The Rolling Stones

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Alte Liebe, die rosten darf

Eigentlich haben es die Rolling Stones nicht mehr nötig, etwas klarzustellen. Trotzdem pochen die Herren gehobenen Alters dieser Tage mit Nachdruck darauf, eine Bluesband zu sein. Unterstreichen soll dies "Blue & Lonesome", eine neue Platte der Stones, die bis ins Mark "blue" ist und auf Standards ihrer US-amerikanischen Ahnen beruht. Man habe weiterhin Schulden bei diesen Heroen abzuzahlen, sagte ein devoter Keith Richards 2009 im BBC-Interview. Ehrenmänner eben, diese Herren Richards (72), Jagger (73), Watts (75) und Woods (69). Ehrenmänner, die seit Jahrzehnten Wort halten, eine alte Liebe hegen und pflegen und ihr nun endlich alle Aufmerksamkeit schenken.

Erneuerer des Blues gibt es nicht und wird es auch nie geben. Der Spielstil rostet ohne zu zerbrechen vor sich hin und zitiert sich seit eh und je selbst. Auch "Wunderkinder" wie aktuell Gary Clark Jr. oder der Deutsche Jesper Munk wagen es nicht, ihre Musik um allzu viele zeitgemäße Facetten zu erweitern. Und wenn die Rolling Stones sagen, sie würden eine vom Blues infizierte Platte bereitstellen, sind Neuerungen ebenso wenig zu erwarten. Dabei legt das Quartett sein Hauptaugenmerk auf den Chicago Blues, mit dem sie als Kinder der Nachkriegszeit aufwuchsen. Genauer handelt es sich dabei um die sogenannte zweite Phase aus der "Windy City", die durch die Zuwanderung von afroamerikanischen Ex-Baumwollpflückern auf der Suche nach Arbeit befeuert wurde.

Howlin' Wolf ist einer der Helden jener Zeit, dessen "Little Red Rooster" die Stones 1964 zu einem ihrer ersten Nummer-Eins-Hits machten. Ein Jahr später schleppten sie ihn vor die Kameras einer US-Musikshow. Für britische Blues-Fanatics wie Mick Jagger und Keith Richards war die Musik des knurrenden Hünen das Größte; doch die Amerikaner kannten nicht einmal mehr seinen Namen. 2011 bezahlten die Stones gar die Beerdigung von Wolfs in Vergessenheit geratenem Gitarristen Hubert Sumlin. Muddy Waters, der wohl bekannteste Recke der Post-War-Phase des Chicago Blues und durch einen seiner Songtitel auch Namenspatron der Rolling Stones, sagte einst über Jagger: "Er hat zwar meine Musik geklaut, doch er machte mich auch bekannt." Die Stones sorgten dafür, dass die Blues-Altvorderen auf Europas Bühnen wieder Respekt erfuhren.

In den USA herrschte dagegen weiter Desinteresse an den Originalen; Londoner Kopien wie die Stones, The Pretty Things, The Animals und die Yardbirds schwappten dagegen gemeinsam mit den Soul- und Rock-Reminiszenzen der wenige Monate vorher schon durchgestarteten Beatles als British Invasion über den Atlantik. Die Amerikaner standen auf diese wilden Jungs mit dem sexuell aufgeladenen Sound. Das stones'sche Selbstverständnis, man würde sich von der Konkurrenz aus Liverpool abheben, ging allerdings im Hype unter und war auch anhand ihrer ersten Plattenaufnahmen nicht haltbar. Als man damit begann, Standards einzuspielen, wussten Label, Studio und Produzenten das Produkt so glattzubügeln, dass vom aufregenden Rhythm'n'Blues der Liveshows wenig übrig blieb. Dem Erfolg schadete dies freilich nicht.

"Come On" etwa, die im Juni 1963 erste veröffentlichte Single der Band, hat die Spuren des Chuck-Berry-Originals fast restlos kaschieren können und erreichte einen respektablen 21. Platz im Vereinigten Königreich. Single Nummer zwei, "I Wanna Be Your Man", stammte gar aus der Feder des Duos Lennon/McCartney - losgelöster Beat-Sound aus den frühen Beatles-Tagen eben, mit dem die Stones auf Platz zwölf schossen. Wegbegleiter aus der Londoner Hipster-Szene zeigten sich enttäuscht von den als Zugpferde einer Rhythm'n'Blues-Revolution angetretenen Jünglingen; das damalige Quintett fremdelte selbst mit seinem Output und vermied es, die Hits live zu spielen.

Auf der Bühne gaben sich die Stones vielmehr als Puristen, Blues galt als ihr Credo, erklärte einst Mick Jagger. Die Liebe zur Spielart reifte früh. Keith Richards Eltern ließen Jazz- und Blues-Platten laufen - er sog die schwarze Musik sozusagen mit der Muttermilch auf, ohne zu wissen, dass die Interpreten schwarz waren und aus den USA kamen, wie er 2009 im BBC-Gespräch erklärte. Mit 15 war er begeistert von Chuck Berry und wollte wissen, was dahinter stecke, was den Rock-Urvater prägte. Also wühlte er sich durch die alten Platten - gemeinsam mit Freund und "Blues-Maniac" Mick Jagger. "Wer den Blues nicht kennt, kann keine Gitarre in die Hand nehmen und Rock oder andere populäre Musik spielen", philosophierte der Gitarrist einmal.

Auf Platte nachzuvollziehen war dieser Background dann erst mit der dritten Single: "Not Fade Away", im Original ein Rockabilly-Stück von Buddy Holly. Unter der Ägide der Stones durchbrachen Brian Jones' Mundharmonika und Jaggers raschelndes Tamburin die Schreie der Mädchen, die nun immer lauter wurden und der Band auf Platz drei der Charts verhalfen. Selbst pure Blues-Lieder zu schreiben, traute man sich in der Folge aber nicht: "Blues war amerikanisches Erbe", machte Mick Jagger einst deutlich. "Ich konnte das singen und nachempfinden, aber nicht neu erfinden." Auch wenn im anschließenden Werk der Rolling Stones der Blues mit seiner Melancholie und seiner Trübsal oft nur Randerscheinung blieb, gilt er doch als verbindender Kitt, der seit knapp 55 Jahren die Gruppe zusammenhält.

Als "Blue & Lonesome" in nur drei Tagen Ende 2015 eingespielt wurde, traf man sich eigentlich, um neu verfasste Lieder aufzunehmen. Die Blues-Standards von Howlin' Wolf, Little Walter und Willie Dixon sollten der Einstimmung dienen, als das eigentliche Anliegen nicht vorangehen wollte. Schnell waren die Eigenkreationen vergessen. "Das Album entstand von alleine", ließ Richards den "Rolling Stone" wissen, Ronnie Wood erklärt die Platte zum "Ergebnis einer lebenslangen Studie". Diese begann mit dem Blues. Ob sie mit ihm endet, verbietet sich zu fragen. Die Rolling Stones verdienen zweifelsfrei jenen Platz, den sie ihrer alten Liebe nun einräumen. Und diese ewig rostende alte Liebe verdient ihn umso mehr.

Quelle: teleschau - der mediendienst