Ann-Kathrin Kramer

Ann-Kathrin Kramer





Immer in Bewegung

Da hilft auch die schier endlose Weite der skandinavischen Landschaft nichts: Als die erwachsene Tochter flügge wird, sieht sich Birthe im ARD-Drama "Das Alter der Erde" (Samtag, 21.01., 20.15 Uhr, Das Erste) mit den sinnsuchenden Fragen des Lebens konfrontiert. Fortan begibt sich die Mutter auf die Suche nach einem neuen Glück - und wünscht sich ein weiteres Kind. Für Hauptdarstellerin Ann-Kathrin Kramer (50, "Alles für meine Tochter") keine wirkliche Lösung. Was sie an dem Gedanken aber dennoch verlockend findet, verrät sie im Interview. Außerdem erklärt die Frau von "Tatort"-Star Harald Krassnitzer, warum man seine Lieben ziehen lassen und sich selbst auf "das große Ganze" konzentrieren sollte.

teleschau: Birthe und ihr Mann sind plötzlich "nur noch ein Ehepaar" - was ist so schlimm daran?

Ann-Kathrin Kramer: Weihnachten kommt immer ganz plötzlich - so ist das auch für Eltern oft, wenn die Kinder ausziehen. Erst dann denken sie darüber nach, was danach ist. Birthe ist an einem Punkt in ihrem Leben, an dem sich die Karten neu mischen. Sie merkt plötzlich, dass jetzt alles anders ist und sieht es als Defizit.

teleschau: Die Protagonistin hat Angst vor dem Stillstand und davor, zu verwittern ...

Kramer: Als Kind hat man das Gefühl, man lebt ewig. Wir wissen zwar alle, dass wir sterben werden, aber wir blenden das gern aus. Irgendwann taucht dann einen Veränderung auf, und man merkt seine Endlichkeit. Dann kommt es zum Reflex, zum Schutz: man möchte dagegen angehen. Das ist das Thema des Films. Und wie man damit umgehen kann.

teleschau: Haben Sie auch Angst vor dem "endlos langen Sonntagnachmittag" des Lebens?

Kramer: Ich wüsste nicht, wem das Angst machen sollte. Eigentlich klingt das doch ganz verlockend. Für mich stellt sich die Frage aber so nicht. Sie stellt sich nur dann, wenn man sich auf eine Sache total fokussiert und das große Ganze aus dem Auge verliert.

teleschau: Birthe hat sich in ihrem Leben zu sehr auf die Elternschaft fokussiert?

Kramer: Und sie hat sich vielleicht zu sehr nur als Teil ihrer Familie begriffen. Birthe und ihr Mann haben sich etwas aufgebaut, das ist der Status quo. Menschen mögen es nicht, wenn sich so etwas plötzlich verändert, weil die Gefahr besteht, dass sie sich nicht mehr auskennen. Aber irgendwann stellt man fest, dass das Leben ein wankelmütig Ding ist: Plötzlich muss man zum Beispiel woanders hinziehen, die Kinder gehen aus dem Haus oder man verlässt seinen Mann. Die Lebensstrukturen verändern sich. Daran können wir aber auch lernen und uns entwickeln.

teleschau: Wie fällt die Veränderung leichter?

Kramer: Indem man nie vergisst, dass das Leben immer in Bewegung ist. Sich nicht darauf beschränkt, alles festzuhalten, was schön ist. So gibt es weniger desillusionierende und schreckliche Momente. Dann kann man den Reichtum, der in der Veränderung liegt, erkennen, sie aktiv annehmen. Wenn die Kinder gehen, kann man der Zeit nachweinen, in der man Kekse miteinander gebacken hat oder man kann rausgehen und sagen: So, jetzt kann ich endlich so lange schlafen, wie ich will, reisen, wohin und wann ich will - nicht nur in den Schulferien.

teleschau: Was empfehlen Sie?

Kramer: Ein aktives Leben. Immer wieder realisieren, was das für ein Geschenk ist, und wie gut es einem geht. Was man alles machen und lernen kann, wem man alles helfen, und wen man glücklich machen kann. Wirklich offen und aktiv leben. Ich glaube, das ist sowieso das, was einen am ehesten glücklich macht und ein Leben füllt und erfüllt. Vielleicht kann man am Ende dann auch sagen: Ich habe nicht nur auf dem Sofa gesessen, Fernsehserien geguckt und darauf gewartet, dass es Abendbrot gibt. Ich kann jetzt in Ruhe sterben, denn mein Leben habe ich wirklich gelebt.

teleschau: Ihr Sohn ist etwa im gleichem Alter wie die Tochter im Film - können Sie ihn ziehen lassen?

Kramer. Ich finde es grundsätzlich wichtig, dass man die Menschen, die man mag, so weit wie möglich sie selbst sein, sich bewegen und entwickeln lässt. Das ist bei meinem Kind nicht anders. Es ist das Wesen von Liebe, etwas nicht festhalten zu wollen. Je freier ich mich als Kind bewegen durfte - und das durfte ich immer -, desto freiwilliger und lieber bin ich immer wieder zurückgekehrt.

teleschau: Birthe wünscht sich ein neues Kind. Kann das die Lösung sein?

Kramer: Ich glaube nicht. Ich finde es aber einen schönen und verlockenden Gedanken, noch mal auf Null zu gehen. Man könnte all seine Erfahrungen und alles, was man gelernt hat, einbringen.

teleschau: Denken Sie, man macht es dann besser?

Kramer: Natürlich kann keiner aus seiner Haut. Aber man kennt doch die Situation von Großeltern und ihren Enkeln. Die verhalten sich dann so, wie sich Kinder ihre Eltern wünschen. Natürlich haben sie eine andere Verantwortung - aber es hat bestimmt auch was damit zu tun, dass sie gesehen haben, was sie bei ihren eigenen Kindern falsch gemacht haben.

teleschau: Ein Kinderwunsch jenseits der 40 gilt als egoistisch - wie stehen Sie dazu?

Kramer: Ich habe keine grundsätzliche Meinung dazu. Das ist so privat, so individuell auf die Situation des Einzelnen bezogen. Man kann nicht pauschal sagen, dass es ab 40 egoistisch ist. Spannend finde ich in dem Zusammenhang die Möglichkeiten der pränatalen Diagnostik. Da fängt eine Thematik an, über die man sehr viel diskutieren kann.

teleschau: Könnten Sie und Ihr Mann sich vorstellen, noch mal Eltern zu werden?

Kramer: Das ist bei uns kein Thema.

teleschau: Was wollen Sie gerne machen, wenn Sie denn die Zeit dafür haben?

Kramer: Ich hatte immer Zeit. In meinem Leben gibt es nicht diesen einen Moment, ab dem ich alles machen kann. Aufgrund meiner Arbeit habe ich neben der Familie sowieso ein sehr volles, reiches, bewegtes und auch bewegliches Leben. Für mich ist eher eine gewisse Ruhe verlockend. Mal einen ganzen Tag nichts sagen müssen.

teleschau: Sie haben in Skandinavien gedreht und sind auf Bergen herumgeklettert - war das Ihre Welt?

Kramer: Mir ist immer kalt. Tendenziell steht Skandinavien deshalb nicht auf meiner Reiseroute. Ich habe aber mehrere Filme in den vergangenen Jahren dort gedreht, auch in Finnland. Draußen sein und diese klare Luft, die ewige Weite - das fasziniert mich wahnsinnig. Man kann dort seinen Gedanken gut freien Lauf lassen.

teleschau: Bleibt das im Alltag heute auf der Strecke?

Kramer: Man hat viel zu wenig Zeit zum Nachdenken. Weil auch viel zu wenig Zeit für Stille ist. Wenn jemand entspannen will, macht er das wieder durch Ablenkung - Fernsehen oder Radio. Es gibt kaum Orte, an denen keine Musik läuft oder irgendwelche optischen Reize auf uns einprasseln. In unseren Köpfen sind Riesen-Müllhalden, die wir immer wieder nach hinten schieben. Es tut ganz schön gut, dort mal in das ein oder andere Zimmer zu gucken, zu lüften und auszumisten. Ein bisschen weniger Ablenkung zuzulassen und auch mal wirklich in sich reinzuhören.

Quelle: teleschau - der mediendienst