Katharina Schüttler

Katharina Schüttler





Warum die Kritiker mehr Macht haben, als sie denken

Der Weg von Katharina Schüttler war offenbar vorgezeichnet. Die 1979 in Köln geborene Schauspielerin ist ein Theaterkind, ihre Eltern haben ihr die Liebe zur Bühne fast in die Wiege gelegt, Schüttler spielte schon als elfjährige Schülerin in ihrem ersten Film mit. Der Durchbruch gelang 2002, als sie für ihre schauspielerische Leistung in "Sophiiie" beim Filmfest München mit dem Förderpreis Deutscher Film bedacht wurde. Als jüngste Schauspielerin zeichneten sie Kritikerkollegen 2006 für das Fachblatt "Theater heute" als Schauspielerin des Jahres aus. Mittlerweile in Berlin lebend überzeugt die Mutter zweier Kinder seitdem auf Bühne und Leinwand gleichermaßen. Im TV-Drama "Seit du da bist" (Mittwoch, 14. Dezember, 20.15 Uhr, ARD) spielt Schüttler die junge alleinerziehende Mutter Alina, die eine Jobchance ergreifen will und daher versucht, die eigene Tochter zu verheimlichen.

teleschau: Frau Schüttler, was schätzen Sie an "Seit du da bist"?

Katharina Schüttler: Die unkonventionelle, vielleicht sogar undeutsche Erzählweise. Sie erinnert mich an das französische Kino, wo Dinge eher angedeutet werden und es nicht immer nur um das zwingend Notwendige geht. Michael Hofmann (der Regisseur und Autor, d. Red.) macht das mit seiner Beobachtungskunst, indem er Dinge aus dem Leben greift, Dialoge erfindet, die eine ganze Welt öffnen. Es geht um mehr als die bloße Situation. Dadurch werden die Figuren zu glaubhaften Menschen. Das ist fast wie bei einer Geige, deren Saite man streicht und etwas beginnt zu schwingen. Der Ton überträgt sich dann, und so verhält es sich hier mit den Dialogen, die etwas auf uns übertragen und in uns zum schwingen bringen.

teleschau: Sie loben die unkonventionelle Erzählweise. Ist das auch als eine Kritik an der Konvention zu verstehen?

Schüttler: Ich werde ein wenig müde, wenn ich mich jammern und beschweren höre, über Dinge die anders sein sollten. Wenn ich auf einen Rohdiamanten wie Michael Hofmanns Schreib- und Filmkunst treffe, finde ich es reizvoller, mich mit der Qualität auseinanderzusetzen, als zu überlegen, was mir anderswo vielleicht nicht gefällt. In der Erzählweise des Films liegt für mich eine besondere Schönheit verborgen. Oft hört man, dass die Zuschauer dieses oder jenes nicht sehen wollen, dass eine bestimmte Konvention erwartet werde oder erwünscht sei. Ich glaube, dass die Zuschauer sehr wohl Qualität sehen und sich auch darin Wiedererkennen wollen. Auch wenn es sich um eine anspruchsvolle Erzählweise handelt.

teleschau: Diese Müdigkeit bezüglich des Kritisierens, hat die etwas mit dem Zeitgeist zu tun? Gerade wird ja vor allem sehr laut, aber wenig konstruktiv kritisiert ...

Schüttler: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Kritik wenig verändert. Ich denke, dass man Energie in das geben muss, was man möchte. Gegen den Krieg zu sein, ist weniger hilfreich, als für den Frieden zu sein. Das mag ein plattes Beispiel sein, aber es ist konstruktiver, sich auf das zu fokussieren, was man will. In der Tat ist es eine gute Sache, sich zu fragen, was man eigentlich will.

teleschau: In einem Interview haben Sie kürzlich den Umgang von Filmkritikern mit Filmen kritisiert und gesagt, Kritiker könnten "Projekten schaden, in denen viel Zeit und Herzblut steckt" ...

Schüttler: Ja. Schon im Wort Filmkritik steckt das Wort Kritik. Ich bin mir gar nicht sicher, ob im Wortursprung Kritik überhaupt etwas Negatives liegt, aber wir nehmen es so wahr. Es trifft vielleicht nicht auf Filmkritiken im Feuilleton der Tageszeitungen zu, aber Stadt- oder Kinomagazine können mit einem Daumen zur Seite oder einem Stern weniger dazu beitragen, dass man sich für einen anderen Film entscheidet. Das passiert letztendlich unbewusst und ist im Grunde der subjektiven Meinung eines Kritikers geschuldet. Der Leser ist sich dieser Subjektivität aber oft nicht bewusst. Das geschriebene Wort vermittelt den Eindruck von Objektivität. Aus diesem Grund würde ich mir manchmal eine größere Sensibilität wünschen. Man sollte sich beim Schreiben bewusst sein, welche Macht man hat. Es geht auch darum, eine Qualität wertschätzen zu können, selbst wenn sie vielleicht nicht den eigenen Geschmack trifft.

teleschau: Ist Filmkritik tatsächlich noch so mächtig? Beeinflusst die immer noch, wie viele Menschen einen Film sehen oder nicht?

Schüttler: Ich unterscheide zwischen der Kritik im Feuilleton, die nicht die breite Masse erreicht, und der in Stadtmagazinen oder auf Portalen wie cinema.de oder kino.de, die häufig sehr knapp mit Daumen und Sternen bewerten. Ich lese gerne gut geschriebene Filmkritiken. Ich sehe gerne Filme, lese aber auch gerne über Film. Daher bin ich auch sehr traurig, dass der Filmdienst eingestellt wird.

teleschau: In "Seit du da bist" spielen Sie die allein erziehende Mutter Alina, die sich in ein Kartenhaus aus Lügen begibt. Was ist in deren Leben schiefgelaufen?

Schüttler: Da ist doch gar nicht so viel schiefgelaufen, und das empfindet Alina auch nicht so. Sie ist alleinerziehend, und es ist schlichtweg alles andere als einfach, alleinerziehend zu sein. Du musst dich immer wieder fragen, wie organisiere ich mein Leben, meine Arbeit und wie verbringe ich Zeit mit meinem Kind. Gerade wenn der Vater woanders lebt. Es ist ein schmaler Grad zwischen Selbstverwirklichung und der Verantwortung für sein Kind. Es ist dieser kaum zu bewältigende Spagat, mit dem Alina kämpft.

teleschau: Im Film steckt eine Kritik an der Gesellschaft. Was macht es so schwer für Alleinerziehende?

Schüttler: Ich könnte nun einen weiten Sprung machen und für das bedingungslose Grundeinkommen plädieren, aber der wäre vielleicht etwas zu weit. Wir müssen Geld verdienen, müssen arbeiten, und je weiter unten man ist, desto mehr muss man für sein Geld arbeiten. Da ist von Selbstverwirklichung noch keine Rede. Aber genau darum geht es: Wo bleibe ich mit meiner Leidenschaft, meinen Wünschen? Alina ist talentiert, kreativ, sie sprüht vor Energie. Ihre Lebenssituation lässt ihr aber kaum Möglichkeit, dieses Potential auszuschöpfen. Unsere Welt ist gnadenlos und verlangt oftmals ein Ganz-oder-gar-nicht. In unserer Gesellschaft ist es wahnsinnig wichtig geworden, "jemand zu sein", weiterzukommen, ganz vorne mitzuspielen. Das ist mit einer Halbtagsstelle kaum zu schaffen. Also verschweigt sie ihre Tochter, um den Job überhaupt zu bekommen und in der Hoffnung nach überstandener Probezeit halbtags arbeiten zu können.

teleschau: Sie gehören zu einer Generation, die kein existentielles Leid erfahren musste. Die Lehre dieser und der Generation danach ist die, dass wer sich anstrengt etwas erreicht. Gleichzeitig gehört der Gedanke dazu, dass es die Kinder immer besser haben sollen. Ist das immer weiter möglich, lässt sich dieses Rad immer weiter drehen?

Schüttler: In unserer westlichen Welt gibt es von allem immer mehr: eine schier unendliche Anzahl von Luxusgütern. Firmen denken sich Produkte aus, und kreieren immer neue Bedürfnisse. Wir wollen alles erleben, nichts verpassen. Die Zahl der Möglichkeiten steigt permanent. In welches Land fliege ich als nächstes? Welche Hauptstadt besuche ich am Wochenende für 50 Euro.

teleschau: Wie beeinflusst diese "immer mehr" das Geschlechterbild.

Schüttler: Kinder binden einen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass in der Generation der Fassbinder-Kolleginnen, nur wenige Schauspielerinnen Kinder bekommen haben. Es schien die landläufige Meinung zu sein, dass man sich entscheiden muss: Kind oder Karriere? Das hat sich, denke ich, verändert. Heute haben viele meiner Kolleginnen eine Familie. Es ist sicherlich herausfordernd, aber auch eine große Bereicherung.

teleschau: Ihre Eltern sind Schauspieler. Wie normal war es denn, dass Sie Schauspielerin wurden?

Schüttler: Es klingt naheliegend, aber meine Geschwister machen beide etwas anderes. Für mich hat es Sinn gemacht. Hätte ich mit elf Jahren nicht meinen ersten Film gedreht, wäre es vielleicht anders gelaufen, aber vermutlich nicht. Für mich war es normal. Der Wunsch war sehr klar in mir.

teleschau: Haben sich Ihre Eltern gefreut, dass Sie Schauspielerin werden?

Schüttler: Meine Eltern hätten mich in allem unterstützt. Ich denke sie haben sich aber schon gefreut, dass wir uns auch künstlerisch austauschen können und uns so, über das Eltern-Kind-Verhältnis hinaus, auch auf einer beruflichen Ebene begegnen. Es ist toll, wenn diese familiäre Liebesbeziehung einen in die Arbeitswelt begleitet.

teleschau: Verändert dieses Element die Eltern-Kind-Beziehung?

Schüttler: Es erweitert sie auf jeden Fall. Wir können einander wichtige Ratgeber sein, da wir uns in beruflichen Fragen auf Augenhöhe begegnen. Man kann sich gegenseitig inspirieren und immer wieder etwas voneinander lernen. Das ist sehr schön.

Quelle: teleschau - der mediendienst