Luci van Org

Luci van Org





Zu viel für ein Mädchen

Es gibt kaum jemanden in Deutschland, an den man sich seit so langer Zeit wegen eines einzigen Liedes erinnert. "Mädchen" von Lucilectric stand 1994 für nicht weniger als ein neues Frauenbild im Pop. Die Zeile "Weil ich ein Mädchen bin" sorgte in einer Zeit, da in der Hitparade kaum jemand auf Deutsch sang, für eine Art spielerischen Feminismus. Sein Aushängeschild: eine 23-jährige, Dreadlock-behängte Sängerin namens Luci van Org. Ihr Ruhm im Rampenlicht war nur von kurzer Dauer. Zum Teil, weil sie das selbst so wollte. Seit es das "Dschungelcamp" gibt, so die heute 45-Jährige, frage man sie für einer Teilnahme an. Doch nichts käme dem schrulligen Unterhaltungs-Chamäleon weniger in den Sinn. Dafür kann man im ARD-Vorabend nun eine neue Serie sehen, die aus Luci van Orgs Feder stammt: "WAPO Bodensee" startet am Dienstag, 17. Januar, um 18.50 Uhr, im Ersten.

Eines der schönsten Missverständnisse rund um eine Frau, die einst Deutschlands Vorzeige-Mädchen war, ist die ihr zugeschriebene Leichtigkeit. Als der Begriff "Girlie" in aller Munde war und Heike Makatsch noch plappernde Viva-Moderatorin und keine Schauspielerin war, sollte auch Luci van Org jenes Bild eines aufgeweckten, sich die Dinge des Lebens im Vorbeigehen nehmenden Mädchens bestärken. Eine, die selbstbewusst und trotzdem sexy sein durfte.

Einziger Haken: Dieses Mädchen war vor allem eine Arbeiterin von fast preußischer Disziplin. Mit 16 hatte sie ihren ersten Plattenvertrag in der Tasche, doch sie machte erst einmal eine klassische Gesangausbildung. Als die gebürtige Westberlinerin im Zuge ihrer Hitparaden-Prominenz einen umfangreichen Job als Moderatorin bei Radio Fritz antrat, den sie im übrigen fast zehn Jahre ausübte, machte sie zunächst mal ein Praktikum beim Sender.

"Drehbuchschreiben ist, wie Texte schreiben, auch eine Art Handwerk. Das meiste davon", sagt sie heute nicht ohne Stolz, "habe ich gelernt, als ich in meinen Anfängen über 100 Folgen der Serie 'In aller Freundschaft' geplottet habe." Was heißt, dass sie Grundkonflikte und Handlungsstränge für nachfolgende Drehbücher erdachte. Ein Job, der etwa fünf vollgeschrieben Seiten pro Folge umfasst. "Ich glaube, du kannst mich nachts wecken, und ich kann dir sofort die Dreiakt-Struktur aufsagen und welche Wendepunkte eine Geschichte braucht." Tatsächlich klingt das alles nach Arbeit und weniger nach Spielerei, auch wenn Luci van Org immer wieder über ihre eigenen Aussagen lacht. Wohl nicht, weil sie so ein aufgekratztes Wesen ist, eher schon ein bisschen aus der Unsicherheit einer an sich scheuen Person heraus. Natürlich auch deshalb, weil sie ihr eigener, ziemlich unwahrscheinlicher Weg durch den deutschen Kultur- und Unterhaltungszirkus der letzten fast 25 Jahre sie selbst ein bisschen verwundert.

Ihre Ursprünge, zu denen sie mit Bands wie Üebermutter und Meystersinger musikalisch längst zurückgekehrt ist, liegen Mitte der 80er-Jahre in der New Romantic und Wave Szene. Van Org zeigt auf ihrem Smartphone ein Bild von sich als Teenager, das sie einst der Bravo lieh, aber nie zurückbekam, wie sie sauer bis lustig bemerkt. Es zeigt sie als Boy George-Mädchen, die Augen tief schwarz untermalt, die Haare nach allen Seiten abstehend toupiert, dazu ein aufrichtiger Weltschmerz-Blick. Damals hörte sie vor allem The Cure und Sisters of Mercy. Wenn sie heute in einem Hamburger Hotel über die Gothic-Szene spricht, klingt das fast liebevoll: "Man ist in seiner Jugend ein wenig zu ernsthaft für die Welt und scheitert deshalb oft an den nicht so ernsthaften Leuten. Irgendwann fängt man an, sich schwarz anzuziehen. Als Erkennungsmerkmal, um auf die anderen Ernsthaften zu treffen. Die Szene ist wahnsinnig integrativ und schön, weil sie versucht, in allem, auch im Seltsamen und Skurrilen, das Wertvolle zu sehen."

Als das Gothic-Mädchen eine Spur punkiger wurde, hatte es mit seiner Band Lucilectric, auf deren Konzerten Pogo getanzt wurde, mit deren einzigem Pop-Song einen unerwarteten Hitparaden-Erfolg. 1994 hielt sich "Mädchen" 23 Wochen in den Deutschen Single-Charts, höchste Position: Platz zwei. Es folgten noch ein paar kleinere Hits, die jedoch nicht - wie es so schön heißt - an frühere Erfolge anknüpfen konnten. Heute glaubt Luci van Org, die 2004 Mutter eines Sohnes wurde, dass sie den Ruhm selbst nicht richtig wollte. "Ich bin kein Partymensch und war es nie. Im Tourbus nannten sie mich damals Höhlenkind, weil ich die ganze Zeit in meiner Koje saß und las oder meine Radiosendung konzipierte. Sich als cool verkaufen, war nie mein Ding. Ich liebe es, Dinge auf der Bühne zu tun, die ich mag. Aber das war es auch schon mit mir und meinem Wunsch nach Öffentlichkeit."

Schauspielerin, auch das eine der Karrieren der Luci van Org, wurde sie später fast aus Versehen. Bei der Neuauflage des 50er-Jahre-Films "Liane, das Mädchen aus dem Urwald" in Form eines Musical-Films spielte sie 1996 die Titelrolle - die klassische Gesangsausbildung - und lernte dabei ihren heutigen Mann kennen. Es folgten weitere Rollen, aber die Schauspielerei sei abgehakt - sagt sie. "Das Letzte, was ich gemacht habe, war die Serie "Heim Herd Hund" für ZDF Kultur - eine Sitcom, in der ich mich selbst gespielt habe". Für einen Menschen, der gemäß ihrer Selbstanalyse das Rampenlicht scheut, ist Luci van Orgs Biografie nicht ganz rund. Irgend etwas, das sie in die Öffentlichkeit treibt, ist dann doch immer wieder "passiert".

Wohler fühle sich die Drehbuch- und Romanautorin, deren zweites Buch über Nordische Sagen im Frühjahr erscheint, jedoch tatsächlich daheim, wo sie "Sprache zu Songs, Büchern oder Geschichten" knetet. An "WAPO Bodensee", ihrem neuen Werk, schätze sie den skurrilen Humor und die tollen Charaktere, die so ganz anders seien, als das, was man sonst am Vorabend zu sehen bekommt. Wenn man eines über dieses widersprüchliche Mädchen zwischen Gothic und Vorabend-Gemütlichkeit sagen kann, ist, dass es ein fleißiges ist. Auch für den immer noch irgendwie präsenten Ruhm durch ihr One-Hit-Wonder könnte das die Erklärung sein. "Na klar", sagt sie, "ich bin diesem Lied sehr dankbar, denn es hat mir alle Türen geöffnet. Wäre ich aber nicht so hartnäckig gewesen wäre bei vielen Dingen, hätten sich diese Türen auch schnell wieder geschlossen. Wenn ich Dinge mache - dann meist sehr lange und gründlich." Womit wieder eine Leichtigkeitslegende, die sich rund um Mädchen hartnäckig halten, widerlegt wäre.

Quelle: teleschau - der mediendienst