Michael Mittermeier

Michael Mittermeier





"Sigmar Gabriel ist die Hillary Clinton der SPD"

Wer sich politisch engagiert, muss mit Anfeindungen leben. Das hat Comedian Michael Mittermeier bitterlich erfahren müssen: "Ich habe schon Mordwünsche erhalten und Vergewaltigungsfantasien gegen meine Familie", erzählt der 50-Jährige im Interview. Den Mund lässt er sich dennoch nicht verbieten, auch dann nicht, wenn es um Kollegen wie Mario Barth geht. Eigentlich aber, bekräftigt er, geht es ihm nur darum, Menschen zu unterhalten: "Nennt mich Comedian, ich bin stolz drauf!" Genau das macht Mittermeier derzeit auch sehr erfolgreich: Sein neuestes Buch "Die Welt für Anfänger" steht seit Kurzem in den Regalen, mit dem aktuellen Programm "Wild" tourt er durch die Republik. Am Donnerstag, 22. Dezember, 20.15 Uhr, zeigt ProSieben eine Aufzeichnung von "Wild - Michael Mittermeier LIVE".

teleschau: Herr Mittermeier, vor einem Jahr sagten Sie in einem Interview, Sie würden auch einen Donald Trump als US-Präsidenten überleben. Sind Sie sich da noch sicher?

Michael Mittermeier: Natürlich werde ich Trump überleben. Schließlich bin ich ein paar Jahre jünger als er. Wenn nicht, dann würde ich etwas falsch machen im Leben. Außerdem glaube ich an das Gute, nicht an die dunkle Seite der Macht. Man sieht, wie Trump jetzt versucht, zurückzurudern. Ein Jahr lang hat er Hass gesät, der ihm jetzt natürlich ins Gesicht bläst. Als künftiger Präsident merkt er, dass er so nicht weitermachen kann. Ich glaube, dass Trump eines Tages vor laufender Kamera durchdrehen wird. Ich gebe ihm keine zweite Amtszeit.

teleschau: Wie erklären Sie sich die Beliebtheit von Trump?

Mittermeier: Es gibt eine große Masse in den USA, die sich nicht mehr von der Regierung angesprochen fühlt. Es wird viel mit Hetze, Hass und Lügen agiert. Ohne Twitter und Facebook wäre Donald Trump heute wohl nicht Präsident. Er hat bewusst gelogen und sich so Wähler eingesammelt. So extrem wäre das in Deutschland nicht möglich.

teleschau: Populisten gibt es allerdings auch hierzulande zuhauf ...

Mittermeier: Natürlich. Nur würde eine Partei wie die AfD nicht die Hälfte der Stimmen bekommen. Ein Björn Höcke, so jemand tut ja weh. Da wirft sich der Humanismus ins Grab und fängt an zu weinen. Das ist unfassbar. So einer würde aber nie auf Augenhöhe mit Angela Merkel konkurrieren. Was in der SPD derzeit abläuft, ist allerdings auch traurig. Die hatten jahrelang Zeit, sich einen Kandidaten aufzubauen, und jetzt haben sie keinen. Sigmar Gabriel ist die Hillary Clinton der SPD. Und Martin Schulz, der ist auch nicht wirklich die Lösung.

teleschau: Ist jemand wie Trump nicht ein Geschenk für einen Comedian?

Mittermeier: Jede schlechte Nachricht ist eine schlechte Nachricht und kein Segen. Ich mag diese Welt, und ich mag die Menschen, deswegen mache ich Humor für sie. Ich bin kein Zyniker. Ein guter Comedian kann auch dann gute Nummern machen, wenn nur gute Dinge passieren auf der Welt.

teleschau: Aber benötigt man nicht etwas, an dem man sich reiben kann?

Mittermeier: Man kann auch über kleine Hunde eine lustige Nummer machen. Oder über eine Absurdität wie Fußgängerampeln am Boden, damit Smartphone-Nutzer nicht nach oben blicken müssen. Wenn ich nur über Trump reden würden, käme kein Mensch mehr zu mir.

teleschau: Sie haben Amerikanistik studiert. Woher kommt Ihre Faszination für die USA?

Mittermeier: Meine Entscheidung hatte nichts mit Begeisterung zu tun, ich war kein Amerika-Junkie. Ich wollte etwas studieren, das mich interessiert, das aber gleichzeitig arbeitstechnisch nicht intensiv war. Ich war nämlich während meines Studiums immer wieder auf Tour. Eines hat mir mein Studium aber auf jeden Fall gebracht: Ich habe gelernt, über Zusammenhänge nachzudenken.

teleschau: Sie sind mit einem englischsprachigen Programm mehrmals in den USA aufgetreten. Wie sind Sie dort mit Ihrem deutschen Humor angekommen?

Mittermeier: Es hat super funktioniert. Ich komme nicht wegen oder trotz meines deutschen Humors an. Und überhaupt: Was ist denn "der deutsche Humor"? Den gibt es nicht. Wenn ich im Ausland bin, heißt es oft, ein deutscher Comedian sei ein Paradoxon. Ein lustiger Deutscher ist für viele Engländer so etwas wie ein russischer Menschenrechtsausschuss! Die Welt nimmt uns als Humornation nicht wahr, weil deutscher Humor im Ausland nicht stattfindet. Das liegt aber nur an der Sprachbarriere.

teleschau: Wie sieht Ihr Programm aus, wenn Sie im Ausland spielen?

Mittermeier: Man kann sein Programm nicht eins zu eins im Ausland spielen. Das würde nicht funktionieren. Humor ist eigentlich universal, hat in jedem Land aber eigene Ausprägungen. Entscheidend sind immer die aktuellen Entwicklungen, die die Menschen interessieren.

teleschau: Sie haben auch in Moskau gespielt ...

Mittermeier: Als ich in Russland aufgetreten bin, habe ich die Linie besichtigt, die markiert, wie weit die Deutschen im Zweiten Weltkrieg gekommen sind. Zu meiner Überraschung lag sie mitten in Moskau. Ich habe meinen Begleiter gefragt, wie das sein kann, schließlich waren die Deutschen nie in der Stadt. Er sagte mir, dass Moskau in den letzten Jahren so gewachsen ist, dass die Stadtgrenzen die Linie überschritten haben. Und was macht die Regierung? Sie hat das Gebiet ausgemeindet, sodass sich die Linie offiziell gar nicht in Moskau befindet. Blickt man von dort stadteinwärts, sieht man eine große IKEA-Filiale. Das habe ich auf der Bühne aufgegriffen: "Scheiße, die Schweden sind weiter gekommen als wir Deutschen!" Die Russen haben sich weggehauen vor Lachen!

teleschau: Wie kommt es, dass Sie sich in letzter Zeit vermehrt auch zur aktuellen Politik äußern?

Mittermeier: Ich habe schon vor 15 Jahren Stellung bezogen. Nur ist das scheinbar nicht aufgefallen. Vielleicht, weil es damals noch nicht so wichtig war. Der Hauptteil meines Programms ist aber Entertainment. Ich will die Leute zum Lachen bringen. Ich finde, das ist in der heutigen Zeit eine wichtige Aufgabe. Es ist schön, wenn die Leute sich mein Programm anschauen und einfach nur eine gute Zeit haben.

teleschau: Sie sehen sich also vor allem als Comedian, weniger als Kabarettist?

Mittermeier: Ich mache diese Unterscheidung nicht. Nur die Deutschen unterscheiden zwischen Comedy und Kabarett, kein anderes Land tut das. Im Rest der Welt spricht man einfach von Standup Comedy, das vereint alle Strömungen. Ich bin stolz, ein Unterhalter zu sein. Wenn ich machen würde, was das Feuilleton lustig fände, hätte ich 50 Zuschauer am Abend. Na danke. Sogenannte Kabarettisten machen auch nichts anderes als ich, nur dass ihr Metier oftmals als höherwertig dargestellt wird. Aber das ist Unsinn. Nennt mich Comedian, ich bin stolz drauf!

teleschau: Sie haben sich vor Kurzem auf Facebook mit einem anderen Comedian angelegt: Mario Barth hatte vor dem Trump-Tower in New York ein Video gemacht und behauptet, die Proteste gegen Donald Trump seien eine Erfindung der Medien ...

Mittermeier: Mein Facebook-Post in seine Richtung ist ja schon länger her und war lange vor dem Video. Grundsätzlich: Comedy ist Geschmackssache. Und jeder Comedian hat seine Berechtigung, weil er auf die Bühne geht und die Menschen zum Lachen bringt. Wenn du dich aber heute allen Ernstes vor die Kamera stellst - und sei es nur mit einem Facebook-Video - und versuchst, mit einer Unwahrheit die angebliche Lügenpresse zu entlarven, dann ist das traurig. Was ich nicht nachvollziehen konnte, war der extreme Hass, der dann von seinen Leuten über mich gekommen ist.

teleschau: Erfahrung mit extremen Reaktionen mussten Sie allerdings auch schon zuvor machen ...

Mittermeier: Wenn ich eine Satire über die AfD mache, weiß ich, was passieren wird. Ich habe schon Mordwünsche erhalten und Vergewaltigungsfantasien gegen meine Familie. Ich krieg das zu tausenden.

teleschau: Wieso tun Sie sich das dann noch an?

Mittermeier: Diese Menschen bekommen meinen Hass nicht, aber auch nicht meine Angst. Wenn ich auf die Bühne gehe und meinen Mund aufmache, dann muss ich auch Haltung beweisen, wenn die Wahnsinnigen kommen. Sonst wäre ich feige.

Quelle: teleschau - der mediendienst