Wotan Wilke Möhring und Nik Xhelilaj

Wotan Wilke Möhring und Nik Xhelilaj





Blutsbrüder reloaded

Das hätte ziemlich in die Hose gehen können. Die Nachricht, dass ausgerechnet RTL jene Karl May-Klassiker neu verfilmen will, die das Westernbild der in den 1960-ern und 70-ern aufgewachsenen Deutschen maßgeblich prägten, sorgte nicht überall für Jubel. Drohte nach "Schuh des Manitu" die zweite Parodie, nur diesmal vielleicht eine unfreiwillige? Fans des Karl May-Mythos seien beruhigt. Wotan Wilke Möhring und der albanisch-türkische Star Nik Xelilaj (sprich: Dschelilei) machen sich ausgezeichnet als Old Shatterhand respektive Winnetou. Das Projekt, Karl May einerseits zu seinen Ursprüngen zurückzuführen, andererseits einen modernen und politisch sogar sehr aktuellen "Winnetou" zu erschaffen, ist ebenfalls geglückt. RTL zeigt die drei Filme am Sonntag, 25. Dezember, Dienstag, 27. Dezember, und Donnerstag, 29. Dezember, jeweils 20.15 Uhr.

teleschau: Wie stark war Ihre Verbindung zu Winnetou - vor den Dreharbeiten?

Wotan Wilke Möhring: Sehr stark! Für die Kinofilme bin ich zu jung, aber wenn Karl May-Verfilmungen im Fernsehen liefen, war das ein großes Ereignis bei uns daheim. Ich bin mit zwei Brüdern aufgewachsen, wir haben die Filme nachgespielt. Ich besitze sogar eine Musikkassette mit dem Soundtrack, die habe ich rauf und runter gehört. Auch auf den Karl May-Festspielen in Elspe war ich. Von dort habe ich noch ein Autogramm von Pierre Brice.

teleschau: Nik Xhelilaj, sagte Ihnen der Name Winnetou vorher etwas?

Nik Xhelilaj: Wenn ich ehrlich bin, nein. Ich merkte erst am Set, welch großen Mythos wir da neu inszenieren. Ich glaube, der Regisseur Philipp Stölzl erzählte mir absichtlich nicht zu viel davon, um mich nicht zu belasten. Als ich die deutschen Schauspieler kennenlernte, wurde mir natürlich schnell klar, dass wir an der Neuauflage einer Legende arbeiteten.

teleschau: Haben Sie sich die alten Winnetou-Filme angesehen?

Xhelilaj: Nur einen! Ich konnte nur einen Winnetou-Film finden, der englische Untertitel hatte. Natürlich las ich danach ein bisschen über die alten Filme. Was mich mehr interessierte, war jedoch die Geschichte Karl Mays und die seiner Bücher.

teleschau: Winnetou und Old Shatterhand sind zwei Filmfiguren, die jeder in Deutschland kennt. Mit welcher Strategie gingen Sie an diese Charaktere ran?

Möhring: Ich bin kein Stratege und mache viel mit dem Instinkt. Es gab es viele Gründe, diese Filme zu machen. Historisch zu drehen ist immer toll, einen Western zu machen noch toller. Dann ist da eine Figur, mit der ich viel anfangen kann, weil ich sie seit meiner Jugend kenne. Ich hatte Lust, Old Shatterhand im Sinne Karl Mays neu zu interpretieren. Ich bin ein Fan der Filme aus den 60er-Jahren, dennoch ist der Stoff zeitlos. Wir beschwören die Idee von Völkerverständigung und der übergreifenden Freundschaft aufs Neue. Karl May erschuf damals eine großartige Erzählung.

teleschau: Was machen die neuen Filme anders als die Klassiker aus den 60-ern?

Möhring: Sie sind schmutziger und scheuen sich nicht zu zeigen, dass das Leben damals hart war. Aber wir bewahren natürlich auch zum Teil alte Bilder. Wir drehten in der gleichen Region, in der die alten Filme entstanden. Auch unsere Indianer wohnen in Zelten auf der Prärie. Karl May hat unser Indianerbild in Deutschland enorm geprägt. Auch ich war so angestachelt von seinen Erzählungen, dass ich als Erwachsener in die USA fuhr, um mir dort Indianer-Reservate anzusehen. Das war lange vor diesen Filmen. Die meisten Indianer lebten übrigens in Pueblos, nicht in Zelten.

teleschau: Wissen Sie, warum die Karl May-Filme damals solche Straßenfeger waren?

Möhring: Ich glaube, es war die Größe und die Ferne dieser Erzählungen. Der erste Film kam 1962 heraus, das war fast noch Nachkriegszeit. Man konnte sich über die Filme in andere Welten hineinträumen. Es waren Heldenerzählungen aus einer Welt, die weniger kompliziert erscheint als die reale. Gut und Böse waren klar identifizierbar. Und es gab diese faszinierende Idee von Freundschaft, ja Blutsbrüderschaft. Das haben wir doch alle nachgespielt. Eine Freundschaft, die größer ist als die Summe zweier Menschen. Das ist doch eine tolle Idee!

teleschau: Nik, haben Sie auch einen Akt der Blutsbrüderschaft mit Wotan vollzogen?

Xhelilaj: Ja, aber ohne Messer. Dafür mit einer Flasche Wein. Wotan brachte zu den Dreharbeiten einen Winnetou-Wein mit, dessen Etikett ein Bild aus den alten Filmen war. Damit haben wir unsere Blutsbrüderschaft besiegelt (lacht). Wotan und ich sind durch die Dreharbeiten tatsächlich zu sehr guten Freunden geworden.

teleschau: War das ein Wein aus jener Region, in der die Filme gedreht wurden?

Möhring: Nein, er war aus Deutschland: Karl May-Edition, hieß das (lacht).

Xhelilaj: Wir haben uns die Flasche bis zu meinem letzten Drehtag aufgehoben. Ich war zuvor auf einer strikten Diät und durfte keinen Tropfen Alkohol trinken. Winnetou spielt ja bekanntlich oben ohne. Der letzte Drehtag war erst morgens zwischen 3 und 4 Uhr beendet. Danach öffneten wir die Flasche.

teleschau: Nik, was macht für Sie den Charakter Winnetou aus?

Xhelilaj: Er ist durchaus komplex. Eine physisch imposante Erscheinung, aber auch sehr aufrecht und reduziert in seinem Charakter. Er sagt wenig, aber seine Worte haben große Bedeutung. Natürlich half es mir, dass ich die Sprache Lakota lernte. Es ist nicht die Original-Sprache der Apachen, die gilt als verloren. Aber Lakota ist eine alte Indianer-Sprache aus derselben Region.

teleschau: Transportieren die neuen Filme eine andere Aussage als die alten?

Möhring: Es sind Gewichtungen, die wir verschieben - aber sie sind schon sichtbar, denke ich. Die alten Filme betonten mehr die weiße und vor allem männliche Welt, anders ging es damals einfach nicht. Nun sind wir mehr bei den Indianern. Zudem sind die Frauen präsenter. Im Original-Buch wird Nscho-tschi, die Schwester Winnetous, auf dem Weg zur Haushaltsausbildung ermordet. Bei uns ist sie Schamanin, also neben dem Häuptling die wichtigste Person eines Stammes. Wir zeigen in unseren Filmen außerdem die wachsende Erkenntnis Old Shatterhands, dass die wahren Wilden in der Stadt der Weißen wohnen und eben nicht bei den Indianern.

teleschau: Im ersten Teil reiten die Indianer in jene schmutzige Western-Stadt und fragen einander angewidert: Wie kann man so leben?

Möhring: Genau, solche Zeilen wären in den alten Filmen sicher nicht möglich gewesen. Auch dass Winnetou zu Old Shatterhand, der sich zwischen den Kulturen der Indianer und Weißen zerrissen fühlt, sagt: "Du musst dich nicht entscheiden, du kannst in beiden Kulturen leben" - Das sind tolle Sätze, die man gerade heute sehr gerne in einem Film spricht und hört.

teleschau: Im dritten Teil sehen wir Mario Adorf, der bereits bei den alten Filmen mitwirkte!

Möhring: Er fand es großartig, dass die Karl May-Erzählung neu aufgelegt werden. Und er erzählte natürlich ein paar tolle Anekdoten. Auf der einen Seite hatten wir es heute viel leichter beim Dreh. Zum Beispiel, wenn es darum ging, das ganze Equipment in die kroatischen Berge zu schaffen. Das war damals noch sehr mühsam. Dafür war anderes einfacher. Wir drehen heute in Nationalparks, wo strenge Umweltvorschriften gelten. Damals kippte man einfach Öl auf einen See und zündete es an. So was kann man - zum Glück - heute nicht mehr machen.

teleschau: Was mussten Sie, Nik - außer der Indianersprache - für den Film lernen?

Xhelilaj: Das Härteste für mich war das Reiten. Natürlich war auch die körperliche Veränderung ziemlich anstrengend, aber auch berechenbar. Wenn du sehr bewusst isst und trainierst, sieht man irgendwann aus wie Winnetou, das ist reine Mathematik. Anders ist es mit Pferden, die sind unberechenbar. Ich hatte schon immer Angst vor ihnen. Man weiß nie, was sie im nächsten Moment tun. Trotzdem war es gut, dass ich über mehrere Wochen täglich zwei bis drei Stunden reiten musste. Und dass ich dafür ich einen exzellenten Reitlehrer und Tiertrainer an meiner Seite wusste. Trotzdem: Die größte Herausforderung in dem Film war, dass man mir abnimmt, der Umgang mit Pferden sei für mich die natürlichste Sache der Welt.

teleschau: Was lernen wir heute von Karl May?

Möhring: Das gleiche wie vor 50 oder 100 Jahren. Karl May war ein großer Humanist, und seine Ideen sind heute aktueller denn je: Wir Menschen müssen uns öffnen, um unser Glück zu finden. Unser Ziel muss sein, Verbindungen zu erschaffen, keine Grenzen. Wenn wir nicht von Angst getrieben werden, sondern von positiver Neugier, können wir gemeinsam sehr viel erreichen. Blöderweise klingt diese einfache Regel momentan wie eine kühne Utopie. Aber ich höre nicht auf, daran zu glauben.

Quelle: teleschau - der mediendienst