wieder finden, aber sie haben auch Angst zu reden. Was ich auch verstehe. Man kann dabei so viel falsch machen oder zerstören. Man wartet also auch auf den richtigen Moment, dass man miteinander spricht. Aber wann ist der? Und da ist es wieder, dieses Hoffen - auf den richtigen Moment." Johanna Wokalek spielt diese Claire beeindruckend präzise, authentisch. Fast wie eine Frau aus dem echten Leben und eben nicht aus einem TV-Drama. Regisseur Matthias Glasner ("Der freie Wille"), in dessen künstlerischen Werk die Themen Schweigen und Schuld eine lange Tradition aufweisen, hat den Zerfall eines Liebespaares mit beeindruckender Zurückhaltung inszeniert. Kaum eine Szene tappt in die weiträumig aufgestellten Fallen der Plot-Melodramatik rund um ins Ausland verschickte Kinder und ein tragisch über lange Jahre zwangsgetrenntes Liebespaar.

Irgendwann, zu Beginn des besonders starken zweiten Teils von "Landgericht", übernimmt das Schweigen jenes Paar, das sein Leben wieder zusammenraufen will. "Natürlich kann man das Scheitern dieses Paares auch an seinem Verstummen ablesen", glaubt Johanna Wokalek. "Aber ich verstehe dieses Verstummten sehr gut. Die haben sich zehn Jahre nicht gesehen und auch keinen Kontakt gehabt. Heute ist so etwas nicht mehr vorstellbar. Da empfinden wir schon ein paar Wochen Trennung als unzumutbar - außerdem können uns SMS schreiben oder telefonieren. Diesen Menschen blieb damals nur der Briefkontakt und das Aneinanderdenken."

Auch wenn "Landgericht" eine Geschichte ist, die erzählt, wie Krieg und Unrecht der NS-Zeit eine Familie von innen zerstören, ist es auch eine moderne Erzählung. Psychologisch ungeheuer dicht berichtet sie in dunkel ausgeleuchteten Nachkriegsszenen von einer durch Schweigen fehlgeleiteten Liebe. Dass dieser Prozess - neben einem gegen den früheren Kraft-Typus besetzten Ronald Zehrfeld - von einer Ausnahmeschauspielerin wie Johanna Wokalek erzählt wird, macht das Ganze besonders eindrücklich. Bleibt zu hoffen, dass sie in Zukunft dem Fernsehen, dessen künstlerische Entwicklung sie durchaus mit Wohlwollen betrachtet, mehr Aufmerksamkeit als früher schenkt.

Quelle: teleschau - der mediendienst