Meike Droste

Meike Droste





Zwischen Bärbel und Medea

Größer könnte der Gegensatz kaum sein. Im Theater spielte Meike Droste zuletzt Cassandra und Medea. Zwei düstere, große Frauenrollen des klassischen Dramas. Die meisten kennen sie aber als junge Landei-Polizistin Bärbel Schmied aus der ARD-Serie "Mord mit Aussicht". In "Frau Temme sucht das Glück" wird die 36-jährige Schauspielerin nun erstmals Aushängeschild eines Primetime-Fernsehproduktes. Die sechsteilige Serie (ab Dienstag, 24. Januar, 20.15 Uhr, ARD) erzählt von skurrilen Versicherungsfällen und ebensolchen Versicherern. Ein bisschen erinnert das an "Stromberg", mehr noch an "Danni Lowinsky". Dem Komödiantischen bleibt Meike Droste also erst einmal treu. Wie wandelbar und auch beständig suchend sie jedoch ist, wird in der persönlichen Begegnung klar.

Christine Schorn, eine ältere Kollegin Meike Drostes, gab ihr von langer Zeit mal eine Einsicht mit auf den Weg. Das Anstrengendste am Schauspielberuf wäre die Tatsache, dass man niemals allein sei. Immer füllen mindestens zwei den gleichen Raum: der Mensch und die Rolle. Meike Droste, die aus Augsburg stammt, ihren Beruf in München auf der renommierten Otto-Falckenberg-Schule lernte und seit 14 Jahren in Berlin lebt, kann ein Lied von der Berufsschizophrenie singen. Bei ihr ist es eine mindestens dreifache.

Als Bühnenstar des Berliner Ensembles oder am Münchener Residenztheater spielt sie große, meist drastisch dramatische Hauptrollen. Viel mehr Menschen kennen Meike Droste jedoch als auf den ersten Blick unscheinbare Jungpolizistin Bärbel Schmied aus der ARD-Erfolgsserie "Mord mit Aussicht". Da ist sie das Mauerblümchen einer engen Welt, auf der Bühne jedoch die Frau fürs wagemutig Extreme. Und dann wäre da noch eine dritte Sache: Meike Droste ist Mutter zweier Kinder, zehn und sechs Jahre alt. "Da muss man zwangsläufig gut organisiert sein und klar denken können, auch wenn ich sicher nicht so zahlenfixiert und logisch begabt bin, wie Carla Temme aus der Serie", lacht sie.

In "Frau Temme sucht das Glück" spielt Droste die mathematisch hochbegabte Risikoanalystin einer Versicherung. Die wird "von oben" dazu angehalten, für hohe Summen merkwürdige Ängste ihrer Klienten zu versichern. Ein Mann hat Sorge, wie seine Vorfahren von einem gefrorenen Hähnchen erschlagen zu werden. Ein anderer plant mit seinen Nachkommen eine aufwendige Feier zum 100. Geburtstag, möchte sich aber absichern, falls er das Fest nicht mehr erleben sollte.

"Im internationalen Vergleich ist Deutschland das Land mit den meisten diagnostizierten Ängsten", hat Meike Droste während der Vorbereitung auf ihre Rolle gelernt. "Vielleicht ist wegen dieser Angst das Versicherungswesen hierzulande so groß geworden."

Tatsächlich ist "Frau Temme" eine Serie über ein sehr deutsches Thema: dem Pendeln zwischen der Fähigkeit, Dinge bis ins Kleinste zu planen und der Angst vor Unwägbarkeiten auf diesem Weg. Carla Temme zählt in Stresssituationen zwanghaft Primzahlen und lebt alleine, seit ihr Mann vor einigen Jahren nicht mehr vom Joggen wiederkam. Was mit ihm passiert ist, bleibt unklar. Ein schönes Setting für eine komödiantisch ambitioniertere Serie, die Meike Droste und Cast-Kollegen wie Martin Brambach viel Raum fürs Neurotische lässt. Dass "Frau Temme" auf demselben Sendeplatz wie "Mord mit Aussicht" läuft, macht Meike Droste hingegen ein wenig Angst. Es dürfte klar sein, dass man die neue Serie mit dem seit geraumer Zeit auf Eis liegenden Dienstags-Vorgänger vergleicht.

Ob eine Fortsetzung von "Mord mit Aussicht" eigentlich endgültig vom Tisch sei, fragt man im Angesicht eines Konterfeis, das entfernt an Bärbel Schmied erinnert, reflexhaft. Meike Droste verweist auf das offizielle Statement des Senders, der von einer "künstlerischen Pause" spricht. Zwischen den Zeilen hört man jedoch heraus, dass Droste und Kollegen wie Bjarne Mädel eher nicht weitermachen wollen, weil der zu Recht hochgelobte skurrile Provinzkrimi kreativ längst ausgeblutet sei. "Da ist so viel Leben passiert, bei uns allen", sagt Meike Droste über eine eventuelle Rückkehr als Bärbel Schmied. "Nach wie vor befinden wir uns in der vom Sender kommunizierten künstlerische Pause."

Meike Droste, die an diesem Tag in einem Hamburger Hotel die Werbetrommel für "Frau Temme" rührt, hat in der Tat nicht viel mit der etwas verdrucksten Art ihrer bisherigen TV-Paraderolle zu tun. Die Haare trägt sie hochgesteckt, eine enge Jeans umhüllt ihre schlanke Figur, ihr aufrechter Gang gleicht einem eleganten Schweben über den Teppichboten der Suite. Vom etwas Tapsigen ihrer komödiantisch unterfütterten Flimmerkisten-Parts sieht man rein gar nicht. Trotzdem ist die Bayerin fast ohne Dialekt (der Vater kam aus Niedersachsen), ein bodenständig zugewandter Star, der jedoch aus Prinzip nicht gerne über sein Privatleben spricht. Da bestünde ja die Gefahr, dass man am Ende mit noch einer Person mehr am Tisch sitzen könnte.

Noch eine weitere Unterströmung des Zwiespalts ist im Gespräch mit Meike Droste zu spüren. Da ist einerseits das Selbstbewusstsein einer erfolgreichen Schauspielerin an Deutschlands renommierten Bühnen zu spüren. Andererseits eine gewisse Sorge, von Klischees verhaftet zu werden. Sie sei eine Risikosucherin am Theater, sagt sie, und deshalb wolle sie auch im Film, wenn es geht, alles spielen. Anderseits weiß das Bodenständige in Meike Droste, dass man sie für manche Rollen eher nicht in Betracht ziehen wird. "Man würde mich wahrscheinlich nicht als große Diva besetzen, was natürlich auch mit dem Aussehen zu tun hat. Dabei hätte ich große Lust, mich zum Beispiel einer solchen Herausforderung zu stellen. Ich finde, man besetzt in Deutschland leider viel zu selten gegen den Typ. Dabei ist es auch ein gutes Mittel, um Stoffe interessant und spannend zu machen."

Ein bisschen, das spürt man, sorgt sich diese Frau mehr als klassische TV-Haudegen darum, in die berühmte Schublade gesteckt zu werden. Da wären nüchtern denkende Kollegen wohl eher der Meinung: besser ein klares Image als gar keines. In "Frau Temme sucht das Glück" darf sich die Titelheldin an ihren Ängsten reiben, sich vorsichtig verlieben und mit ihren seltsamen Kunden leiden. Sie darf kämpferisch, verzweifelt, komisch und wütend sein. Es ist ein dankbares "Dramedy"-Freispiel für Droste, die hinter der hier und da vielleicht ein bisschen zu zahmen 20.15 Uhr-Serie viele Facetten einer alleinstehenden Thirtysomething-Frau zeigen darf.

"Es ist interessant, dass ich im Theater bislang eher in dramatischen Rollen, im Fernsehen jedoch meist für lustige besetzt wurde." Man spürt, dass die nette Meike Droste einen klaren Plan besitzt, diesen Zustand in näherer Zukunft zu ändern. Rollen, die sich so ähnlich anfühlten wie Bärbel Schmied habe sie in den letzten Jahren konsequent abgelehnt. Wer künstlerisch wachsen will, muss neue Dinge tun. Diese Überzeugung spürt man bei Meike Droste. Sollte das sanfte Komödien-Experiment "Frau Temme sucht das Glück" auf dem in der Regel quotenfreundlichen Dienstags-Sendeplatz reüssieren, könnte sie im TV vielleicht bald mehr von ihrer Wandlungsfähigkeit zeigen.

Quelle: teleschau - der mediendienst