Stefan Jürgens

Stefan Jürgens





"Passivität ist ein Fluch"

Mal Sänger, mal Schauspieler: So teilt sich Stefan Jürgens' Leben momentan abwechselnd in Berlin und Wien auf. Und diese Abwechslung kommt dem 53-Jährigen sehr entgegen. Denn lieber schlägt er ein paar spontane Haken und probiert Neues aus, als sich dem Gewohnten aus Sicherheit zu verschreiben. Es sei denn, seine Leidenschaft brennt für ein Projekt, dann bleibt er auch dabei: Als Major Carl Ribarski ermittelt der Schauspieler mittlerweile seit zehn Jahren für die "SOKO Wien" im ZDF. Die nächste Folge der Krimireihe wird zum Jahresende erstmals in Spielfilmlänge und um 20.15 Uhr gezeigt. Ob "SOKO Wien: Wir sind viele" (Donnerstag, 29. Dezember) ein Testlauf für einen zukünftigen festen Platz in der Primetime ist und warum Jürgens lieber keine langfristigen Pläne schmiedet, verrät er im Interview.

teleschau: Ihr letztes Album hieß "Alles immer möglich", das neue wird den Titel "Grenzenlos Mensch" tragen. Das klingt programmatisch. Wie wichtig ist Ihnen Freiheit?

Stefan Jürgens: Es ist für mich wichtig, zu wissen, dass ich könnte, wenn ich wollte. Ich möchte die Möglichkeit haben, das nicht auf der Hand Liegende zu denken oder zu tun. Mein Lebenslauf zeigt ja auch, dass ich oft ein paar Haken geschlagen habe, um meine Freiheit zu behalten. Seitdem ich 30 bin lehne ich langfristige Verträge ab. Damals war das noch mit Fracksausen verbunden, weil man nicht immer wusste, wie man seinen Lebensunterhalt verdient. Mittlerweile ist dieser Freiheitsdrang aber fester Bestandteil meiner Persönlichkeit geworden. Ich muss vor allem beruflich ab und an in unbekannte Gewässer springen. Privat bin ich dafür viel zu sehr Familienmensch.

teleschau: Dann fühlen Sie sich bei der "SOKO Wien" also immer noch sehr wohl? Immerhin sind Sie seit zehn Jahren dabei.

Jürgens: Auf jeden Fall! Aber auch da lasse ich mich immer jahresweise und nicht länger im Voraus verpflichten.

teleschau: Warum nicht?

Jürgens: Ich möchte jedes Jahr neu entscheiden können, was für mich wichtig ist in meinem Leben. Reinfühlen, worauf ich Lust verspüre, und ob meine Leidenschaft noch brennt. Ich möchte mich nicht langfristig aufgrund eines - für mich als falsch empfundenen - Sicherheitsdenken binden und dann womöglich an einen Punkt kommen, an dem ich denke: Eigentlich ist jetzt genug, und dann nicht prompt reagieren zu können. Zum Glück hat sich das nicht eingestellt bei der "SOKO Wien". Wir arbeiten so lange zusammen, da blickt man nicht weit nach vorne, sondern dankbar zurück und sagt: "Geil, dass wir schon so lange so gut zusammenarbeiten!" Aber für mich gehört es einfach zu meinem Berufsverständnis, dass man nicht sagen kann, was in ein oder zwei Jahren passieren wird.

teleschau: Das klingt, als gingen Sie ohne große Erwartungen durchs Leben. Lassen Sie die Dinge eher auf sich zukommen?

Jürgens: Zu hohe Erwartungen habe ich mir in meinem Leben verboten. Natürlich denkt man: "Schön wäre, wenn ...", aber wenn mal etwas nicht läuft, sollte man das akzeptieren und sich anders orientieren, anstatt am Enttäuschungsmodus festzuhalten. Momentan merke ich das wieder: Es gibt im Leben so viele Dinge, auf die man sich nur konzentrieren muss, um Alternativen zu finden. Es gibt nicht nur einen Weg.

teleschau: Sie spielen auf Ihre Karriere als Musiker an?

Jürgens: Ja, die neue Platte "Grenzenlos Mensch" kommt am 23. Februar raus und spiegelt das wider: Man sollte sich öfter mal selbst und seine Möglichkeiten betrachten, sowie die scheinbaren Unmöglichkeiten über dieses Leben hinaus.

teleschau: Gab es in Ihrem Leben Entscheidungen und Ziele, die laut anderen unmöglich waren und die Sie trotzdem gewagt und angestrebt haben?

Jürgens: Dauernd! (lacht)

teleschau: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt?

Jürgens: Ich bin nicht komplett beratungsresistent und auch nicht immer der mutige Held, der permanent Entscheidungen alleine durchsetzt. Aber es war schon oft so in meinem Leben, dass ich mit meinen Entscheidungen auf Unverständnis gestoßen bin und es dann aber erlebt habe, dass mir das Leben glücklicherweise Recht gegeben hat. Es ist ja generell so: Wenn jemand sagt: "Das geht so nicht, das klappt nie", dann sind das Reflektionen des anderen. Das ist für ihn eventuell unmöglich, aber das hat mit unseren eigenen Möglichkeiten noch lange nichts zu tun. Man sollte auf sein eigenes Bauchgefühl hören und nicht auf fremde Bäuche.

teleschau: Handeln Sie auch bei wichtigen Entscheidungen aus dem Bauch heraus?

Jürgens: Ich höre sehr auf mein Bauchgefühl. Man sollte das tun und darauf vertrauen, was man sich selber zutraut. Aber ich tausche mich bei wichtigen Entscheidungen auch mit mir nahestehenden Menschen aus. Es ist ja auch nicht so, dass man jede Entscheidung in Stein gemeißelt fühlt. Manchmal sind sich Kopf und Bauch nicht einig. Dann wäge ich ab und beziehe Erfahrungen mit ein. Herz, Kopf und Bauch müssen im Einklang sein, damit meine Entscheidung fest steht.

teleschau: Und dann wird nicht mehr damit gehadert?

Jürgens: Ein kluger Mensch hat mal gesagt: Für alle Dinge auf der Welt gibt es mindestens zwei Möglichkeiten - mindestens! Aber wenn ich mich für eine entscheide, muss die andere wirklich ausgeblendet werden. Damit darf ich dann nicht hadern. Sonst geht die Sache schief.

teleschau: Lieber eine falsche Entscheidung als gar keine?

Jürgens: Ja! Passivität ist ein Fluch. Weil man damit Dinge anderen überlässt oder sich dem fatalistischen Gefühl von Schicksal hingibt.

teleschau: Glauben Sie an Vorbestimmung?

Jürgens: Nein, dass alles so kommen wird, wie es soll, ohne dass ich daran mitwirke, daran glaube ich nicht. Aber ich glaube, dass man mit seinem Handeln, Denken und Fühlen Dinge in der Zukunft bewirken kann. Weniger kryptisch ausgedrückt: Wie ich es in den Wald hineinrufe, so schallt es auch heraus! Das habe ich oft erlebt: Wenn ich offen und positiv auf Menschen zugegangen bin, haben sich erstaunlicherweise Wege geöffnet, von denen ich vorher dachte, dass es sie gar nicht gäbe.

teleschau: Die "SOKO Wien" geht jetzt beim ZDF auch einen neuen Weg: Ende Dezember gibt es eine 90-minütige Folge in der Primetime. Ist das ein Testlauf?

Jürgens: Ich kenne die Senderstrategie nicht, aber natürlich möchte man dem ZDF-Zuschauer dieses Angebot mal machen. In Österreich laufen wir ja immer zur Primetime. Genau das ist der Spagat, den unsere "SOKO" zu liefern hat: Wir sind im Prinzip gezwungen oder in der Lage, Filme so zu erzählen, dass sie in der Primetime funktionieren. Das ist fürs ZDF nicht immer ganz einfach, da wir darauf achten müssen, dass die Filme um 18 Uhr gesendet werden können. Mal schauen, ob wir zukünftig die ein oder andere Folge länger produzieren. Für meine Figur Major Carl Ribarski war diese lange Episode auf jeden Fall ein großes Geschenk, um Seiten zu zeigen, die der Zuschauer so noch nicht gesehen hat.

teleschau: Ohne jetzt zu viel zu verraten: In der Folge gibt es eine eingemauerte Nonne, Tod durch Erstickung an flüssigem Gold - muss es heutzutage in Krimis immer krasser zugehen?

Jürgens: Natürlich wird es in Krimis immer drastischer, aber in diesem Fall ist die Motivation des Täters der Grund für diese Art des Tötens, die in diesem Zusammenhang auch Sinn macht. Wenn man Bücher von Stieg Larsson oder Jussi Adler-Olsen liest, bemerkt man auch die unglaublichen Tötungsmethoden. Das sind Bestseller, also liegt in der Art und Weise, wie getötet wird, auf jeden Fall ein gewisser Reiz für das Publikum. Aber: Die Art, wie jemand umgebracht wird, sagt noch nichts über die Qualität des Formats aus. Es spielt eine große Rolle, wie erzählt und die Handlung umgesetzt wird und welche Motivation dahinter steckt. Nur durch das außergewöhnliche Töten wird daraus kein guter Film. Eine rein reißerische Motivation finde ich selbst auch sehr fragwürdig. Da muss schon mehr dahinter stecken!

Quelle: teleschau - der mediendienst