Santiano

Santiano





Ein Appell an den mündigen Bürger!

Mit ihren Seemannsliedern entführt die Band Santiano gestresste Gemüter in ferne Welten, lässt die Hörer von der großen Freiheit träumen. Optimale Ablenkung eigentlich von der angespannten Stimmungslage und all den schlimmen Themen des zu Ende gehenden Jahres 2016. Doch Santiano verstehen sich mitnichten nur als Partymusiker, die Mitglieder der Fernweh-Hitlieferanten zeichnen sich auch durch Haltung und einen klaren Blick auf gesellschaftliche Entwicklungen aus. Als Björn Both (51), Hans-Timm Hinrichsen (51) und Axel Stosberg (49) zum Jahresende in den Büros ihres Münchner Labels aufschlagen, um eigentlich ihr Kinderhörspiel "König der Piraten" vorzustellen, bietet sich die Gelegenheit, mit einer der beliebtesten deutschen Bands auf das vergangene Jahr zurückzublicken. "Werd' ruhig politisch, wir ham sowieso 'ne offensive Haltung", schmettert einem Stosberg in nordischem Schnack direkt entgegen.

teleschau: Wir blicken gemeinsam auf 2016 zurück - es war auch ein Jahr der toten Popstars.

Björn Both: Ich krieg jedes Mal einen Schock, wenn ich daran denke. Im Grunde fing das Theater schon Ende 2015 mit Lemmy an. Dieses Jahr dann Bowie, Roger Cicero und Prince - Paco de Lucía nicht zu vergessen. Viele Leute, die mich geprägt haben. Und dann merkt man selbst, dass man langsam auch da angekommen ist, wo so etwas gang und gäbe wird. Dass Rock'n'Roll das gesündeste Leben ist, ist eben nur ein Scheißgerücht.

Axel Stosberg: Wenn deine Zukunft kürzer ist als deine Vergangenheit, dann fängst du an, über diese Themen ganz anders zu denken. Mit jedem Schicksal arbeitet irgendwas in dir: Musst du nicht mal die Dinge anders sehen, anders anpacken?

Hans-Timm Hinrichsen: Popstars, Rockstars, das ist das eine und natürlich traurig. Aber mir geht das härter ab, wenn jemand aus der Familie stirbt.

teleschau: Wie etwa die Mutter Ihres Mitmusikers Pete Sage. Sie gingen damit Ende Februar über Facebook an die Öffentlichkeit ...

Both: Das mussten wir machen, weil wir unter Riesenaufwand zwei Konzerte absagen mussten. Sonst wären wir damit nicht rausgegangen.

Stosberg: Der Anruf erreichte uns in Braunschweig nach dem Soundcheck, in einer Viertelstunde sollte der Vorhang fallen. Wir sprachen das kurz ab, ließen alle reinkommen, gingen auf die Bühne und teilten es den Fans mit. Wir wollten keinen vom Management rausschicken, und eine Pressemitteilung hätte natürlich auch keinen mehr erreicht. Am nächsten Tag wäre Oldenburg gewesen. Wir dachten uns dann eben, dass Facebook auf kürzesten Wege jede Menge Leute erreicht - deshalb folgte die Erklärung eben auch da.

teleschau: Apropos Facebook: Der Ton in den sozialen Medien wurde dieses Jahr sehr kritisch diskutiert ...

Both: Wenn man sich da mal durch die völlig verheerende Rechtschreibung durchgearbeitet hat, ist man entsetzt: So viel Hohlheit und Wagemut, solch Unsinn, unterschrieben mit Datum: "Ich steh dazu!" - Das hat Formen angenommen, da wird einem schlecht. Aber es wird ja auch vorgemacht. In Polittalks abseits von vielleicht Phoenix, werden schon lange keine Gespräche mehr geführt. Wie die Politiker, gar Minister, da miteinander umgehen, dazwischenquatschen. Wenn die das vormachen, ist es kein Wunder, dass 08/15-Ede das übernimmt.

Hinrichsen: Es sind oft Diskussionen, bei denen es nicht um Überzeugungen geht, sondern um: Ich will gewinnen! Das ist natürlich der falsche Ansatz.

Both: Manchmal denke ich aber auch, dass der Ton bei Facebook gar nicht so schlecht ist. Da weiß man wenigstens, wes' Geistes Kind jemand ist. Rassisten, Sexisten, da kommt so einiges ans Tageslicht. Und dann geht es zusammen auf die Straße, und man feiert sich gegenseitig. "Hast'e gelesen? Dem hab' ich's gezeigt!"

teleschau: Auf der Straße ist dieser Ton auch längst angekommen. In Dresden, am Tag der Deutschen Einheit, wurden Angela Merkel und Joachim Gauck aufs Übelste beschimpft ...

Stosberg: Die Leute wiegen sich schon in einer Sicherheit der langen Pegida-Bewegung. Die denken, sie befinden sich unter Ihresgleichen und haben auf einmal den Mut, so ausfällig zu werden.

Both: Und sie schenken sich dann eben gegenseitig Anerkennung. Leider haben wir solche Heinis auch. Santiano deckt eben alle ab, die ganze Gesellschaft. Wir haben nicht nur Linke und Greenpeace-Leute da, sondern auch AfD-Wähler. Die Toten Hosen müssen sich mit ihrem Publikum nicht mehr einig werden. Wir allerdings fühlen uns gefordert, immer wieder auch bei den Livekonzerten Stellung zu beziehen. Und das machen wir auch.

Stosberg: Wir haben da eine ganz klare Haltung und lassen uns auch nicht aufhalten. Doch die vier, fünf Pöbler auf Facebook werden von unseren Fans automatisch zurechtgewiesen, da müssen wir uns gar nicht einschalten. Wer sich bisschen tiefer mit uns beschäftigt, wird schnell sehen, dass er mit einem solchen Gedankengut nichts bei uns zu suchen hat.

teleschau: In ganz Deutschland sind es aber weit mehr als nur fünf Menschen. Die AfD erreichte bei Landtagswahlen teilweise über 20 Prozent.

Both: Das ist natürlich fatal. Aber wir können auch froh sein, dass das nicht im Untergrund stattfindet, sondern dass man diese Probleme nun sichtbar gemacht bekommt. Wobei natürlich nur ein Teil der AfD-Wähler die Brut ist, der Rest sind eben Verirrte. Nicht jeder "besorgte Bürger" ist ein Arschloch. Jetzt wird's spannend, was mit dieser Bewegung passiert, wenn sie auf einmal Verantwortung übernehmen und Gesicht zeigen muss. Die AfD interessiert sich doch gar nicht für die Leute, die da abgefischt werden. Die werden dort genauso alleingelassen. Das ist ja in Amerika nicht anders.

teleschau: Wir sind bei Herrn Trump angekommen ...

Hinrichsen: Für mich ist mit Trump die große Hoffnung verbunden, dass in Deutschland die Politik endlich das aufnimmt und sich mit dieser Szene auseinandersetzt - und zwar auch öffentlich. Sie müssen Argumente liefern, die so etwas im Keim erstickt. Das alles ist eine Warnung, die hoffentlich von der politischen Elite endlich mal ernst genommen wird. Lange hat man gehofft, das verläuft sich bald wieder im Sande ...

Stosberg: Wird es aber nicht. Das ist ja nicht nur ein deutsches Phänomen. Schau Dir Le Pen in Frankreich an! Ungarn, Österreich ... - Um uns herum findet dieses Thema seit Jahren statt. Eigentlich hätte es da keinen Trump gebraucht, dass wir endlich mal gegensteuern.

Both: Man kann jetzt lange über Ursachen reden, aber am Ende brauchen wir größere Lösungen - aus der Mitte. Wenn wir weiter nur Handlanger des Neoliberalismus und der Diktatur der Konzerne bleiben ... Natürlich macht das misstrauisch!

Hinrichsen: Und dann monatelang sagen: "Wir laden die nicht in die Talkshows ein", und: "Ich setze mich mit denen nicht an einen Tisch" - Wie bitte? Man muss die kommen lassen und vor allen Augen auseinandernehmen. Das ist doch die einzige Chance, um wirklich Farbe zu bekennen.

Stosberg: Vielleicht mache ich mich damit jetzt unbeliebt, aber jeder normale Bürger, auch ich, sollte wieder anfangen, sich mehr für Politik zu interessieren. Man hat eine Eigenverantwortung und so viele Möglichkeiten, sich heutzutage zu informieren und sich ins richtige Bild zu setzen. Wer interessiert sich denn noch wirklich für Politik? In der Mitte findet das doch gar nicht mehr statt. Man wählt den, der irgendwie noch sympathisch rüberkommt oder die Partei, die im Grunde für die eigene Meinung stehen dürfte. Aber wirklich sich damit auseinandersetzen? Das macht doch kaum noch jemand.

Both: Man kann es schon nicht mehr hören, das Wort: Politikverdrossenheit. Doch es ist wahr. Kein Wunder. Als ich 17 oder 18 war, meinte mein Vater über Politiker: "Was redet der da?" Ich konnte dem folgen, da ich selbst auch so gestelzt daherreden kann und verstand, dass der am Ende doch wieder nichts gesagt hatte. Aber für die Generation meiner Eltern war das einfach zu weit weg.

Stosberg: Trotzdem passiert es mir zu oft, dass der Aufschrei am Ende immer groß ist: "Mein Gott, wie konnte das passieren?" Man darf sich das nicht so leicht machen. Es ist doch alles ein offenes Buch. Die Verantwortung liegt nicht nur bei den Politikern. Da muss man, auch wenn es viele nicht mehr hören wollen, an den aufgeklärten, mündigen Bürger appellieren. Jeder selbst muss sich auch informieren.

Both: Aber dann kommen die ganzen Fake-Infos ins Spiel, die es viel schwerer machen, sich ein Weltbild zusammenzunageln.

teleschau: Zudem lesen viele nur das, was sie in ihrer eigenen Meinung bestärkt.

Both: Genau. Das sind sogenannte Echo-Chambers. Wer negative Informationen zu etwas braucht, weiß, wo er sie findet. Und dann bestätigen die sich ihre Meinung in den Räumen auch noch gegenseitig. Da findet keine objektive Beurteilung der Situation mehr statt.

Stosberg: Hiermit revidiere ich meine Aussagen zum "aufgeklärten, mündigen Bürger". Unterm roten Strich ist der hiermit doch ausgestorben. Das ist doch tragisch oder nicht?

teleschau: Zu ähnlichen Beurteilungen kam man beim Brexit. Europa steht vor der nächsten Krise ...

Both: Wir sind ausgemachte Europafans, was wir auf Konzerten auch immer wieder betonen. Nicht unbedingt im Sinne von EU, sondern von der alten Dame Europa. Die hätte in dieser modernen Welt schon eine gute Rolle zu spielen - mit all ihrer grandiosen Erfahrung, die sie über Jahrhunderte gemacht hat. Europa schafft es nur leider nicht, sich zu dieser Faust zu entwickeln, zu einer Stimme in der Welt. Wir sehen gerade Europa zerbröseln. Diese tolle Idee, von der ich absolut überzeugt bin, fliegt uns um die Ohren.

teleschau: Woran liegt das?

Both: Es fehlt an gemeinsamen Anstrengungen. Die Schweiz hat vor wenigen Tagen den Atomausstieg eine Absage erteilt. Im Prinzip können wir doch dann auch gleich wieder zurückrudern. Kann mir doch egal sein, ob mir schweizer, deutscher oder französischer Atommüll irgendwann auf den Kopf fliegt. Umwelt, Tierrechte, es gibt so vieles, bei dem wir um Europa eigentlich nicht mehr herumkommen.

Hinrichsen: Der Europagedanke stammt von Leuten, die Kriege und Elend mitgemacht haben und sagten: "Nie wieder soll so etwas passieren!" Auch das vergessen wir. Wir setzen das alles aufs Spiel.

teleschau: Die Welt besteht glücklicherweise auch aus Erfreulicherem: Deutschland ist Handball-Europameister!

Stosberg: Natürlich! Das war toll. Und wir handballverrückten Flensburger als kleines gallisches Dorf da oben immer mittendrin.

teleschau: Im Norden gilt Handball bei vielen als echter Männersport im Gegensatz zum Fußball ...

Stosberg: Ach, Männersport. Solche Kategorien gibt es bei uns nicht. Mit diesem "Männerding" haben wir's nicht so sehr. Außerdem sind das dann auch immer Leute, die noch nie Fußball gespielt haben. Lass da mal einen mit zwei gestreckten Beinen anrauschen ...Ich bin seit 42 Jahren Fußballer und immer mit vollem Herzen dabei. Handball und Fußball, das geht auch parallel.

teleschau: Fußball-EM war auch: Das deutsche Aus kam im Halbfinale ...

Stosberg: Vor 20 Jahren hätte ich da wohl vor Wut und Trauer geheult. Okay, dann hätte ich da gerade auch sechs Bier "im Kopp" gehabt, da ist man ja auch emotionaler (lacht). Heute sage ich: "Ist so." In zwei Jahren hauen wir die wieder weg, werden Weltmeister, alles gut.

Both: Die EM verfolgte ich, obwohl ich mich nun schon länger vom Fußball verabschiedet habe. Das kostet mir zu viel Zeit. Sieben Tage die Woche, auseinandergerissene Spieltage für die Vermarktung. Das ist doch alles Fan-Verarsche. So zerrüttet man aufmerksame Bürger, die sich eigentlich mehr für Politik interessieren sollten (lacht). Und wie wichtig sich das alles nimmt! Das merkt man erst, wenn man Abstand davon gewinnt. Dieses Reißerische und Halbprivate, das da ständig über Spieler rausgeblasen wird. Wie wichtig das fürs Wohl der Nation zu sein scheint, ob Thomas Müller am Spielfeldrand Hü oder Hott sagt. Und was der Kritiker Jens Lehmann über den Bundestrainer zu erzählen hat, damit werden Seiten vollgeschrieben. Das ist mir zu doll.

teleschau: Zum Ende ist noch Platz für weitere Verstorbene 2016. Wer fällt Ihnen da ein?

Both: Roger Willemsen fehlt. Es gibt so wenig intellektuelle, gute Leute, die es schaffen, in drei Sätzen die Dinge auf den Punkt zu kriegen, die zum Nachdenken anregen. Zu 2016 hätte ich gerne sein Statement gehört. Ich habe einige Bücher von ihm, muss oft an ihn denken. Ein total weicher, intelligenter Mensch, der sich immer getraut hat, verletzlich zu sein.

Stosberg: Ähnlich sehe ich das bei Götz George, der immer eine ganz klare Kante war. Ich mochte den immer. Auch, weil er sich irgendwann mal zurückzog, da er sich nicht verbiegen lassen wollte. Er hatte immer eine Haltung, eine Meinung.

Hinrichsen: Muhammed Ali noch, ist doch klar. Der stand zu seinem Ding, ging sogar ins Gefängnis, da er den Kriegsdienst verweigerte. Ein beeindruckender Mensch. Als Kinder standen wir nachts auf, um seine Kämpfe zu sehen. Da fand man es noch etwas komisch, wie er sich immer gab. Aber später schnallte ich, was mit dem Typen los ist, woher dieser Stolz kommt und wie er zu seiner Sache steht.

Quelle: teleschau - der mediendienst