Die Hölle - Inferno

Die Hölle - Inferno





Wäre Wien Hollywood ...

Mit melancholischen Bildern von der großen Stadt lädt Stefan Ruzowitzky in seinen Wien-Thriller "Die Hölle - Inferno". Die Lichter blenden, doch der Stress der nächtlichen Taxifahrten scheint Özge (Violetta Schurawlow) egal zu sein. Sie fährt. Und die Aggression und der Suff der anderen perlen an ihrer Windschutzscheibe ab. Özge schweigt und weiß sich zu wehren, wenn es drauf ankommt. Schnitt - und gleich mal a Nackerte.

Natürlich ist nur die Frau unbekleidet, der Mann im Hintergrund trägt Mantel und Siegelring und hat nur eines im Sinn: töten. Kurz und schmerzvoll springt die Handlung zwischen den Schauplätzen hin und her, führt Mord und Özges nächtliche Auseinandersetzung auf der Straße zueinander. Die brutale Folter einer Prostitutierten fand im Nachbarhaus der Taxifahrerin statt und sie, Özge, wird nach Schichtende zur Zeugin, als sie ihr Toilettenfenster zum Lüften öffnet.

Optisch und akustisch setzt Ruzowitzky von Beginn an kunstvoll Akzente. Aus der Vogelperspektive blickt er auf den Tatort, lässt das Messer des Mörders aufblitzen, traut sich an die Inszenierung von Gerüchen und Schmerzen. Der Genre-Könner spielt mit Erwartungen und kann es sich leisten, denn er hat mit Violetta Schurawlow eine fabelhafte Hauptdarstellerin gefunden, die dem Publikum Abstandhalten schwer macht. Wäre Wien Hollywood, hätte Violetta Schurawlow eine Karriere vor sich wie Jennifer Lawrence nach "Winter's Bone". Der Regisseur wollte unbedingt in ihren Augen Wien spiegeln - keine schlechte Idee.

Der national wie international anerkannte Filmemacher führt Menschen gern in die Hölle, schon 1996 bei seinem ersten Projekt "Tempo" (1996) stopfte er einem Fahrradkurier Kokain ins Handgepäck und schickte ihn auf eine rasante Tour, ebenfalls in seiner Heimat Wien. Was damals mit dem Max-Ophüls-Preis prämiert wurde, ebnete seinen Weg zu großen Taten: 2008 der Auslandsoscar für "Die Fälscher", zuvor der kommerzielle Erfolg mit dem in Deutschland unglaublich gut besuchten Thriller "Anatomie".

Vom Kinderfilm zum Experiment mit dem radikal Bösen - Kunst interessierte ihn immer mehr als Kommerz, und so wechselte er die Genres, dass manchem schwindlig würde. Es ist nicht verwunderlich, dass ihn die Idee zu diesem Thriller reizte: Zunächst rangierte das Drehbuch von Martin Ambrosch unter dem Titel "Dschahannam", so nennt man wohl im Islam die Hölle. Dennoch sollte ein brachialer Wien-Krimi draus werden, im großen Stil, ohne bei Actionszenen zu untertreiben oder sich an Hollywood anzubiedern. Mittendrin: Tobias Moretti, der den zuständigen Polizisten Steiner auffällig ekelhaft spielt.

Er ist es, der den Thriller zur Gratwanderung macht mit seinem groben Desinteresse an Zeugin und Mordfall. Doch solche Ritte auf der Rasierklinge scheinen den Regisseur anzutreiben. Die Staatsgewalt ignoriert zunächst die Gefahr, der Özge nach ihrer Beobachtung ausgesetzt ist. Es muss eine weitere Frau sterben, bis der Kommissar sich nicht in erster Linie nach den eventuellen Vorstrafen der Taxifahrerin erkundigt.

"Die Hölle - Inferno" hat ein tolles Tempo, was nicht heißt, dass es nur um Geschwindigkeit geht. Atmosphärisch passt hier alles, und im ersten Teil werden die Thrillerzutaten perfekt mit dem Alltag vermischt. Sehr schnell kommt der Serienmörder dem Mädchen auf die Spur, und schon nach der Hälfte der Zeit präsentiert Ruzowitzky einen Showdown, den man gemeinhin an das Ende eines Films stellt.

Mehr und mehr verlässt er den Boden der Realität, und das kann nur bedeuten: Der immer wütendere Wunsch des Zuschauers nach Schutz wird nicht erfüllt. Der Filmemacher hat etwas ganz anderes vor. An dieser Stelle fällt einem auf, was vielleicht schon früher ins Auge hätte stechen können: Gab es da nicht schon einmal einen ähnlichen Taxifahrer, es müsste so Mitte der Siebzigerjahre gewesen sein, mit einem Herrn Scorsese hinter und dem jungen Robert De Niro vor der Kamera? Warum einem diese Parallele in den Sinn kommt, das mag man im Kino überprüfen.

Quelle: teleschau - der mediendienst