Victoria Mayer

Victoria Mayer





Warum es sich für Paare lohnt, zu kämpfen

Wenn der größte Wunsch im Leben unerfüllt bleibt: "Wunschkinder" (Mittwoch, 25. Januar, 20.15 Uhr, Das Erste) erzählt die Geschichte des kinderlosen Paares Marie (Victoria Mayer) und Peter (Godehard Giese) und der schwierigsten Reise ihres Lebens. Dennoch ist der Film nach dem autobiografischen Roman von Marion Gaedicke ("Wunschkind") mehr Liebesgeschichte als Adoptionstagebuch, wie Hauptdarstellerin Victoria Mayer (40, "Hin und weg") erklärt. Im Interview spricht die Schauspielerin über Identität und Grenzen und erklärt, warum Kommunikation am Ende die einzige Chance bleibt.

teleschau: Das Paar im Film ist bereit, sehr weit für seinen Wunsch zu gehen - warum tut es das?

Victoria Mayer: Marie hat eine sehr genaue Vorstellung davon, wie ihr Leben aussehen soll. Und da gehört ein Kind einfach für sie dazu. Ich kann mir das schon vorstellen: Wenn dieser Wunsch nach Kindern da ist, ist es bestimmt nicht leicht, sich davon zu lösen. Dass sich die Geschichte so entwickelt, liegt aber auch sehr an der Kraft dieser Frau, sie treibt es an. Ihr Ehemann wäre vielleicht auch schneller bereit, einen anderen Weg zu gehen oder auch aufzugeben.

teleschau: Karriere, Ehe und ein Kind - soll das ein Bild der erfolgreichen, modernen Frau darstellen?

Mayer: Das war nicht die Idee dahinter. Wir haben diesen Wunsch einfach pur genommen und sind dem gefolgt. Aber natürlich ist man es als moderner Mensch gewohnt, dass man fast alles, was man will, erreichen kann. Jeden Beruf, jedes Reiseziel. Man kann den Film natürlich auch als eine Geschichte über Menschen begreifen, die keine Grenzen akzeptieren wollen. Und sie haben ja auch Erfolg damit! Ich habe das emotional für meine Figur aber nie in Frage gestellt. Diese Sehnsucht nach den Kindern und danach, eine Familie haben zu wollen und dem alles andere unterzuordnen.

teleschau: Was denken Sie, worin liegt das konkrete Problem, wenn sich der Kinderwunsch nicht erfüllt?

Mayer: Ich glaube, dass es um Identität geht. Wer bin ich? Wer möchte ich sein? Eine Frage, die man sich doch in vielen Bereichen stellt. Bin ich die Karrierefrau? Bin ich die Mutter? Die Geliebte? Man hat ja immer viele Rollen. Wenn sich dieser Kinderwunsch nicht erfüllt, dann geht es vielleicht auch um die Findung eines neuen Selbstbildes. Aber hinter unserer Geschichte steht eine Vielzahl anderer Geschichten. Jeder verbindet etwas anderes mit Kindern und hat ein anderes Problem, wenn sich dieser Wunsch nicht erfüllt.

teleschau: Im Film stellt der Kampf um ein Kind das Paar auf die Probe. Warum?

Mayer: Was mir so gut an dem Drehbuch gefallen hat: Es ist in erster Linie eine Liebesgeschichte. Die beiden Figuren fragen sich: Warum gehst du meinen Weg nicht mit mir? Warum verlässt du mich? Sie fühlen sich gegenseitig voneinander verraten. Man merkt, wie viele Krisen sie schon durchlebt und gemeistert haben, und dann kommen sie aber doch an eine Grenze, wo sie nicht mehr gemeinsam weiter gehen können.

teleschau: Wie kann eine Beziehung so etwas durchstehen?

Mayer: Der Punkt, an dem die Beziehung von Marie und Peter zu kippen droht, ist der, an dem sie aufhören, miteinander zu reden. Irgendwann beginnt zwischen ihnen das große Schweigen. Die Annäherung beginnt erst, als sie wieder miteinander reden. Reden ist immer die einzige Chance. Das kann ich auch aus eigener Erfahrung sagen. Das ist doch am Ende das Einzige, was hilft ...

teleschau: Ihre Rolle Marie ist sehr radikal in ihren Entscheidungen - bewundernswert oder abschreckend?

Mayer: Natürlich bewundere ich zuerst mal ihren Mut und die Kraft, mit der sie ihre Träume vorantreibt. Aber das ist doch meistens so, dass die größte Stärke eines Menschen auch gleichzeitig sein Schwachpunkt ist, oder?

teleschau: Aber würden Sie für einen solchen Wunsch auch alles aufs Spiel setzen?

Mayer: Spontan würde ich schon sagen, dass Marie viel entschlossener und mutiger ist. Ich wäre vielleicht abwägender und zögerlicher. Aber das weiß man ja vielleicht auch erst, wenn man in so einer Krisensituation steckt. Ich war glücklicherweise noch nicht in so einer Lage, in der ich -wie sie- alleine mit dem Rücken zur Wand stand.

teleschau: "Wunschkinder" erzählt eine wahre Geschichte. Hat dieser Hintergrund die Rolle für Sie anspruchsvoller gemacht?

Mayer: Uns war immer bewusst, dass hinter dem Ganzen eine echte Familie steht. Marion Gaedicke hat in ihrem Buch aber selbst zwei fiktive Charaktere geschaffen. Sie heißen nicht wie Marion und ihr Mann, sondern sie heißen Marie und Peter. Das schafft eine gewisse Distanz, die uns natürlich geholfen hat, uns von der realen Familie zu lösen. Das hat uns als Schauspieler mehr Freiheit gegeben. Aber natürlich hat man eine Verantwortung den wahren Menschen gegenüber, und das hat den Film beeinflusst: Wir haben versucht, nah an der wahren Geschichte zu bleiben, so nah das in so einem Film eben möglich ist.

teleschau: Ging Ihnen die Handlung deswegen auch näher?

Mayer: Wir haben in der Vorbereitung Fotos von den beiden wirklichen Kindern und aus dem Waisenhaus damals in Russland gesehen - das war natürlich unglaublich berührend.

teleschau: Die Szenen im russischen Waisenhaus gehen auch dem Zuschauer unter die Haut. Wie sind Sie als Schauspieler damit umgegangen?

Mayer: Die Szenen waren tatsächlich sehr speziell, weil wir uns komplett nach den Kindern richten mussten. Sie waren sehr klein, man kann ihnen nicht sagen, was sie tun sollen - die reagieren so, wie sie reagieren und wie es ihnen in dem Moment geht. Sie waren von all den Leuten um sich herum eingeschüchtert und haben auch mit Godehard und mir gefremdelt. Wir mussten sehr dokumentarisch drehen, auf das reagieren, was die Kinder vorgegeben haben. Das war einerseits schwierig, weil wir uns von den geschriebenen Szenen lösen mussten: Okay, sie strahlt uns jetzt nicht an - sie heult. Das hat es aber auch sehr real gemacht. Glücklicherweise haben sie uns ein paar wunderschöne Momente geschenkt.

teleschau: Sprechen Sie denn tatsächlich Russisch?

Mayer: Ich kann tatsächlich kein bisschen Russisch. Ich habe nur die Sätze aus dem Drehbuch gelernt. Bereits vergangenen Winter habe ich mit einem befreundeten russischen Schauspieler begonnen, zu üben. Am Anfang hatte ich noch den Ehrgeiz, die Sprache wirklich zu lernen. Aber ich habe schnell gemerkt, dass es in dem Zeitrahmen dann doch meine Möglichkeiten übersteigt.

teleschau: In Ihrem Roman wollte Gaedicke auch mit dem öffentlichen, "einfachen" Bild über Adoptionen aufräumen. Schafft der Film das auch?

Mayer: Für uns ging es ganz klar um die Liebesgeschichte der beiden. Aber ich habe das Buch vor dem Dreh gelesen und fand es sehr spannend, einmal in diese Prozesse einzutauchen. Was man alles auf sich nehmen muss, wenn man ein Kind adoptieren will - das ist schon unglaublich. Marion Gaedicke beschreibt das in ihrem Buch sehr ausführlich: von einem Amt zum nächsten, der Zettel für das und dieser für jenes. Man kann natürlich verstehen, es geht darum, die Kinder zu schützen und eine Transparenz über die Eltern herzustellen. Aber der Bürokratieaufwand ist schon gewaltig.

teleschau: Der Film hat einen bedrückenden Grundtenor. Kann er dennoch Mut machen?

Mayer: Das wäre doch schön! Und gar nicht nur in Bezug auf das Thema "Adoption", sondern auch für Paare allgemein. Dass es sich lohnt, umeinander zu kämpfen, wenn man sich sehr weit voneinander entfernt hat.

Quelle: teleschau - der mediendienst